Die 99% lagen falsch

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Die 99% lagen falsch

Die Revolution hat ihre Kinder gefressen. Gestern wurde in Frankfurt eines der letzten Occupy-Camps weltweit geräumt und eigentlich war es so ziemlich allen scheißegal.
7.8.12

Fotos: Hermann Scholz

297 Tage wehte durch das Zentrum der deutschen Finanzindustrie der Hauch des Umbruchs. Doch die Revolution hat ihre Kinder gefressen und gestern wurde nun eines der letzten Occupy-Camps weltweit geräumt. Was mit dem Wunsch nach einem alternativen Wirtschaftssystem begann, endete im Chaos der Gleichgültigkeit und des Desinteresses der breiten Gesellschaft. Kein großer Verlust, da in den letzten Monaten eher über katastrophale hygienische Zustände und Rattenplagen als über den Sturz des Systems diskutiert wurde. Das Verwaltungsgericht Frankfurt am Main ließ gestern also mitteilen, dass eine dauerhafte Besetzung der Grünanlagen vor der EZB „nicht durch das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit gedeckt sei und ein gemeinsames Ziel der Personen, die sich in dem Zeltlager aufhielten, darunter Aktivisten, Ausländer, Obdachlose, Drogenabhängige, nicht erkennbar sei.“ Die Occupy-Bewegung ist also implodiert, aber um was in Karl Marx‘ Namen ging es dabei eigentlich überhaupt? Auf der ganzen Welt fanden sich Hunderttausende zusammen und waren angepisst, dass wir den Karren als Kollektiv in den Dreck gefahren haben. Der gemeinsame Feind war schnell gefunden: das große Geld—genauer gesagt, die großen Firmen und generell Reichtum. Die gemeinsame Sache war es, der Gier Einhalt zu gebieten und selbst die Politik praktizierte auch ganz schnell den Schulterschluss mit den „Leuten auf der Straße“. Selten hat man so eine Einigkeit quer durch das gesamte politische Spektrum erlebt, teils aus echter Überzeugung, teils aus taktischem Opportunismus.

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„Wir müssen die Sorgen der Menschen verstehen“, verkündete Angela Merkel und ließ verlauten, dass sich „in den Demonstrationen eine tiefe Sorge ausdrückt und auch ein Gerechtigkeitsverlangen der Menschen.“ Der Deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble prophezeite gleich eine „Krise des demokratischen Systems“ und auch die Opposition der Nachbarn ließ diesen Anlass natürlich nicht aus, um endlich ein paar Dinge klarzustellen. „Das Geld, das die Spekulanten verzockt haben, gehört den Menschen“, erklärte uns Andrea Nahles und Sigmar Gabriel verkündete sofort das „Ende einer Epoche“. Nur Joachim Gauck wurde aufgrund seiner Aussage „Das wird schnell verebben“ gehasst.  „#NoGauck“ und „#NotmyPresident“ dominierten zeitweise Twitter.  Es war schon eine aufregende Zeit, damals, vor einem Jahr, als das ganze Land „die da oben“ noch im Kollektiv hassen durfte.

Währenddessen hatten wir hier in Österreich einfach nur Maria Fekter. Doch Kapitalismus ist ein komplexes, verwobenes und globalisiertes System und es ist nicht so, dass eine Bande reicher Einzeltäter die gesamte Welt knechtet und mit der Macht ihres Geldes erpresst. Kapitalismus ist keine weltumspannende Verschwörung, sondern funktioniert, da Menschen darauf angewiesen sind, ihre Bedürfnisse durch den Kauf und Verkauf von Waren zu befriedigen. Für die meisten von uns bedeutet das also, dass wir jeden Tag aufstehen müssen und unsere Arbeitskraft gegen ein Dach über dem Kopf, einen gefüllten Kühlschrank, Klamotten und irgendeinen anderen Scheiß, den wir eigentlich nicht brauchen, aber ganz geil finden, eintauschen können. Es ist also egal, ob man nun Banker, Kanalarbeiter, Lehrer oder Politiker ist, am Ende des Tages ist jeder diesem System unterworfen und wird anhand seiner Leistung bemessen. Die Occupy-Bewegung wollte sich dem nun entgegenstellen, vergaß während der ganzen Diskussionen und den Asamblea-Gruppentherapien jedoch, wirklich eine Alternative zum Bestehenden zu liefern. Stattdessen herrschte eher eine diffuse Ablehnung gegen das System ohne einen konkreten Gegenentwurf. Etwas, das in Deutschland und Österreich, die von der Wirtschaftskrise bei weitem nicht so hart getroffen sind wie Griechenland oder Spanien, ja auch egal sein kann. Anstatt also die Oligarchie zu stürzen, gingen die meisten der Zigtausenden, die im Sommer noch auf die Straßen gingen, im Winter, als die Temperaturen fielen, nach Hause und verfolgen nun weiterhin ihren im Vergleich zu anderen Ländern opulenten Lebensstil innerhalb des Systems. Die meisten, die bei Occupy zurückblieben, schienen Arbeitslose zu sein: arbeitslose Schriftsteller, Studenten der Sozialwissenschaften, arbeitslose Schauspieler, arbeitslose Straßenkünstler, arbeitslose Jongleure, arbeitslose Medienschaffende, arbeitslose Bongospieler, arbeitslose Artisten, arbeitslose Musiker und arbeitslose Kiffer. Es war eine mannigfaltige Mischung aus Leuten, die alle vollauf damit beschäftigt waren, arbeitslos zu sein. Die „Revolution“ ist nun vorbei und die Gesellschaft funktioniert nach wie vor, als wäre nie etwas geschehen. Irgendwann wird man seinen Enkeln erzählen können, wie man im Sommer 2011 gemeinsam auf die Straße ging, bevor man dann schließlich das Interesse verlor. Der Traum einer globalisierten Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen kann, ist und bleibt eben, wie Joachim Gauck damals zu der noch polarisierenden Antikapitalismusdebatte meinte, nur eines: Eine romantische Vorstellung.