Schon wieder Wahlen!!!

Unser nicht ganz wortwörtliches Protokoll von der "Runde der Spitzenkandidaten"

Strolz: Einspruch! Lunacek: Laungsaum! Strolz: Langsamer Einspruch! Ein Einspruch.
12.10.17
Screenshot via ORF-TVthek

Das Folgende ist ein Versuch, die letzte große TV-Konfrontation der Spitzenkandidaten vor der Nationalratswahl 2017 mit einem Live-Protokoll zu fassen zu bekommen. Spoiler: Es ist nicht immer ganz einfach. Vor allem, wenn sich auf magische Weise andere Tabs öffnen.


Tarek Leitner schreit wie Heinz Prüller. Er ist sehr stolz auf die jungen Gäste, die tatsächlich den Weg zum Küniglberg auf sich genommen haben. Er hat recht: Das ist schon Commitment – da kann einem zweimal der Handy-Akku ausgehen.

Straches Auftritt erfolgt mit einem bösen "Grüß Gott".

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Leitner redet sehr viel und fragt sehr wenig dabei. Reiterer schmunzelt. Es muss über etwas anderes sein.

"Immer wieder Österreich" als Soundtrack zu Strolz? Ist das Mutwilligkeit vom ORF? Oder von den NEOS?

Kurz dankt für den Rückenwind. Neben dem ORF- gibt es auch ein NEOS-Mikro, das seine Worte aufnimmt. Warum weiß nur der neoliberale Gott.

"Yes we Kern"-Chöre vor dem Studio. Fremdscham im Kopf.

Eröffnung: Kern spricht, als wär er direkt davor auf einem sehr lauten Konzert gewesen. "Diesen Wahlkampf hätten wir uns sparen können", sagt er wirklich, nicht nur in meinem Kopf.

"Wie dieser Wahlkampf abgelaufen ist, widert viele Menschen an." Kurz reden weiter: "Wir wissen, dass da aus dem Ausland Methoden importiert wurden, die wir so nicht bei uns wollen", auch das: nicht nur in meinem Kopf. Das Kabarett hat sich verselbstständigt.

"Herr Strache, warum sind Sie so sanft?" ist sinngemäß die Frage, die Reiterer in den Raum stellt wie eine schöne alte aufgequollene Vase. "Ist doch schön", sagt Strache. Achtung, Trendwarnung: "Dörti-Kampänin" könnte das nächste "Wir erläbän" werden.

Lunacek ist gegen Spaltung und Hetze. Und damit gegen alle. Keine Pointe. Auch hier geht es darum, was wir IN ÖSTERREICH nicht mehr wollen.

Wenn Strolz "Frau Reiterer" sagt, galoppiert er fast davon. Er will, dass den Leuten am Ende des Monats mehr übrig bleibt. Sein Claim: "Inhalt statt Intrigen!" Ach, Alliterationen!

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Leitner spricht sehr ausführlich darüber, dass er gleich eine sehr offene Frage stellen wird. Nämlich: Was ist Ihnen eigentlich wichtig?

PR-Bühne frei!

Strolz: Bildungswende!
Lunacek: Kampf gegen die Klimakatastrophe!
Strache: Stopp einer unkontrollierten Zuwanderung!
Kurz (leider nach Strache dran): Soziale Sicherheit sichern!
Kern: Wirtschaftliche Trendwende! Nein, Vollbeschäftigung! Nein, Gleichberechtigung für Frauen wegen seiner Tochter! OK, doch Vollbeschäftigung!

Damit sind die Themen des Abends gesetzt.

Es ist, wie wenn man bei Trivial Pursuit vorher bestimmen könnte, dass man nur Fragen zu WrestleMania 12 gestellt bekommt.

Tarek Leitner kommentiert die fünf eingeblendeten Themen gefühlte fünf Minuten, damit jeder und jede noch ein bisschen Zeit zum Nachdenken hat. (Es ist wie Trivial Pursuit zu WrestleMania 12 mit Google-Erlaubnis.)

Kern: Bündnis mit der Wirtschaft!
Leitner: Was wären Maßnahmen?
Kern: Bündnisse! Krebsforschung, Automobilsektor, wirtschaftliche Aktivität. Außerdem Kaufkraft stärken! Es braucht jedenfalls viele Maßnahmen. Und einen … PLAN A!
Strolz: Ich bin der neue Stronach, ich habe Arbeitsplätze geschaffen. (Den zweiten Satzteil hat er gesagt.) Fast eine halbe Million Menschen saßen arbeitslos unter dem Christbaum, das müssen wir ändern.
Kurz: Ich sehe vieles ähnlich wie Strolz. Mein Vater hat seinen Job bei Philips verloren, wir müssen der Wirtschaft weniger Steine in den Weg legen! (Warum nicht mehr Steine aus dem Weg entfernen? Warum überhaupt neue dazu legen, wenn auch wenige??)
Strache: erzählt seinen Lebenslauf nach. Heute könnte ich mich nicht mehr so leicht selbstständig machen. (Frage: Was ist gefährlicher, ein armer oder ein reicher Rechter? Denkt drüber nach!)

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Ich beginne, abzudriften. Es öffnen sich andere Tabs, von ganz alleine. Star Wars-Trailer, Philip-K.-Dick-Anthologieserien-Trailer …

Lunacek: lobt die Voest. Was passiert hier. Ihr Punkt: Wir müssen Betriebe halten, sie haben große Zukunftschancen! Umweltschutz ist Heimatsache oder so. "Morgen ist Equal Pay Day!"

Kurz: Wir haben ein starkes Sozialsystem geschaffen, aber das können wir nur halten, wenn wir ein paar Sachen abdrehen. Auch wichtig: Stopp der Zuwanderung – ins Sozialsystem.
Strache: Unser Sozialsystem hat eine Magnetwirkung auf Zuwanderer. Wir wollen Sachleistungen statt Geldleistungen. (Weil … Sachleistungen gratis sind? Oder so?) Das ist ja alles nicht mehr gerecht! Strache will die Sozialpartei der Inländer sein.

Der Stream reißt ab.
Vielleicht will mir mein Computer etwas mitteilen.

Stream kommt zurück.
Kern lobt Rekordbeschäftigung. Er greift das oberösterreichische Modell der niedrigeren Mindestsicherung für Asylwerber auf; und betont noch mal, dass die Ersparnis nur ein paar Hunderttausend statt der erhofften Millionen ist.

Strache: stimmt nicht!
Kurz: gegensteuern!
Strolz: …
Kern: Ok, aber danach werde ich das Wort ergreifen.
Reiterer: Haha, nein, zuerst Frau Lunacek?
Strolz: Es gibt eine Integrationsvereinbarung, es braucht klare Regeln. "Ich bin die Abteilung ENKELFIT, nicht SLIMFIT" Woah. Ein Redenschreiber freut sich gerade.

Lunacek: Ich red lieber nicht über alles, was mir an den anderen nicht taugt. Wir wollen eine einheitliche Mindestsicherung, und zwar auf Zeit.

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Kern: weist ganz kurz drauf hin, dass man vielleicht Mindestsicherungsbezieher nicht als Feindbild inszenieren sollte? Vielleicht?

Jedenfalls, die Zuwanderung!

Strache: "Es hat rechtswidrige Aufgriffe gegen von Personen, die rechtswidrig hier sind. […] Und dann wird man wieder in Rechtswidrigkeit entlassen." Rechtswidrig!! Außerdem sei ja in Salzburg ein IS-Attentäter – zum Glück! aber spät! – aufgegriffen worden.

… Die neue Folge Star Trek Discovery ist shadyer als Pullers Lügendetektortest und düsterer als alles, was es in diesem Gernsback'schen Universum je gab. Äh, wo waren wir?


Strache (paraphrasiert): na jedenfalls, das System wird ganz viel missbraucht, das ist nicht OK, Inländer vor.
Strolz: Bei der Arbeitsmigration! Brauchen wir! Regeln! Es kann nicht jeder kommen, wie er will! Wir müssen da klar sein.
Kurz: Wenn wir das Vertrauen der Wähler bekommen, wird keine Familienbeihilfe mehr ins Ausland überwiesen.

Falls jemand Bullshit-Bingo spielt: "Vielleicht ein Satz noch" und "Vielleicht ein Wort noch" dürften die Top-Treffer sein.

Kern: Man muss die Ängste der Leute ernst nehmen. (Um Extra3 zu zitieren: In einer psychiatrischen Klinik nimmt man man die Sorgen seiner Patienten auch ernst – aber man übergibt ihnen nicht gleich die Anstaltsleitung. ÄhemStammtischvideoähem.) Wir müssen mit alter Härte gegen Verbrecher, aber auch gegen die Wurzel des Verbrechens vorgehen.
Lunacek: Äh, wir wollten doch über Zuwanderungsstopp reden und jetzt sind wir wieder beim Vorgehen gegen den Islamismus? LOL? (Ungute Pause.) Wir brauchen legale Zugänge für Flüchtlinge. Unser Vorschlag ist Botschaftsasyl. Und die Fluchtursachen bekämpfen.

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Strache: Ein großer Teil der Schüler mit Migrationshintergrund wollen die Islamisierung und die Scharia einführen.
Lunacek: OK. Wie wär's mit Radikalisierungsprävention? Mit Kampfsport zum Beispiel?

Ich frage mich, wie ein Wahlkampf in der Welt von Star Trek ablaufen würde.

Kurz: Come on. Botschaftsasyl bedeutet, dass Zillionen Afrikaner bei europäische Botschaften Schlange stehen …

Tumult bricht aus. Eine Kakophonie der Stimmen.
Reiterer lacht. Es muss immer noch um etwas gehen, das wir nicht im Bild sehen.

Die nun folgenden drei Zeilen sind ein wörtliches Transkript aus der Sendung, ich zitiere:

Strolz: Einspruch!
Lunacek: Laungsaum!
Strolz: Langsamer Einspruch! Einspruch.

Stell dir vor, es ist Löwinger-Bühne und keiner weiß mehr, was das ist. Dann kommt die Löwinger-Bühne in die Politik.

Strolz: Bei uns steht zwischen Wirtschaft und Umwelt ein UND. (Und dann sagt er denselben Satz, den ein guter Freund von mir immer auf die Frage "Willst du Whisky oder Bier?" antwortet:) Es ist kein Entweder/Oder.
Kern: will weniger Lobbyismus und mehr Umweltgedanken. Umstellung auf Elektromobilität! Dann sind wir in der Lage, 40.000 Arbeitsplätze zu schaffen, bittedanke.

Kurz: Erneuerbare Energien sind wichtig. Der Kampf gegen den Klimawandel muss geführt werden.
Reiterer: Welche der Ideen, die Sie hier gehört haben, finden Sie gut?
Kurz: Wir müssen auf die USA Druck machen, die aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen sind und so.

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"Luft nach oben". Der nächste Bingo-Treffer: "Luft nach oben".

Strache: Wir wollen die längst Zeit Glyphosat verbieten, wir sind die echten Grünen! Wir hatten das erste Umweltprogramm einer Partei in Österreich. Umweltschutz ist auch Heimatschutz. (Jetzt hat er es wirklich gesagt. Ist das nicht 1:1 ein Zitat aus Er ist wieder da?) Aber der Klimawandel hat immer stattgefunden! Es hat immer Eiszeiten gegeben! Und im Mittelalter!
Reiterer: Ist der Klimawandel menschengemacht?
Strache: Es gibt eindeutig einen menschlichen Anteil …

Der Stream reißt wieder ab.

Reiterer: Herr Strache, vielen Dank!
Reiterer läutet die Schlussrunde ein. Die NEOS waren mit ihrem Thema noch nicht dran.
Leitner: Die NEOS waren noch nicht dran.
Reiterer (erschüttert): Stimmt.
Leitner: holt weit aus, um Strolz letztendlich zu fragen: "Und?"

Strolz: Wir brauchen einen Mentalitätswandel und dürfen junge Menschen nicht mehr in Fehler-Suchbilder verwandeln. Machen wir Lehrer zum wichtigsten Beruf der Republik!

Strolz spricht in druckfähigen Zitaten. Der NLPler in voller Blüte.

Strolz weiter: "Der Kindergarten gehört in das Bildungsministerium. PARTEIBÜCHER RAUS!" (Er schreit.)

Im Publikum nimmt eine Frau die Brillen ab und wischt sich Tränen aus den Augen. Etwas sehr Lustiges muss auf der anderen Seite der Kamera im Gange sein und ich fühle mich ausgeschlossen.

Kurz: Es hilft nichts, die Lehrer schlecht zu reden. DEUTSCH VOR SCHULEINTRITT! (Ich wollte schon fast fragen "Aber wen dann?", aber ja, ich vergaß.) Die Schulpflicht muss solange gehen, bis man alle Grundkenntnisse beherrscht, notfalls bis 18.

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Leitner: ermahnt die Kandidaten, kürzere Wortmeldungen abzugeben, weil die Sendezeit langsam zu Ende geht und er schließlich bis dahin noch ziemlich viel reden muss.
Kern: Strolz ist eh super, aber das Wichtigste sind gleiche Chancen für alle, egal wo Kinder aufwachsen. Wir brauchen die Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten und die wird es unter Schwarzblau nicht geben. (Er spricht von einem "historischen Mondfenster", das sich zu dieser Wahl auftut.)
Lunacek: Alles gut, aber wir sind auch gegen Studiengebühren. (Average Joe-Triggerwarnung!!!) Ich habe mit einer Kindergärtnerin in Simmering gesprochen, die mir gesagt hat, dass Kinder nach zwei Jahren gemeinsamen Unterrichts viel besser integriert sind als in eigenen Migrationsklassen.
Strache: Wir fordern DEUTSCH VOR SCHULEINTRITT. (Er schreit leise. Während er fast flüstert.)

Reiterer: Herr Strache, Sie sind so für Fairness und liegen in der Rede zwei Minuten vorne. Bitte nur noch ein Satz.

Strache antwortet etwas Bemerkenswertes, das beim zweiten Hinlesen einiges über sein Verständnis von Naturwissenschaft, Theoriebildung und Empirie aussagt:

Strache: "Ich bin ja froh, dass wir die Zeiten nicht sehen und daher auch nicht überprüfen können."

Wow.

Lasst das kurz auf euch wirken.

Die Zeit läuft davon. Jeder und jede drängelt. Spannung schleicht sich in die Stimmen. Botschaften müssen noch raus.
"Bitte nur ein Satz!"
"Eines muss ich noch …"

Kurz: hat einen Rückstand bei der Redezeit. Deshalb verwendet er seine Minuten darauf, SPÖ und FPÖ als Geschwister hinzustellen. Die noch dazu ineinander verliebt sind. Ungefähr so seltsam sieht es jedenfalls aus, soweit ich das durch mein Facepalm sagen kann.

Bei Strache fällt wieder der Stream aus. Ich werde langsam paranoid und frage mich, ob die Elefantenrunde genauso wie die Super Bowl mit ein paar Sekunden Zeitverzögerung ausgestrahlt wird – und falls ja, ob Strache soeben etwas total Verrücktes gemacht hat, wie sich zu entblößen oder etwas sozial Gerechtes quer über ethnische Grenzen hinweg zu sagen.
Aber nein. Plötzlich kommt der Stream zurück:

Kern: Politik ist der Lage, in der Biografie einen Unterschied zu machen. Er spricht vom "Österreichischen Traum". Wir dürfen nicht den Angstmachern hinterherlaufen. Diese Wahl ist eine Richtungsentscheidung und wir wollen eine "Veränderung mit sozialem Augenmaß".

Das war's. Es folgt das langsame Outro, das sich anfühlt, wie wenn man ein frisch geborenes Kind auf die echte Welt abseits des Wahlkampfs vorbereiten und in ein warmes Tuch wickeln würde. Aber die beruhigendste Botschaft kommt erst noch. Und sie hat so angenehm wenig mit der echten Welt zu tun, dass ich mich als Eskapist abgeholt fühle:

Leitner: Es gibt einen Ort, wo zivilisiert diskutiert werden kann. Es ist der ORF. Das haben wir heute bewiesen. (Niemand wischt sich die Augen aus.)

Kein Vorhang. Trotzdem Applaus. Muss ja.