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Wie die 'Bild'-Zeitung einen "Sex-Mob" erfand

Vor einer Woche erschien ein Artikel über grabschende Flüchtlinge am Silvesterabend in Frankfurt. Der Vorfall ist aber nie passiert.

"Sex-Mob tobte in der Freßgass", berichtete die Bild-Zeitung am 6. Februar über den Silvesterabend in Frankfurt. Und auch: "37 Tage nach Silvester brechen Opfer ihr Schweigen". Der Frankfurter Wirt Jan M. erzählte der Bild von "Massen von Flüchtlingen", die in seinem Lokal "First In" randaliert haben, sie hätten Frauen angegrabscht und seinen Gästen die Getränke weggetrunken. "Sie fassten mir unter den Rock, zwischen die Beine, an meine Brüste, überall hin", wird die 27-jährige Mitarbeiterin des Wirts, "Irina A.", zitiert.

Fünf Wochen nach Silvester bekamen die Rechten nach den Vorfällen des vergangenen Jahres wieder einen "Sex-Mob", der alle Vorurteile bestätigte – durch einen Bild-Artikel über "900 größtenteils betrunkene Flüchtlinge", die extra mit dem Zug aus Mittelhessen nach Frankfurt angereist seien. Ein zweites Köln, das "die Medien" aber bisher verschwiegen hatten. Die Frankfurter AfD griff den Bericht sofort auf, prangerte in einer Pressemitteilung das Sicherheitskonzept der Stadt an, sprach von einem "Mob von aggressiven Arabern" und schob es natürlich auf die offenen Grenzen.

Schon einen Tag später meldete die FAZ erste Zweifel an dem Bericht an – und auch der Polizei schienen die Vorfälle völlig neu zu sein. An diesem Dienstag, dem 14. Februar, veröffentlichte die Frankfurter Polizei das Ergebnis ihrer Ermittlungen: Die Vorwürfe seien "haltlos und entbehren jeder Grundlage" – noch immer liege keine einzige Anzeige vor, auch Vernehmungen von vermeintlichen Zeugen "ergaben erhebliche Zweifel". Einsatzprotokolle und Notrufe wurden überprüft, ohne Hinweise auf die angeblichen Straftaten zu geben. Sprich: Den "Sex-Mob" in der Freßgass hat es nie gegeben.

Der Bericht der Bild verbreitete sich schnell im Netz: Die Junge Freiheit griff die Schlagzeile ebenso auf wie Breitbart UK und weitere Medien in Großbritannien und Deutschland. Dutzende Bürgerinitiativen und AfD-Fraktionen teilten den Bild-Artikel bei Facebook und Twitter. Die Bild hat Fake News erschaffen.

Die Bild verließ sich offenbar ohne weitere Überprüfung auf die Aussagen des Wirtes und seiner zwei Angestellten. Sein Facebook-Profil, das mittlerweile nicht mehr zu finden ist, offenbarte der FAZ in einer Recherche die AfD-Sympathien des First-In-Chefs. Auch ein kurzes Anklopfen bei den benachbarten Lokalen in der "Freßgass", der Ausgeh-Meile Frankfurts hätte geholfen, denn kein anderer Inhaber konnte die Szenen bezeugen. Die Polizei fand jetzt heraus, dass eine der angeblich begrapschten Mitarbeiterinnen an Silvester überhaupt nicht in Frankfurt war.

Am Montag fing die Bild an, zurückzurudern. "Hat er alle belogen?", fragt die Bild unter dem Porträt des 49-jährigen Gastronoms. Die Polizei ermittelt gegen M. nun wegen Vortäuschens einer Straftat. Als die Polizei am Dienstag die Pressemitteilung veröffentlichte, entschuldigte sich die Bild einige Stunden später. Es habe die "mobartigen Übergriffe" niemals gegeben. "Diese Berichterstattung entspricht in keiner Weise den journalistischen Standards von Bild", heißt es. Der ursprüngliche Artikel wurde von der Webseite gelöscht. Ein Anruf beim First In führt ins Nichts: Eine Mitarbeiterin erklärt gegenüber VICE, sie wisse nicht, wann Jan M. wieder im Haus sei.

Selbst die AfD in Frankfurt scheint schon nicht mehr an die Story zu glauben. Gegenüber der FAZ gibt der Vorsitzende der AfD-Fraktion zu: "Unsere Einschätzung des Falles war offensichtlich falsch."

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