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Wird uns die Musik irgendwann ausgehen?

Wenn eine Million Affen, eine Million Jahre lang mit Affen-Groupies schlafen und ab und zu einen Song schreiben, werden irgendwann alle theoretisch möglichen Songs entstehen.
11 August 2015, 8:15am

Foto via Flickr | James Stewart | CC BY-SA 2.0

Vielleicht ist es euch schon aufgefallen: Es gibt verdammt viele Songs. Meine intensive Recherche—die Wikipedia-Seite vom Itunes-Store—hat 37 Millionen ergeben. Das ist schon weitaus mehr, als ich mir irgendwie vorstellen kann. Aber wie viele Songs können geschrieben werden, bis die Musik komplett erschöpft ist? Leute, die mathematisch versierter sind als ich, haben schon Berechnungen angestellt, wie viele Songs es theoretisch geben kann. Coveredinbees.org hat die Permutationen der Bits einer unkomprimierten Musikdatei ausgerechnet. Die Zahl, die sie dabei rausgekriegt haben, hat 63 Millionen Stellen. Zum Vergleich: Die Zahl der Atome auf der Erde hat 50. Folgst du mir noch?

Das ist solide mathematische Arbeit, die interessant, aber vollkommen an der Realität vorbei ist. Du könntest genau so gut alle möglichen Bücher dadurch errechnen, indem du Wörter wahllos aneinander reihst. Die Anzahl an sinnvollen, musikalischen Kombinationen ist nämlich gar nicht so groß und meine Großeltern haben ein bisschen Recht, wenn sie sagen, dass die Musik von heute immer gleich klingt. Ich versuche dir anhand der üblichen Bestandteile eines Songs zu erklären, warum meine Großeltern wohl auch Recht behalten werden.

Melodik

Zwölf Töne in einer Oktave, effektiv sechs verschiedene Tondauern—um das ganze simpel zu halten—und eine unglaublich große Menge an Kombinationen; Ferrouslepidoptera hat berechnet, dass du noch 3916514807686766283344588049 Jahre durchgehend einzigartige Melodien hören kannst. Die meisten davon klingen verdammt schrecklich. Wenn eine Melodie „funktionieren“ soll, dann überleg dir: Kann eine Horde Betrunkener diese Melodie im Fußballstadion singen? Nein? Dann ist es Kunstmusik und in den Augen der Mehrheit komplett abgedrehtes Zeug. Eine Melodie ist am besten kurz, spielt sich im Bereich einer Quinte ab und ist in Dur. Das ist das wahre Hitmaterial; du bist aber wahrscheinlich nicht der Erste, dem das auffällt. Außerdem ist jedes Genre durch seine typischen Skalen begrenzt. Das ist kein Gesetz, dass du niemals brechen darfst, aber hör die „Enter Sandman“ in Dur an, und du hörst was ich meine.

Harmonik

Wenn man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnt und bei den klassischen Dur/Moll-Dreiklägen und vier Akkorden bleibt, hat man pro Tonart 2401 Variationen. Aber damit wir eine Akkordfolge als schlüssig empfinden, brauchen wir Spannung und Entspannung. Wenn eine Akkordfolge keine Spannung hat, wirkt sie langweiliger als die Vorstellung, einen ganzen Tag in der Oper zu verbringen. Wenn sich die Spannung nicht löst, ist es frustrierend. Die meisten Songs basieren deshalb auf ein paar wenigen Standards, die sich bewährt haben. Was auch nichts Schlechtes sein muss, aber du hast sie alle schon gehört. Meinem Gefühl nach besteht das gesamte Repertoire der Folkmusik aus nichts Anderem, als drei Akkorden. Trotzdem ist es keine schlechte Musik.

Die Akkordfolge funktioniert. Und so sehr ich auch schimpfen will, dass die Musiker einfallslose Pfuscher sind, sind das meistens deutlich unterscheidbare Songs. Sich krampfhaft gegen Funktionsharmonik zu wehren, ist auch nicht Sinn der Sache—zumindest wenn man Songs schreiben will, die auch Leute hören sollen, die keinen Bock auf Zwölftonmusik haben.

Rhythmus

Vier Minuten bei 120 BPM ergeben 1920 Sechzehntel. Multipliziert mit Bassdrum, Snare, Becken und Toms...ich hab keine Ahnung, 7.6^578 (vielleicht?). Ich hab in Kombinatorik nicht aufgepasst, die Internet-Mathematiker haben mich im Stich gelassen und dir geht das Ganze vermutlich auch am Arsch vorbei. Die Zahl ist auf jeden Fall wieder riesig. Der experimentelle Spielraum ist nach oben hin offen, aber wenn der Rhythmus sich nicht wiederholt und die Leute nicht zum Tanzen oder Headbangen einladet, macht er seinen Job nicht. Berechnungen dazu anzustellen sind nett, aber haben mit der Realität wieder nichts am Hut. Mathrock und Breakcore zum Beispiel sind rhythmisch extrem interessant, aber der Publikumsfavorit bleibt four-to-the-floor.

Sound

Schluss mit Mathe, ich habe keine Ahnug wie man Sound quantifizieren könnte. Sound hat sich durch technische Neuerungen soweit entwickelt, dass die Möglichkeiten wieder gegen unendlich streben. Aber wo der Rest meist einem Zweck dient—wie die Spannung zu beeinflussen, oder den Takt zu halten—können die Leute mit dem Sound machen was sie wollen. Future-Funk, Vaporwave oder mongolischer Throat-Rap; verschiedene Genres, zeichnen sich am deutlichsten durch ihren Sound aus. Der „Dubstep kommt von Aliens, die mit uns Kontakt aufnehmen wollen“-Gag ist zwar ziemlich lahm, aber er zeigt, dass auch komplett fremde Sounds funktionieren, wenn man dazu mit dem Kopf nicken kann. Wenn ich es mir so recht überlege, war seit der Erfindung von Verstärkern der Sound das Zugpferd für Innnovation.

Die Musik wird uns rein theoretisch niemals ausgehen. Das Meiste in dieser Theorie klingt zwar nach Freejazz, oder modernen Kompositionen, die dich in den Wahnsinn treiben wollen, aber der Sound eröffnet uns genug Möglichkeiten das bekannte Repertoire in immer neuer Weise zu erweitern. Außerdem, was weiß ich, Taylor Swift war ja auf Platz eins in den Charts mit einem Song aus weißem Rauschen.

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