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Musik

Vega fickt die Charts und den DFB

Das Jahr ist noch jung und schon fickt Frankfurt wieder alles kurz und klein. Wir haben beim Eintracht-Frankfurt-Ultra und Chartstürmer Vega durchgerufen, um mit ihm Chartplatzierungen, den Hype um Frankfurter Rap und Pyroaktionen zu erörtern.
24.1.13

Das Jahr ist noch jung und schon fickt Frankfurt wieder alles kurz und klein. Erst schießt ,Nero', das neue Album des Frankfurter Rappers Vega, aus dem Stand von NULL auf ZWEI der deutschen Albumcharts, und dann fackelt die Eintracht beinahe das Leverkusener Stadion in ihrem ersten Bundesligaspiel nach der Winterpause ab. Grund genug also, um bei dem Eintracht-Frankfurt-Ultra Vega durchzurufen und mit ihm Chartplatzierungen, Tabellenplätze, den Hype um Frankfurter Rap, Böhse-Onkelz-Affinitäten und Pyroaktionen und nicht ob, sondern wie hart sich der DFB gefickt gehört, zu erörtern.

VICE: Die Eintracht ist vergangene Saison aufgestiegen und noch immer auf Platz 4 in der Tabelle, du bist nun auf 2 in die Charts eingestiegen, dir muss es recht gut gehen.
VEGA: Musikalisch wie auch sportlich bin ich momentan natürlich sehr zufrieden. Wobei ich bei der Eintracht auch aus dem einfachen Grund sehr zufrieden wäre, wenn sie nicht mehr auf Platz 4 wären, da sich die Qualität des Fußballs im Vergleich zu den letzten Jahren um 400 Prozent verbessert hat. Alleine deswegen macht es schon mehr Spaß zuzuschauen. Es wäre aber natürlich schön, wenn sie sich dort oben festsetzen und Aussichten auf einen europäischen Platz haben. Rap aus Frankfurt wird gerade ziemlich gehypt, während Rap aus der Hauptstadt immer weicher und irrelevanter wird. Was meinst du, woran das liegt?
Empfindest du das so? Ich weiß nicht. Natürlich hat Frankfurt gerade eine zweite Blütezeit nach dieser ganzen Rödelheim-Hartreim-Projekt-Zeit, aber ich würde jetzt nicht sagen, dass Berlin unwichtig wird. Natürlich ist es so, dass die Leute, die in Berlin Musik machen und richtig erfolgreich sind, von außerhalb kommen. Ist auch egal, ob das nun Marteria ist oder ein Casper oder jetzt Chakuza oder RAF Camora, die Maskulin-Jungs, also in Berlin geht schon noch einiges. Glaubst du, dass dein Erfolg zum Teil auch daran liegt, dass du mehr Authentizität rüberbringst als andere Rapper, deren Fokus nur auf der Darstellung von Cash, Money, Bitches liegt?
Ich denke auf jeden Fall, dass es mir eine engere Bindung zu meiner Hörerschaft bringt, und in dem Moment sind meine Supporter natürlich auch gewillt, mich intensiver zu unterstützen, als das bei anderen Künstlern der Fall ist. Sprich, sie kommen zahlreicher zu den Konzerten, da sie auch wissen, dass man eine CD auch kaufen muss, damit Kunst und Musik in egal welcher Weise weiterleben kann. Wenn wir nichts zu essen auf dem Tisch haben, dann können wir uns auch nicht um die Mucke kümmern. Das haben wir den Leuten über die Jahre klargemacht, indem wir viel draußen waren und mit den Leuten vor den Shows persönliche Gespräche geführt haben. Das hat uns in den letzten zwei Jahren viel geholfen, dass unsere Fans uns verbundener sind. Viele deiner alten Sachen sind frei im Internet verfügbar. Meinst du, dass sowas zu deinem jetzigen Erfolg beiträgt?
Das bringt einem gerade zum Einstieg ins Musikgeschäft die Möglichkeit, sich einer breiten Hörerschaft zu präsentieren. Die nehmen natürlich von Anfang an lieber die Sachen, die nichts kosten, was ja generell auch so eine deutsche Mentalität ist, und da hat man natürlich auch die Möglichkeit, Leute auf seine Seite zu ziehen, aber man muss auch aufpassen, dass man nicht der Rapper wird, der alles umsonst macht. Sonst wird es nach dem vierten Ding schwer, dafür Kohle zu bekommen. Viele deiner Tracks sind sehr emotional und voller Pathos. Machst du das bewusst?
Natürlich. Meine Musik ist sehr nah an den Ereignissen, die in meinem Leben stattfinden, und mein Leben ist wie jedes andere Leben auch mit Emotionen verknüpft, und so ist auch die Musik emotional. An einem traurigen Tag wird der Song natürlich viel tiefgründiger, als wenn ich in Mallorca-Sonne-Partylaune bin. Deshalb mache ich das gar nicht so absichtlich, wie es vielleicht scheint. Du machst keinen Hehl daraus, dass du auf Böhse Onkelz stehst. Ist da Ideologie dabei, oder warum hast du so eine Affinität zu dieser Band?
Na, ich komme einfach aus einer Region in der die Böhse-Onkelz-Musik in den letzten 20 Jahren einfach einen riesigen Einfluss hatte, und sie sind in vielerlei Hinsicht einen Weg gegangen, der unserem gar nicht so unähnlich ist, natürlich in einer noch ganz anderen Größenordnung, aber generell haben sie auch dem ein oder anderen Medium den Kampf angesagt und lieber auf ein, zwei Sachen verzichtet, weil sie der Meinung waren, dass es unnötig ist. Und so einen ähnlichen Weg gehen wir auch. Die Onkelz sind in der öffentlichen Wahrnehmung dennoch umstritten …
Ja. Was meinst du genau damit? Dass die Leute noch immer meinen, die Onkelz wären eine rechtsradikale Band? Was heißt umstritten? Hier in der Gegend ist es nichts Schlimmes, Böhse-Onkelz-Musik zu hören. Ich komme auch aus einer Zeit, in der diese Nazivorwürfe und die Diskussion darum schon längst kein Thema mehr waren. Auf Nero hast du ja auch einen Track mit Haudegen, die ja ein wenig in das Vakuum stoßen, das die Onkelz hinterlassen haben.
Ich kann diesen Haudegen-Onkelz-Vergleich gar nicht so sehen. Ich finde auch nicht, dass sie großartig ähnliche Musik machen. Bei Haudegen ist es erstmal wesentlich poppiger ausgelegt, und die machen eher so „Hoffnungsmusik“, sage ich mal. Die haben natürlich beide—also Hagen und der Frontsänger der Onkel—ein ähnliches Organ, aber ich sehe nicht so viele Parallelen wie andere Leute.    Themen, auf die du immer wieder angesprochen wirst und die dir an den Kopf geworfen werden, sind Frauenfeindlichkeit und Schwulenfeindlichkeit.
Ich habe weder etwas gegen Schwule noch gegen Frauen. Ich liebe Frauen, speziell natürlich meine. Es geht einfach um eine gewisse Sprache, die im Genre Rap verwendet wird und wo es auch vor 10 Jahren überhaupt keine Diskussion gab, wenn jemand das Wort „schwul“ benutzt hat, nicht um damit zwei sich liebende Männer zu betiteln, sondern für alle möglichen Sachen. Die Leute sagen auch zu allem möglichen „geil“ und laufen nicht mit einem erigierten Glied durch die Gegend. Du scheinst so eine Art „your favorite rapper's rapper“ zu sein, der eine Menge Zuspruch von anderen Künstlern bekommt, wie erklärst du dir das?
Ist das so? Werde ich so wahrgenommen? Das freut mich natürlich, das ist geil und ehrt mich. Wobei ich sagen muss, dass es natürlich für mich auf ein paar wenige reduziert ist, wo es für mich ein Ritterschlag ist. Wenn jetzt ein Azad, ein Savas, ein Moses Pelham, ein Curse meine Musik feiern, und das öffentlich kundtun, dann ist das für mich natürlich eine große Ehre, aber so viele außerhalb dieser Leute gibt es dann auch nicht. Zu einer anderen Szene. Heribert Bruchhagen, Geschäftsführer von Eintracht, hat Fans aus den eigenen Reihen nach dem Spiel gegen Leverkusen letztes Wochenende als „Problembesucher“ tituliert. Was ist bei euch in der Kurve nur los?
Jeder hat da eine Meinung. Dass ein Herr Bruchhagen sich in so einer Sache kritisch äußert, ist zu erwarten, aber er steht unter einem gewissen Druck in der Öffentlichkeit. Ich glaube nicht, dass er als Marionette, die er ist, die Möglichkeit hat, eine andere Meinung zu äußern. Es hat uns jetzt nicht aus den Schuhen gehauen, dass der Herr Bruchhagen uns als Problemfans bezeichnet. Das ist nichts Neues. Nach der Diskussion um das DFL-Sicherheitskonzept „Sicheres Stadionerlebnis“ und der Aktion 12:12 hat die Aktion in Leverkusen dem DFL gut Wasser auf die Mühlen gegeben, um dieses Konzept durchzudrücken.
Das war in dem Moment sicherlich eine Trotzreaktion, aber gleichzeitig auch ein Zeichen, dass man uns so einfach nicht kleinkriegen wird. Ich bin generell der Meinung, dass Pyrotechnik ein Weg ist, Leidenschaft und Liebe zum Ausdruck zu bringen und Emotionen im Stadion zu verstärken, und demnach wollen wir das beibehalten. Das ist unsere Meinung, war unsere Meinung, und damit werden wir auch nicht aufhören. Ein Problem ist aber auch, dass Ultras und Hooligans immer gleichgesetzt werden. Trotzdem liegt die Eintracht laut der eher sinnlosen Tabelle der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ der Polizei dort mit 500 gewaltbereiten und 130 gewaltsuchenden Fans auf Platz 1.
Ja, ja, habe ich gesehen. Ich sehe erstmal diese Liste als komplett lächerlich an, da die Leute, die solche Listen erstellen, generell keinerlei Ahnung von der Szene haben. Sie haben ja versucht, auf den Mann genaue Zahlen anzugeben. Wenn sie doch so genau wissen, was wir machen, dann würden sie es auch besser verstehen, und es würde diese ganzen Probleme nicht geben. Das Ding kam halt auch in der Bild-Zeitung. Ich musste auch laut lachen. Beim Berliner FC Dynamo zählt die Polizei 760 gewaltbereite und gewaltsuchende Fans. Und das bei einem Zuschauerschnitt von 728. Wie stehst du zum DFL-Sicherheitskonzept „Sicheres Stadionerlebnis“?
Ich gehe seit über 20 Jahren in Fußballstadien und habe mich zu keinem Zeitpunkt, weder als Kind noch jetzt, in irgendeiner Art und Weise unsicher gefühlt und ich glaube auch nicht, dass die Leute, die ich jedes Wochenende im Stadion treffe, so aussehen, als würden sie mit Todesangst im Block stehen. Ich bin da vollkommen dagegen. Du hattest selber bis 2011 bundesweites Stadionverbot. Was war da los?
Ich hatte eine Meinungsverschiedenheit mit der Polizei und bin mit den Kollegen etwas aneinandergeraten. Dann wurde ich für fünf Jahre des Stadions verwiesen. Fuck. Wie fühlen sich fünf Jahre ohne Fußball an?
Man wird ein kleines bisschen aus dem Leben gerissen. Man lebt ja natürlich bis zu einem gewissen Grad für den Fußball und das Wochenende. Ich bin trotzdem weiterhin jedes Wochenende zu den Spielen gefahren und habe meine Kumpels getroffen. Keine Sekunde habe ich daran gedacht, zu Hause zu bleiben, und also das einzig Richtige gemacht und gezeigt, dass mich auch so eine Strafe definitiv nicht davon abhält, meiner Passion nachzugehen. Na dann. Fick dich, DFB.

Fotos: Robin Heller / hellesdesign.de