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Reisen

Pech im Puff, Glück im Spiel

Die Bank gewinnt nicht immer. Manchmal bettelt ein Kasino auch einfach nur darum, gedemütigt und abgezogen werden.
1.6.12

Ein paar Minuten nach unserem obszön teuren und wilden Abend mit dem Affenmenschen und den fünf Huren.

Es ist ein Gerücht, dass einen die deutsche Botschaft im Ausland mit Bargeldzahlungen über Wasser hält. „Das war vielleicht in den 80ern mal so …“, nölte der Botschaftsangestellte lakonisch ins Telefon. „Das Einzige, was ich für sie tun kann, ist, ihnen viel Glück zu wünschen.“ Mir wurde schwarz, rot und gold vor Augen und ich rotzte ihm noch ein „Deutschland muss sterben, damit ich wieder leben kann“ ins Telefon, bevor ich den Hörer quer durchs Zimmer warf. Pleite in Riga, ein Traum wurde für mich wahr.

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Aber unser Fotoredakteur Grey und ich sind und waren noch immer Profis. Wir schoben fürs Erste die Vorfälle des vergangenen Abends beiseite und machten uns an unsere eigentliche Arbeit in Riga, auf die ich ein anderes Mal zu sprechen komme.

Nachdem alle Interviews geführt waren, zählten wir das letzte Kleingeld in unseren Taschen. Es waren zwar nur noch ein paar wertlos aussehende „Lats“, ausgesprochen wie das englische Wort „Lads“,

[Name der lettischen Währung. In einem Kommentar wurde gestern gefragt, wieso ich ausschließlich von Euro spreche, zum einen rechne ich im Ausland immer alles sofort in Euro um und zum anderen hört sich „Ich habe all meine Lads verloren“ einfach dämlich an.]

aber zumindest genug, um uns ein billiges Bier aus der Dose zu kaufen und am Bahnhof herumzuhängen.

Andere Menschen werden durch Alkohol dumm. Nicht so Grey und ich. Wir werden geniale Autisten, Savants, Dustin Hoffmann in Rain Man. Bedingt durch diese temporäre Inselbegabung, einem schwehlenden Bedürfnis nach Rache und einem immer vorhandenen Blutdurst mussten wir nur mit unserem bereits chronisch gewordenen Silberblick aneinander vorbei starren und wir wussten sofort, was zu tun ist, um unsere Taschen wieder zu füllen. Wir hatten nichts mehr zu verlieren und konnten nur noch gewinnen. Wir mussten ins Kasino.

Kasinos sind in solch finanziell prekären Situationen meistens die einzige Rettung und das hat drei Gründe: - Sie haben 24 Stunden geöffnet.
- Sie geben einem, wenn man sich geschickt anstellt, Geld für umsonst.
- Sie schenken ununterbrochen Alkohol aus. Und das ebenfalls umsonst. Natürlich ist der Sinn dahinter, die Spieler so besoffen zu machen, dass sie unnötige Risiken eingehen und schließlich alles verlieren. Aber ich erwähnte ja bereits, dass wir uns in geniale Autisten verwandelt hatten, immun gegen Alkohol waren und nun für uns die Zeit gekommen war, in der wir Andere über den Tisch ziehen, abzocken, ausrauben, demütigen und dann am Boden liegen lassen würden.

Das Wichtigste und ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es ist, ist, sofort nach Betreten des Kasinos MITGLIED ZU WERDEN. Diese Mitgliedschaften sind kostenlos und man bekommt sofort eine schicke Plastikkarte, die einem das Recht gibt, auf den Pöbel an den Spielautomaten herabzusehen, während man direkt auf den Roulettetisch zusteuert. Wenn man sowieso kein Geld hat, dann spielt man in einem Kasino kein Blackjack, Poker oder Baccara, sondern ausschließlich Roulette. Dunkel erinnere ich mich zwar noch an die Ausschweifungen meines ehemaligen Mathelehrers über das Gesetz der großen Zahlen, und dass man bereits, wenn man anfängt zu spielen, statistisch gesehen 3,75 % seines Einsatzes verliert. Aber er war natürlich ein Mensch mit rein theoretischer Lebenserfahrung und seine Ratschläge waren somit schon immer wertlos.

Was man stattdessen tun muss, ist, sich einen Tisch auszusuchen, an dem Engländer oder Amerikaner sitzen, die gerade eine Glückssträhne haben und vor denen sich die Chips türmen. Spieler sind auch nur Drogenabhängige, die Andere zwanghaft auf Lines einladen wollen. Verwickelt man sie in Small Talk und gibt sich dabei vollkommen ahnungslos und ein wenig ängstlich, stehen die Chancen gut, dass sie einem einen Chip abdrücken und dann geht es los.

Hat man den ersten und einzigen Chip, dann spielt man damit ausschließlich Farbe und ausschließlich Schwarz. Ohne Budget sind Nummernspiele Selbstmord. Man wartet auf den richtigen Moment und wenn man es im Gefühl hat, dann wirft man den Chip auf den Tisch und gewinnt und gewinnt, gewinnt, gewinnt, verliert mal und gewinnt dann wieder, während man sich mit der Clubkarte einen Wodka-Tonic nach dem anderen bringen lässt. Vor uns türmten sich die Chips und die leeren Gläser. In einer Hand hatte ich immer zwei Zigaretten und in der anderen immer einen vollen Drink. Auf unseren Plätzen saßen wir schon lange nicht mehr. Sobald die Kugel rollte, fingen wir an, uns wie ausgehungerte Hyänen zu benehmen und schrien aus vollem Hals „Black Magic“, während wir versuchten, mit dem Teufelsgruß und unserem betrunkenen Willen die Kugel zu beeinflussen, damit sie uns finanziellen Reichtum bringen möge. Unser Einsatz von fünf Lats [etwa 7 Euro] hatte sich im Laufe von Stunden auf 200 Lats vermehrt. Wir spielten uns hoch, wir spielten gut, wir spielten strategisch, wir tranken mehr und wir waren unersättlich, bis uns durch die Bedienung zugetragen wurde, dass es wohl auf Anweisung eines Typen namens „Big Boss“ keine Drinks mehr für uns geben würde. Ich war erbost. Ich war ein ordentliches Mitglied dieses Kasinos und wie konnte jemand die Dreistigkeit besitzen, mir zu untersagen, weitere Drinks zu ordern, während wir soviel Geld wie nur möglich aus dem Kasino zogen?! „Who the fuck is this Big Boss?“, lallte ich der Bedienung entgegen. Das Mädchen in ihrem Polyesterkleid sagte nichts, sondern zeigte nur wortlos an die Decke. Mit einiger Verzögerung folgte eines meiner Augen ihrer Handbewegung und ich starrte in das kalte Objektiv einer Kamera, das direkt auf uns und nur auf uns gerichtet war.

In diesem Moment wurde mir klar, welche Szenerie sich dem „Big Boss“ seit Stunden auf seinem Monitor geboten haben muss. Grey, unser Fotoredakteur in einem zerrissenen T-Shirt, sich wie bei einem Spiel von Chelsea FC gebärend, ich, der seit Stunden anstatt in den Aschenbecher in den Becherhalter aschte und diesen bereits bis zum Rand mit Kippen gefüllt hatte, Türme aus Chips, die wir aus dem Nichts gezaubert hatten, neben unzähligen aufgetürmten Gläsern, die wohl auch aus dem Nichts kamen. Flashbacks des vergangenen Abends flackerten vor meinem inneren Auge. Ich zerrte Grey an seinem Shirt, riss das Loch an seinem Ärmel ein wenig weiter auf, wurde dadurch aus meinem eh schon fehlenden Gleichgewicht gerissen und verschüttete dabei den letzten Drink quer auf dem Roulettetisch. Hastig und vollkommen überstürzt stopften wir die Chips in unsere Taschen und schubsten uns gegenseitig in Richtung der Wechselstube. Mit Schweiß auf der Stirn warteten wir ungeduldig darauf, dass die Dame unsere Chips zählte und uns schließlich in Zeitlupe die schönen Scheine aushändigte. Hysterisch lachend, torkelnd und fallend stürzten wir in Richtung Ausgang und fingen zehn Meter davor an, in das Licht der Nacht zu rennen.

So sieht ein Gewinner aus.