Interviews

Airbourne erklären dir, wie du zum Rockstar wirst

„Geh’ kotzen, so viel es geht“—Airbourne predigen die Anleitung zum Rock'n'Roll.

von Vincent Grundke
19 Oktober 2016, 3:01pm

Kreischende Gitarren, Dosenbier und Brüderschaft auf ewig: Was eine echte Rockband ausmachen sollte, davon können die australischen Airbourne ein Lied singen. Oder eben alle, die sie haben. Denn um mehr als Sex, Alkohol und Rock'n'Roll geht es bei ihnen nicht. Aussie Pub Rock'n'Roll nennen sie ihren AC/DC-inspirierten Hard Rock, weil sie lange Durststrecken durch die ätzendsten Kneipen des Inselkontinents hinter sich haben. Keinen Pfennig in der Hose gehabt, aber dafür alles aufgegeben. Sie haben alles mitgemacht: Jobs geschmissen, Freundinnen verlassen, ein Bandhaus besorgt, es abgefackelt und so ziemlich jede Bühne in ihrer Heimat besoffen vollgereiert—bis sie daraus gelernt haben. Was im Jahr 2016 noch richtig Rock ist, was über die Jahre auf der Straße alles neben der körperlichen Konstitution zerstört wird und was nur noch „Sex, Drugs & Rock'n'Roll"-Mythos ist, erklären die Brüder Joel und Ryan O'Keeffe erschreckend nüchtern und vorbildlich.

Heute bekommen die Beiden zu Promotagen allerlei Beeren in verschiedenen Schalen gereicht. Sogar eine Assistentin kommt gestresst mit Starbucks-Bechern angeflitzt. Rock'n'Roll war eben mal anders. Wir haben 15 Regeln für junge Bands zusammengestellt, aber Sänger und Gitarrist Joel winkt gleich ab. Es gäbe nur eine Regel: „Du musst es leben, alles für Rock'n'Roll geben." Und bevor die richtig ernsten Fragen kommen, gibt Drummer Ryan schon den überraschendsten wie wohl wichtigsten Tipp für eine solide funktionierende Riffmaschine: „Sei niemals betrunken auf der Bühne." Herbe Enttäuschung gleich zu Beginn. Kann der das ernst meinen? Wenn sein Bruder sich jeden Abend Bierdosen im Gesicht zerschmettert und den holden Gerstensaft über seinen nackten Körper schüttet? Entweder ist es schlicht Verschleierung von Tatsachen oder Airbourne zeigen sich ehrlich überehrgeizig und lassen sogar den höllischen Dämonen Alkohol für ihre Welteroberungspläne abblitzen. „Du willst keinem Fan, der 20 Dollar bezahlt hat, eine scheiß Show bieten. Dann könntest du nicht mehr in den Spiegel schauen. Nach der Show ist das natürlich was anderes", lacht er wie einer, der einiges zu verheimlichen hat.

1. Regel: Kündige deinen Job und verlasse deine Freundin.
Ryan: So ziemlich, yep.
Joel: Man muss alles geben. Wir haben angefangen, als wir noch zur Schule gingen. Da war es noch egal. Aber wir haben es durchgezogen, bis wir Jobs hatten. Die mussten wir dann kündigen.
Ryan: Joel und ich hatten in einem Pub gearbeitet. Als wir 18 Jahre alt wurden, haben wir gekündigt und lebten von Sozialhilfe. Die ganze Band ist zusammen in ein Bandhaus gezogen, keiner durfte sich einen Job holen. Wenn wer arbeiten wollte, sollte er mit Fahrrad Plakate verkleben gehen und uns so einen Gig besorgen. Wir sind also nur durch die Stadt getigert und haben versucht, Shows ranzukriegen. Danach sind wir die ganze Westküste abgeklappert, dann die Ostküste. Heute sind wir hier.

2. Regel: Ryan, du erklärst sie schon: Alle ziehen zusammen in ein Haus.
Ryan: Dreieinhalb Jahre lang.Mittlerweile leben wir mit den Jungs jetzt schon seit 12 Jahren im Tourbus. Es muss einfach Klick machen. Wir sind keine Band, die Streiche auf Tour spielt. Lieber wollen wir das gleiche Line-Up beibehalten, anstatt im Bus Scheiße in die Schuhe der anderen zu stecken. 
Joel: Das wäre wirklich kindisch.
Ryan: Für mich heißt das, jemand ist noch nicht oft getourt. Wir touren so viel, der Bus ist unser Zuhause. Im Van damals war es so eng, da brauchten wir keine Streiche, um die Socken der anderen zu riechen.  

Wie kann man sich ein Haus leisten, wenn man keine Zeit für einen Job hat?
Ryan: Sozialhilfe.
Joel: Durch das Land touren hilft. 

3. Regel: Aha. Also am wichtigsten ist es, so viele Gigs wie möglich zu spielen. Egal ob im Haus von Freunden oder lausigen Bars? 
Joel: Spielt so viele Shows wie nur möglich. Es ist egal, wo. Am Anfang haben wir sogar auf Geburtstagsfeiern gespielt. Man muss nehmen, was man kriegen kann.
Ryan: Wir spielten einmal für vier Leute, eine ganze Show. Sechs Typen sind noch reingekommen, als wir den letzten Song anstimmten. Also haben wir das ganze Set nochmal gespielt, weil wir uns schlecht fühlten, 200 Dollar von der Venue zu nehmen.

​​4. Regel: Lerne, nicht total bescheuert auszusehen, während du spielst. 
Joel: Gigs zu spielen, hilft. Die Regel lautet: Spielen, spielen, spielen, spielen. Wenn du nicht spielst, warum? Der Look sollte dann natürlich kommen. Manche Bands wie KISS hatten großartig durchdachte Ideen dafür. Sie sind aber nicht eines Tages aufgewacht und waren plötzlich kostümiert. Jimi Hendrix hat nicht über seinen Look nachgedacht, deswegen sah er so aus. Lemmy auch, er sah abseits der Bühne genauso aus. Bleibe dir selbst treu.

Und wie schafft man es dabei, nicht sein Gehörvermögen zu verlieren?
Joel: Was? Haha. Das ist Teil des Arbeitsplatzes.
Ryan: Wir leiden beide an Tinnitus, ein konstantes Ringen in den Ohren. Wie bei Leuten auf dem Bau, das ist dem Arbeitsplatz geschuldet.

5. Regel: Die Bühne ist alles. Denkt über verrückte, auffällige Angewohnheiten nach. Deformiert euer Gesicht beispielsweise mit einer Bierdose. 
Joel: Ich weiß, du willst Regeln hören. Aber es gibt keine. Bleibe dir selber treu. Ich habe Bierdosen an meinem Kopf zerschmettert, weil ich mitten im Set dachte, das wäre eine gute Idee. Und dann habe ich das immer wieder gemacht. So war das auch, als ich das erste Mal ein Bühnengerüst hochgeklettert bin. Wir waren eine unbekannte Band auf einem Festival. Die Band neben uns hatte alle Leute versammelt. Also bin ich hoch zur Lichttraverse und habe sie auf die andere Crowd gerichtet. Dann kamen Leute rüber zu uns.
Das geht alles zurück auf Regel 3: Spiele immer weiter, dabei lernst du viel über dich. Und über einzigartige Ideen. Wenn die Gitarrensaite reißt, musst du jammen, bis eine neue aufgezogen ist. Dabei wird die Band lebendig, man erfindet etwas. Teile von Songs, die wir heute noch spielen, entstammen solchen Jam Sessions, weil irgendein Amp durchbrannte. Wir mussten das selber fixen, ich habe dann ein Solo auf der Bar gespielt. 

6. Regel: Sei überall betrunken. 
Joel: Das ist keine Regel. Das ist Alkoholismus. Habt eine gute Zeit. Und wenn ihr mal schlechte Zeiten habt, übersteht die und habt dann wieder gute Zeiten. 

Aber wenn man als junge Band nun doch vor einer Show zu betrunken oder verkatert ist?
Ryan: Das wirst du nicht sein.
Joel: Mach das nicht. Du wirst scheiße sein auf der Bühne. Falls es doch passiert: Trink einen Red Bull, nimm eine kalte Dusche.
Ryan: Wir haben das auf die harte Tour gelernt. Gehe kotzen.
Joel: Genau, geh' kotzen, so viel es geht.
Ryan: In unseren Anfängen habe ich von der Bühne gekotzt, weil ich zu viele Wodka-Os getrunken habe. Oder einfach aufs Drumkit. 

Auch blöd: Betrunken lassen sich die Mercheinnahmen nicht besonders gut kalkulieren oder auch wegstecken.
Joel: Du wirst T-Shirts weggeben und die glücklichsten Menschen der Welt halten dann ein gratis Shirt in der Hand. Mir ist das mal passiert, weil ich zu voll war: Wir brauchten Geld zum Tanken, um nach Sydney zu kommen. Wir hatten auch keine Gitarrensaiten mehr. Und die Jungs fragten mich, wo das Merchgeld ist. Du wirst das Arschloch der Band sein.

Oder im Studio betrunken zu sein...
Ryan: Haha, ich glaube, das passiert jedes Mal.
Joel: Wenn ein Handwerker seine Werkzeugkiste vom Gebäude fallen lässt, wird sie zerschellen und er hat keine Werkzeuge mehr. Zerstört eure Gitarren bitte nicht. Als Musiker habt ihr kein Geld, also müsst ihr euch neue stehlen, kommt dafür ins Gefängnis und eure Karriere geht den Bach runter. 

​​7. Regel: Lebt das Tourleben voll aus. 
Joel: Lebe es aus. Du weißt nie, wann du wieder auf Tour kommst. Touren bedeutet Spaß, es ist dein Kindheitstraum. Nimm ihn mit offenen Armen, maximal.

Wie kann man dabei schlank und fit bleiben?
Joel: Durch die Shows. Wir geben jedes Mal 100 Prozent. Wir nehmen uns auch nicht ernst. Ich halte mich für einen Schwachkopf, einen Spasti. Aber die Shows nehmen wir sehr ernst. Wir kämpfen und sterben für diese Band. Persönlich kümmere ich mich nicht darum, was die Leute denken. Ich erkläre ihnen immer: In meinem Job zerschmettere ich Bierdosen an meinem Kopf. 

Und wie schafft man es, aufkommende Aggressionen auf Tour zu besänftigen?
Joel: Wenn ihr in einem engen Van sitzt und ein großer Streit hereinbricht, kämpft ihn aus! Dann kann jeder aus dem Van springen und wegrennen, dann wird es gut. 
Ryan: Wir sind sehr friedlich. Im Bandhaus haben wir damals alles geklärt, deshalb sind wir heute noch im gleichen Line-Up.

8. Regel: Lebt alle "Sex, Drugs & Rock 'n' Roll"-Klischees.
Joel: Nehmt kein Heroin! Das wird dich fertig machen. Werde kein Abhängiger! Ein paar Bier, ein paar Drinks, raucht ein wenig Gras.

9. Regel: Nehmt den ganzen Labelvorschuss und verballert ihn ohne Grund. 
Joel: Ja haha, das haben wir bei der ersten Platte gemacht. Da haben wir verdammt übertrieben.

Was habt ihr euch gekauft?
Joel: Nichts! Haha. Wir haben nur dummes Zeug gekauft. 
Ryan: Viel davon ist auf Tour weggegangen.
Joel: Ja, für Touren. Guck: Meine Löcher in den Jeans sind keine Fashion, der Hosenboden fällt fast raus. Ich habe die Jeans gestern erst im Bad gewaschen. Mit Handseife. 

​​10. Regel: Habt Sex mit so vielen Groupies wie möglich. 
Joel: Als junge Band, wenn man anfängt? Na klar, geht raus und habt Spaß. Wenn ihr drauf steht. Falls du schwul bist, da sind auch viele Männer. Verhüte aber immer! Trage ein Kondom. In manchen Ländern kannst du dir ernsthafte Infektionen einfangen. Also ziehe den "Regenmantel" an, am besten zwei, falls einer reißt. Bevor du multikulturelle Kinder auf der ganzen Welt hast.

Was macht man, wenn das Groupie den Raum nicht mehr verlassen will?
Joel: Furze. Das wird alles regeln. Und Gaffa-Tape.

11. Regel: Spiele dein Instrument überall, wo Leute es sehen könnten. Selbst beim Sex.
Joel: Nein. Seltsame Frage. Du kannst nicht Gitarre spielen während du kacken bist.

Doch, das geht.
Joel: Ja, aber dann hast du einen dreckigen Arsch, weil du zu beschäftigt warst, deine Pentatonik-Skalen zu spielen und ihn nicht ordentlich gesäubert hast.

12. Regel: Tue so oft es geht irgendetwas Gefährliches. Für das Schockmoment und die Aufmerksamkeit.
Joel: Nein, weil du dich dann selbst verletzt. Sei klug, tue keine dummen Dinge, gehe nicht betrunken auf den Balkon, steige so auch nicht ins Auto. Wenn du müde bist, fahre den verdammten Van an die Straßenseite und schlafe.  

Wie oft wart ihr im Krankenhaus während einer Tour?
Joel: Ich musste mal ins Krankenhaus für eine Darmspiegelung. Damit sie mir eine Kamera den Arsch hoch schieben konnten haha.

13. Regel: Nehmt Sex, Drugs & Rock 'n' Roll. Das ist alles, was ihr für eure Texte braucht. 
Joel: Nein, du brauchst mehr. Erzähle von deinen Erfahrungen. Was hast du von der Straße gelernt, was für Geschichten gehört? Erzähle von deinem Leben, das besteht nicht nur aus Sex, Drugs & Rock 'n' Roll. Wenn es so wäre, wärst du innerhalb von fünf Minuten tot. Du hättest unzählige Geschlechtskrankheiten und würdest in einer Entzugsklinik feststecken. Du hast aber einen Job: Halte die Flagge vom Rock 'n' Roll hoch! Halte ihn am Leben. Im Jahr 2016 ist das verdammt hart. 

14. Regel: Stirb an einer Überdosis und werde wiedererweckt.
Joel: Tut das nicht. Bleibt am Leben, seid keine Drogensüchtigen.

15. Regel: Wie ihr es anfangs gesagt habt - lebt Rock'n'Roll.
Joel: Ja, das ist es. Lebt euer Leben. 

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