Die deutschen Formel-1-Fans haben Bernie Ecclestone und seine Pokerspielchen satt
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Die deutschen Formel-1-Fans haben Bernie Ecclestone und seine Pokerspielchen satt

Seit 55 Jahren wird es in Deutschland zum ersten Mal keine Formel 1 geben. Bernie Ecclestone ist Renn-Tradition scheißegal und findet deutsche Formel-1-Fans lausig. Klar regen sich diese auf.
14.4.15

Schaut man in den aktuellen Formel-1-Kalender, sucht man ihn vergebens, den Großen Preis von Deutschland. Am 19. Juli hätten die Motoren der Formel-1-Boliden auf dem Nürburgring aufheulen und den deutschen Fans ihr persönliches Rennsport-Highlight der Saison bieten sollen. Doch alles, was ihnen blieb, waren pure Enttäuschung und ein Rennkalender, in dem man lesen konnten, dass der Große Preis von Deutschland aufgrund einer Uneinigkeit zwischen Vermarkter und Rechte-Inhaber der Strecke abgesagt wurde.

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Für viele von ihnen war es ein Schock, denn zum ersten Mal seit 55 Jahren gibt es kein Formel-1-Rennen in Deutschland. Weder der Nürburg- noch Hockenheimring, der lange als Alternativstrecke gehandelt wurde, waren in der Lage, die von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone geforderten hohen Kosten, die sich zwischen 12 und 20 Millionen Euro belaufen sollen, zu stemmen. Auch eine Co-Finanzierung von Mercedes, die sich mit einer Summe von 12 Millionen Euro beteiligen wollten, sollte kein Rettungsanker für das deutsche Formel-1-Spektakel sein.

Die Faszination Rennsport und die Liebe zur Formel 1—beides hat in Deutschland schon lange Tradition. Ob die einstigen Erfolge der Silberpfeile von Mercedes oder ein übermächtiger Michael Schumacher, der bis 2004 mit seiner Dominanz zu einem der besten Formel-1-Fahrern aller Zeiten wurde. Alleine diese beiden Beispiele zeigen, dass Motorsport genauso zu Deutschland gehört wie Fußball und Bier. Und oft sind es nicht nur Nostalgiker, die ins Schwärmen kommen, wenn die Rede von den großen Rennen der Formel-1-Geschichte ist. Rennen, die auch auf den traditionsreichen Strecken von Hockenheim- und Nürburgring gefahren wurden.

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Auch lange nach der Ära Schumacher finden sich auch heute noch deutsche Fahrer und ein Team wie Mercedes, die häufig auf dem Siegertreppchen—lorbeerkranzbehangen und champagnerspritzend—zu sehen sind. Ob Nico Rosberg, der vierfache Weltmeister Sebastian Vettel oder Nico Hülkenberg, sie alle können behaupten, durch ihre Fahrkünste eine große Anhängerschaft auf dem gesamten Globus gefunden und der Formel 1 ihren Stempel aufgedrückt zu haben.

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Umso mehr wirkt die Entscheidung, den Großen Preis von Deutschland abzusagen, auf die deutschen Fans der Formel 1 wie ein Schlag ins Gesicht. Aufgrund der hohen Antrittsgelder für das Ausrichten eines Formel-1-Rennwochenendes wurde ihnen ein Heimspiel ihrer Lieblingsfahrer verweigert und hinterlässt sie nun mit einem bitteren Beigeschmack. Nicht zuletzt ist es die im Februar getroffene Aussage Ecclestones, der Zuspruch der deutschen Zuschauer sei lausig, die sich wohl wie ein rostiges Messer zwischen den Rippen eines jeden deutschen Motorsport Fans anfühlen muss.

Die Vergabe der Rennlizenzen an deutsche Organisatoren ist ein scheinbar nicht endendes Pokerspiel Ecclestones, das die Betreiber der deutschen Rennstrecken an ihre finanzielle Grenzen bringt. Doch es macht deutlich, dass auch Tradition die legendären Rennstrecken nicht vor ihrem Untergang schützen kann. Denn die Kosten für das Ausrichten eines Formel-1-Events steigen von Jahr zu Jahr. Immer öfter sind es Länder wie Bahrain und Aserbaidschan, die sich den Luxus Formel 1 gönnen wollen und aufgrund von staatlicher Subventionierung der Strecken auch können. Dadurch beginnen die ikonischen Strecken der Vergangenheit nach und nach zu verschwinden.

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Die Königsklasse des Automobilsports war schon immer ein Sport, der von Prestige geprägt und mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden war. Bis jetzt zogen die Fans mit. Bei Ticket-Preisen von bis zu 500 Euro pro Wochenende mehr als erstaunlich. Bernie Ecclestone wird seine Rennlizenzen auch in Zukunft an den Höchstbietenden verkaufen, dem Ruf des Geldes folgen und dabei über Leichen gehen. In diesem Konstrukt ist Tradition zweitrangig. Eines der ersten Opfer dieser Entwicklung ist der Große Preis von Deutschland.

Die immer größer werdende Kommerzialisierung in der professionellen Sportwelt ist etwas, das man in vielen Bereichen beobachten kann. Sei es die Fußball-Champions-League, die NFL oder die Formel 1. Überall, wo Sponsoren und Investoren das große Geld wittern, entwickeln sich die Spiele, Rennen und Veranstaltungen zu Sportevents der Superlative. Die Summen für Lizenzen und Rechte werden dadurch in die Höhe getrieben und auch der Rennsport ist da keine Ausnahme. Nur ein Beleg dafür ist wohl ein Blick auf die letztjährigen Umsatzzahlen der Formel 1. Im Jahre 2012 lag der Umsatz der Königsklasse des Motorsports noch bei 1,6 Milliarden Dollar. 2014 verbuchte man bereits unfassbare 2 Milliarden!

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Fans macht dieser Trend ziemlich sauer. „„Das Geld macht den Sport kaputt!", findet Wolfgang Wamser, Vorsitzender des F1-Fanclubs Kleinheubach. „„Ich habe mich sehr gefreut auf den deutschen GP und jetzt findet er nicht statt, das ist schon enttäuschend. Nun bleibt uns nur übrig, zur DTM zu gehen, um ein vergleichbares Live-Erlebnis in Deutschland zu bekommen."

Schon im Januar verwirrte Ecclestone die Fans durch widersprüchliche Aussagen in den Medien. Erst sagte er das Rennen auf dem Nürburgring ab, betonte aber, dass er in Gesprächen mit dem Hockenheimring sei und alles dafür tun würde, dass ein Rennen in Deutschland stattfindet. Einige Tage später konnte man von Ecclestone hören, wie er den Großen Preis von Deutschland im Jahr 2015 komplett in Frage stellte, da er auch Hockenheim als keine wirkliche Alternative sehe. Kurze Zeit später erklärte er ihn sogar ganz für tot. „„Wir fühlen uns verarscht", sagt Formel-1-Fan Wolfgang Wamser. Verständlich bei einem solchen Hin und Her.

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„„Für die Region ist das ein hoher Verlust", äußert sich Pietro Nuvoloni, Sprecher des Nürburgrings gegenüber VICE Sports. Das Zeitfenster habe sich einfach geschlossen, um organisatorisch und wirtschaftlich ein Stattfinden der Formel 1 zu realisieren. Auch die Subventionen durch Mercedes, die sich um die 12 Millionen Euro belaufen, reichten nicht aus, um ein Rennen auf der traditionsreichen Strecke umzusetzen. „„Wir haben alles versucht, die Formel 1 in die Eifel zu holen, waren sogar bereit, für die Motorsport-Fans einen finanziellen Verlust hinzunehmen. Doch leider sind wir mit Herrn Ecclestone nicht zusammengekommen. Das Austragen der Formel 1 kostet nun einmal Geld und für den Nürburgring kommt ein Rennen auch in Zukunft nur in Frage, wenn man es sich wirtschaftlich leisten kann." Über Ecclestones Aussagen zu den deutschen Formel-1-Fans wollte er sich nicht äußern.

Auch der Hockenheimring sah sich nicht in der Lage, die Kosten zu stemmen, und so kam es zum ersten Mal in 55 Jahren dazu, dass es kein Duell der PS-Boliden auf deutschem Boden geben wird. Auch andere traditionsreiche Strecken scheinen Probleme mit den von Bernie Ecclestone geforderten hohen Antrittsgeldern zu haben. Selbst die legendäre Strecke von Monza ist nach Ecclestones Ansicht in einem „„desaströsen finanziellen Zustand". Die Frage ist nur, ob dieser finanzielle Zustand an den Maßstäben von saudischen Scheichs gemessen wird.

Nach und nach verschwinden die Strecken, auf denen Geschichte geschrieben wurde, denn ihre Besitzer sind dem finanziellen Druck nicht mehr gewachsen. Auch der Große Preis von Italien wird wohl in naher Zukunft demselben Schicksal zum Opfer fallen, wie das Rennen auf deutschem Boden.

Die Formel 1 scheint sich aus Europa zu verabschieden. Und dahin zu gehen, wo das große Geld ist und es Streckenbetreiber gibt, die keine Kosten und Mühen scheuen, das Milliardengeschäft Formel 1 bei sich gastieren zu lassen.

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