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Die Ultraszene ist auch im US-Fußball angekommen

Auch wenn es der MLS mit ihrem Hochglanz-Saubermann-Image nicht in den Kram passt: Immer mehr Ultras bevölkern die Spiele in der US-amerikanischen Profiliga. Und es kommt immer öfter zu gewaltsamen Auseinandersetzungen unter rivalisierenden Ultras.

von Bo Franklin
11 Dezember 2015, 5:02pm

PHOTO: PA IMAGES

Der europäische Fußball ist bekannt für eine bestimmte Art von Fans: Ultras. Sie stehen für die leidenschaftlichsten und lautstärksten Teile der Anhängerschaft, werden manchmal aber auch mit gewaltvollen Szenen in Verbindung gebracht.

In den USA steckt die Fußballkultur noch in den Kinderschuhen. Die Major League Soccer wurde erst 1996 gegründet und der Durchschnittsfußballfan in Europa kennt höchstens eine Handvoll MLS-Teams. LA Galaxy, wo sich David Beckham einst zur Lachnummer gemacht hat, ist der erfolgreichste US-Verein mit insgesamt fünf Meistertiteln.

Doch auch in den USA organisieren sich immer mehr Anhänger in Fangruppen, wovon einige die unschönen Seiten europäischer Ultrabewegungen, also Gewalt, für sich entdeckt haben. Erst vor wenigen Tagen wurde die Polizei zu einer Massenschlägerei vor einer New Yorker Kneipe gerufen, wo sich Fans von den New York Red Bulls und New York City FC in die Haare bekommen haben und mit Billardstöcken, Mülleimern und Tischen aufeinander los sind.

In New Jersey and immediately encounter crowd trouble ahead of the New York derby (Red Bulls-City). Video: pic.twitter.com/slY3hYn5aM
— Rob Harris (@RobHarris) August 9, 2015

Einige der in den Vorfall verwickelten Anhänger waren Mitglieder der Garden State Ultras (GSU), eine von drei Fangruppen der Red Bulls mit einer besonders ausgeprägten rebellischen Ader, zumindest für amerikanische Verhältnisse. Im Jahr 2013 forderte die MLS ihre Vereine auf, auf ihre Fans einzuwirken und sie davon abzubringen, Sprüche wie „You suck, asshole!" in Richtung gegnerische Spieler zu rufen. Das Management der Red Bulls bot jeder Fangruppe 500 Dollar pro Match, wenn sie auf verbale Entgleisungen verzichten würden. Im Gegensatz zum Empire Supporters Club und der Viking Army lehnte die GSU das Angebot aber ab.

Der Sprecher der Gruppe, Christopher Vidaic, sagte damals zu seinen Mannen: „Kommt ins Stadion, feuert eure Mannschaft an und singt so laut ihr könnt! Wir empfehlen allen GSU-Mitgliedern, sich mit einem Tuch oder Ähnlichem den Mund zu bedecken. Wie wir wissen, wird der vierte Offizielle auch auf unangemessene Wortwahl achten. Wir sagen: Scheiß auf die Typen! Wir lassen uns nicht zensieren."

In Europa haben Fußball und Gewalt eine lange gemeinsame Vergangenheit. Britische Fangruppierungen wie die Chelsea Headhunters oder West Hams Inter City Firm waren in der Vergangenheit berüchtigt für ihre Gewaltexzesse und rechtsradikalen Ansichten.

In der Ukraine wurden Ultras in der letzten Zeit zusammen mit rechtsextremen paramilitärischen Verbänden gesichtet. Politik spielt bei vielen Ultragruppen eine nicht unwichtige Rolle. Erst kürzlich wurden die antifaschistischen Clapton-Ultras von rechtsgerichteten Hooligans bei einem Heimspiel angegriffen.

Der MLS waren solche Probleme noch bis vor Kurzem völlig fremd. Fangruppen waren zwar leidenschaftlich, aber ziemlich durchmischt und tolerant. Das hat wahrscheinlich auch etwas damit zu tun, wie die Klubs von Beginn an mit ihren Fans umgegangen sind. In den ersten Jahren nach Gründung der Liga hatten die Vereine ihre Fanklubs fest im Griff, um der Entstehung von Hooligan-Gewalt, wie man sie aus Europa kannte, vorzubeugen. Dieser Würgegriff führte aber auch dazu, dass die Fanszene in den USA recht steril wirkt.

Das scheint sich nun langsam aber sicher zu ändern. Viele US-Fans orientieren sich zunehmend an der europäischen Ultraszene. Oben im Video ist zu hören, wie Fans typisch britische Fangesänge—samt Cockney-Dialekt—nachahmen.

Bei den San Jose Ultras, der leidenschaftlichsten Fangruppe der San Jose Earthquakes, gibt es sogar eine direkte Verbindung zwischen amerikanischer und europäischer Fußballkultur. Die Gruppe wurde von Dan Margarit, der 1999 von Rumänien in die USA ausgewandert war, gegründet. Als Dan noch in Bukarest lebte, war er Mitglied bei den Steaua Ultras, Anhängern von Steaua Bukarest. Steaua hat eine lange Tradition der Gewalt und rechtsextremer Bewegungen. Die Steaua Ultras gehen auf eine kleinere und noch extremere Gruppierung, die Armata Ultras, zurück. Die haben zwar schon kurz nach der Jahrtausendwende dem Verein den Rücken gekehrt, die Probleme blieben aber bestehen. Erst im Februar hat die UEFA aufgrund von rassistischen Äußerungen Stadionverbote verhängt.

Die San Jose Ultras haben ihrerseits auch schon für Negativschlagzeilen gesorgt. 2013 wurde Earthquakes-Fans vorgeworfen, einen Anhänger der Portland Timbers bei einem Auswärtsspiel zusammengeschlagen zu haben, was die Ultras von sich wiesen. Als jedoch einige von ihnen kurze Zeit später ein Banner ausrollten, das genau auf diesen Vorfall anspielte, hagelte es von der Vereinsführung Stadionverbote. Ich habe mit Dan Margarit gesprochen und ihn zu den wachsenden Parallelen zwischen amerikanischen und europäischen Fangruppen befragt.

„Für die meisten Fans in Amerika bedeutet Fußball eine nette Wochenendbeschäftigung, während es in Europa einen extrem wichtigen Teil im Leben von Fans ausmacht", erklärt Dan. Seine Gruppe stelle aber eine Ausnahme dar. So habe vor allem die Rivalität mit Portland einen Keil zwischen Verein und Ultras getrieben. Bei einem der letzten Spiele seiner Mannschaft wurde es den San Jose Ultras untersagt, ein Banner aufzuhängen, weil darauf ein frecher Gruß Richtung Portland stand. Laut Dan habe dieser Vorfall das Spiel kaputtgemacht: „Die Atmosphäre war lausig. Wir waren zwar laut und haben 90 Minuten lang unsere Mannschaft angefeuert, doch viele im Stadion waren wegen des Bannerverbots angepisst, weswegen der Funke zwischen Mannschaft und Fans zu keiner Zeit überspringen wollte."

Seitdem herrscht zwischen Ultras und Vereinsführung Eiszeit. „Es funktioniert einfach nicht. Ich habe Tausende Stunden mit Telefonkonferenzen, Meetings usw. zugebracht und muss nach 13 Jahren konstatieren, dass es vergebliche Liebesmüh war."

Dan betont, dass man nicht wirklich von zunehmender Gewalt in der MLS sprechen könne, nicht einmal in der Ultraszene. Dass es aber regelmäßig zu Vorfällen wie der Schlägerei zwischen den Fans der Red Bulls und NYC FC kommt, will er dabei nicht als Gegenbeweis gelten lassen. Gelegentliche Schlägereien habe es schon immer gegeben, meint er. Nur dass die eine in New York von einer Kamera eingefangen wurde und in Folge medial ausgeschlachtet worden ist. Er sieht das größere Gewaltpotential beim American Football.

Auch wenn sich seine Fangruppierung mehr in der Tradition von festlandeuropäischen Ultras sieht, sagt Dan, dass die meisten Gruppen in der MLS englischen Ultras nacheifern würden. Aber ob nun an die britische oder an die festlandeuropäische Fußballkultur angelehnt, Ultragruppierungen passen so gar nicht zum geschäftstüchtigen Saubermann-Image der MLS.

Dabei glaubt Dan, dass die US-Fußballszene gut daran tun würde, Ultragruppierungen nicht zu schikanieren. „Auch in der MLS gibt es viele Fangruppen, die ihren Verein mit viel Leidenschaft unterstützen wollen. Doch ihnen wird das Leben schwer gemacht, weil sie von anderen Fans, der Liga und den Vereinsführungen als Rowdys dargestellt werden."

Will die MLS für bessere Stimmung in ihren Stadien sorgen und als ernstzunehmende Fußballliga wahrgenommen werden, ist sie gut beraten, keinen Feldzug gegen Ultras zu führen.