Jetzt kämpft auch Google gegen den sogenannten Islamischen Staat

Google feuert seinen gigantischen Datenschatz auf potentielle Terror-Rekruten: Wer sich für den IS interessiert, bekommt ab September schlaue Gegenrede aus der Umma serviert. Erste Tests sind vielversprechend.

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09 September 2016, 12:55pm

Bild: Screenshot Youtube

Wer als potentieller IS-Rekrut mit dem Gedanken spielt, sich einem Leben unter islamistischer Diktatur zu verschreiben, ist meist anfällig für Propaganda. Er bekommt je nach gewählter Online-Plattform ein überzuckertes (Instagram), gewaltverherrlichendes (Telegram), aber in jedem Fall verzerrtes Bild aus dem Kalifat des sogenannten Islamischen Staats geliefert. Denn die Medienmaschinerie des IS scheint omnipräsent und extrem vielseitig. Vom deutschen Krypto-Magazin für die Nachwuchshacker des Dschihad bis zu verschiedenen Twitter-Strategien–je nach Zielgruppe des Anschlags herrscht medial ein derartiges Dauerfeuer, dass die Terrororganisation online schon eigene Stellenanzeigen für Social Media-Manager ausschreibt (gerichtet „an die Ritter des Uploading").

Wie eine für Twitter gefakte IS-Schlacht Saudis, Fernsehsender und Islamisten trollte

Wer also könnte online etwas gegen dschihadistische Propaganda des Islamischen Staats ausrichten? Obwohl sich Anonymous vollmundig in den „totalen Krieg gegen den IS" stürzte, blieben die tatsächlichen Ergebnisse—freundlich formuliert—recht überschaubar. Twitter scheitert ebenfalls spektakulär daran, den ständig neu auftauchenden IS-nahen Accounts Herr zu werden. Zuletzt waren es die Europäische Union und die Bundeszentrale für politische Bildung, die versuchten, mit muslimischen YouTubern an Bord Videos gegen die Radikalisierung zu entwickeln. Leider wirken die Inhalte solcher am Reißbrett geplanten Cyber-Strategien häufig nicht nur angestrengt, sondern erreichen ihre Zielgruppe oft schon gar nicht mehr.

Doch während sich die Türkei und die USA momentan auf den ganz analogen Sturm Raqqas vorbereiten, hat sich seit neuestem noch eine ganz andere, mächtige Digital-Einheit entschlossen, den Kampf gegen den IS in die eigenen Hände zu nehmen: Google.

Bild: Jigsaw

Alphabets Tech-Incubator Jigsaw, der sich normalerweise um den Schutz von Journalisten aus repressiven Regimen gegen Hackingattacken kümmert, hat dazu ein Programm entwickelt, um potentielle Rekruten schon vor ihrer Rekrutierung abzufangen und ihnen eine Gegennarrative zu präsentieren. Die Idee: Google vergisst nicht—und hat ja nicht zuletzt ein durchaus erfolgreiches Geschäft daraus gemacht, genau vorherzusagen, wonach du suchen möchtest. Genau diese bei AdWords benutzte Technik soll bei Jigsaws Projekt „Redirect Method" auf den Dschihadismus umgemünzt werden.

Der Ansatz ist einfach: Sucht ein IS-Interessent nach einem aus über 1.700 Schlüsselwörtern und Phrasen, die mit dem IS in Verbindung gebracht werden (zum Beispiel: „fatwa in syria"), bekommt er automatisch Links zu YouTube-Videos und -Channels in Arabisch und Englisch angezeigt, die die Meinungen der Nutzer aktiv beeinflussen sollen.

Die Inhalte sind allerdings sorgfältig ausgewählt und zeigen keine plumpen Parodien, Berichte aus westlichen Medien oder übertriebene Gegenrede—Jigsaw-Sprecherin Yasmin Green sagte gegenüber Fast Company, diese Art Material hätte einen gegenteiligen Effekt auf die Rezipienten, ähnlich den Schockbildern auf Zigarettenpackungen. Stattdessen setzt Jigsaw auf Bürgerjournalismus, Augenzeugenberichte aus jüngster Vergangenheit und Stimmen aus der Umma, wie Imame, die erklären, dass die Doktrin des IS keine Grundlage im Koran hat.

Im Gegensatz zu anderen Initiativen setzt Google damit ausschließlich auf existierende Inhalte—wie zum Beispiel diesem mit guten Argumenten und Koranzitaten untermauertem Vortrag einer älteren Dame, die ein paar verblendeten Halbstarken mal ganz genau erzählt, wohin sie sich ihre vermeintliche Kalifats-Frömmigkeit stecken können:

Neben abschreckenden Berichten ehemaliger IS-Mitglieder werden Perspektiven präsentiert, die den wirklichen Alltag im Kalifat beleuchten, zum Beispiel durch die unter Lebensgefahr aus der IS-Hochburg herausgeschmuggelten Augenzeugen-Videos der Gruppe „Raqqa is being slaughtered silently".

„Im Herzen ist die Redirect Method eine Werbekampagne", gibt Yasmin Green von Jigsaw gegenüber Fastcompany gern zu. „Sie entstand aus der Beobachtung, dass es im Internet eine Menge Bedarf für IS-Material gibt, aber auch sehr viele glaubwürdige Stimmen, die ihr Narrativ entblößen."

Tatsächlich scheint die Strategie zumindest im ersten Schritt aufzugehen. Als Jigsaw in einem ersten Metadaten-Test 320.000 potentiellen IS-Interessenten über zwei Monate hinweg nur noch Video-Werbung lieferte, die die Propaganda unterläuft, übertrafen die Ergebnisse die Erwartungen des Teams um ein Vielfaches: Die Clickthrough Rate, mit der gemessen werden kann, wie zuverlässig Nutzer nach einer Suchanfrage auf die angezeigte Werbung klicken, lag fast viermal so hoch wie bei anderen Anfragen. Möglicherweise liegt das auch an dem nüchternen, undidaktischen Tonfall, in dem die Videotitel verfasst sind: „Ist der IS legitim?", oder „Willst du dich dem IS anschließen?" spricht die potentiellen Rekruten sicher mehr an als schlaumeierische Belehrungen.

Insgesamt haben die Zielpersonen über eine halbe Million Minuten dieser Videos geschaut. Doch natürlich ist das nur ein sehr vorläufiges positives Ergebnis—niemand weiß, inwiefern diese Videos die Meinung der Rezipienten tatsächlich beeinflusst haben.

Redirect Method wird Ende September an den Start gehen. Experten sind vorsichtig optimistisch: „Klingt wie ein guter Lösungsansatz, aber das kann nicht alles sein", befindet zum Beispiel Humera Khan von der Deradikalisierungs-Organisation Muflehun gegenüber Wired. „Wenn sie die Nutzer kurz begeistern können, können sie auch dafür sorgen, dass sie wiederkommen und ihnen neue Inhalte anbieten? Das wäre wichtig."

Um mit der Technologie hinter Online-Werbung potentielle Rekruten davon abzubringen, sich extremistischen Organisationen anzuschließen, hat Jigsaw übrigens die nächste Zielgruppe bereits identifiziert: Weiße, rechte Extremisten.