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Medizinisch erklärt: Was macht ein Oktoberfest-Besuch mit deinem Körper?

Ist ein Wiesn-Wochenende eigentlich gastroenterologisch vertretbar?
23.9.15
Bild: flickr, Steffen Hausmann | CC BY 2.0

Herrlich, ich habe mich das ganze Jahr darauf gefreut und endlich ist es wieder soweit: Das Oktoberfest öffnet seine Pforten. Eine Maß Bier kostet heuer durchschnittlich 10,22 Euro und ist traditionell wieder ein gutes Stück teurer geworden—wie eigentlich alles auf der Wiesn. Doch davon lasse ich mir als langjährige Münchnerin natürlich nicht die Stimmung verderben.

Das Oktoberfest stellt nicht nur einen logistischen Kraftakt für die Lokalpolitik dar (der die Versorgung weiterer Flüchtlinge laut CSU angeblich erheblich erschwert), es ist vor allem auch eine besondere medizinische Herausforderung für den Körper des durchschnittlichen Besuchers.

Jahr für Jahr stellen auf der Wiesn tausende Menschen tapfer unter Beweis, für welche Strapazen wir biologisch gewappnet sind. Ein genaueres Vorwissen über die physiologischen Abläufe im Körper des Durchschnittsbesuchers dient somit als praktische Basiskenntnis für alle, die sich ein Wochenende auf dem größten Volksfest der Welt gönnen wollen.

You don't wanna be that guy. Bild: Imago

Da bei einem ordentlichen Wiesn-Besuch vor allem die inneren Organe wie Magen, Darm, Leber und Gallenblase zu tun bekommen, haben wir uns mit einem Gastroenteorologen in Verbindung gesetzt, um die besonderen Umstände des Oktoberfests genauer zu untersuchen. Netterweise hat uns Burkhard Jäger, niedergelassener Gastroenterologie in Berlin, geduldig die verschiedensten Folgen für den Stoffwechsel erklärt, die den unterschiedlichsten Stadien eines amtlichen Oktoberfestaufenthalts entsprechen.

Oans, zwoa, gsuffa—Das Bier

Ein Oktoberfestbesuch ohne Bier ist quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Im Jahr 2014 schütteten in den 16 Tagen Wiesn 6,3 Millionen Besucher 6,5 Millionen Liter Bier in sich hinein. Das ist zwar eine unvorstellbare Menge des bayerischen Grundnahrungsmittels, entspricht mit einem Liter plus Extra-Schluck pro Person erstaunlicherweise jedoch nicht unseren eigenen Erfahrungswerten. Der Motherboard-Erfahrungswert liegt bei sportlichen drei Maß—die sollten schon drin sein.

„Die Volumenbelastung, die der Körper nun erlebt, wird immer massiver."

Das bedeutet: Ein Liter Bier enthält um die 50 Gramm Alkohol und damit auf der Wiesn 470 Kalorien. Bei drei Maß erhöhen sich die Werte auf 150 Gramm Alkohol mit 1.410 Kalorien. Eine 60 Kilogramm schwere Frau hat somit circa 3,65 Promille im Blut, ein 80 Kilo-Mann kommt mit 2,29 Promille dabei noch etwas besser weg, wie der Oktoberfest-Promille-Recher auf der „Website zur Wiesn" fix berechnet.

Prost! Bild: Wikipedia, senator86 | CC BY 2.5

Das erste Bier ist noch eine große Freude, erfrischt, erfreut unser Selbstbewusstsein und lässt uns die Sorgen vergessen, da der Alkohol direkt ins Blut geht und damit im Stammhirn wirkt. Außerdem baut die erste Maß unsere Hemmungen ab—der Tanz auf dem Tisch und das Pfeifen nach der bedirndelten Bedienung kommen plötzlich ganz von selbst.

Dazu weiten sich die Gefäße. Kalte Hände und Füße sind damit ein Phänomen der Vergangenheit, im Bierzelt sind endlich auch die Extremitäten in eine angenhem-wohlige Wärme gehüllt.

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Doch nach der ersten Maß folgt natürlich die zweite und zum krönenden Abschluss des lustigen Spektakels noch gerne eine dritte. „Die Volumenbelastung, die der Körper nun erlebt, wird immer massiver und der Blutdruck steigt weiter an. Dann ist der Körper auch noch einer enormen Kalorienbelastung ausgesetzt", so Jäger. Diese stellt den Stoffwechsel vor eine größere Arbeitsaufgabe und ganz nebenbei meldet sich auch noch die überfüllte Blase und drängt zu einem Gang auf's Klo. Der Alkohol führt gleichzeitig zu einer verringerten Bildung des antidiuretischen Hormons, welches den Wasserhaushalt im Körper reguliert. Flüssigkeit wird also schneller ausgeschwemmt und gleichzeitig trocknen wir dabei aus.

Und auch die wohlige Wärme wird plötzlich gar nicht mehr so angenehm, denn der Körper fühlt sich weiterhin warm an, während er eigentlich auskühlt. „Die toxische Belastung durch den Alkohol ist dabei sogar eher eine Nebenerscheinung bei den ganzen anderen körperlichen Anstrengungen", erklärt Jäger.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein—Hendl & Schweinsbraten

Wer sich den ganzen Tag auf dem Festgelände herumtreibt, muss sich zwischendurch auch mal etwas Herzhaftes zwischen die Zähne schieben. Dabei bieten sich die allseits bewährten Klassiker Hendl und Schweinsbraten an. Ein halbes Brathendl kommt mit 700 Kalorien daher, ein Schweinsbraten ist mit 570 Kalorien pro Portion sogar noch etwas schlanker.

Bild: imago/ Michael Westermann

Vor allem der leckere Braten wird nicht nur mit einem dicken Knödel, sondern, wie der Gastroenterologie anmerkt, hormonaktivem Viszeralfett serviert, welches dem Stoffwechsel noch einmal eine kleine Keule von der Seite versetzt. Während du also gemütlich auf der Holzbank mit dem Mund voller Schwarte volkstümliche Schlager mitgrölst, läuft deine Verdauung einen Hochleistungsmarathon.

Hoch hinaus und Wilde Maus—Die Fahrgeschäfte

Auch wer Achterbahnen und Kettenkarussells sonst scheut wie der Teufel das Weihwasser, kommt auf der Wiesn nicht um eine kleine Fahrt herum. Doch Obacht, denn der Körper-Shaker kann der unverdauten (Flüssig-)Nahrung unter Umständen wieder den Weg nach draußen zeigen.

Auch Schleudertraumata, verschobene Halswirbel oder Bandscheibenschäden holt sich ein ungeübter Karussellfahrer schneller, als er Brezn sagen kann.

Süßes zwischendurch—Gebrannte Mandeln, Schokofrüchte, Zuckerwatte

Jeder braucht auch mal eine Pause zwischen Bier und Hendl und gönnt sich auf dem Weg zur Wilden Maus vielleicht eine kleine Leckerei. Gebrannte Mandeln sind dabei nicht die schlechteste Wahl, denn die Mandel an sich ist sogar sehr gesund. „Sie enthält einen Großteil ungesättigter Fettsäuren, die für die Synthese der aufgenommenen Produkte essentiell und förderlich ist", erklärt Jäger. Der Zucker ist zwar schlecht für die Zähne, doch er kann einem Kater vorbeugen und hilft dem Körper sogar beim Abbau des Alkohols.

Wer lieber in einen Spieß Schokotrauben oder einen Paradiesapfel beißt, führt sich dabei gar nicht einmal so viele Vitamine zu, wie er sich in einem Pseudo-Diät-Wahn vielleicht zu erhoffen wagte. Schokolade und Zuckerguss kommen zu dem enthaltenen Fruchtzucker noch dazu und der Gesundheitsaspekt ist letztendlich nur eine Illusion. Wir haben es hier also mit einem schlichten Dickmacher mit minimaler Bedürfnisbefriedigung zu tun — der Griff zu Zuckerwatte oder Lebkuchenherz ist letztendlich fast genauso „gesund".

Bild: imago/ Westend61

Das ganze Durcheinander der Fressalien macht dem Körper allerdings eher weniger aus, doch nach Bier, Braten und Zuckerwatte braucht die Verdauung erst mal Raum für sich selbst. Nun geht eine Menge der Energie in die inneren Verdauungsorgane, die für Ordnung sorgen müssen. Für den Menschen bedeutet das, er wird müde, denn der ganze Esprit verabschiedet sich jetzt in den Magen.

Einquetschen und Schlange stehen—Der Rückweg

Jeder, der schon mal auf dem Oktoberfest war, hat Angst vor dem Rückweg (natürlich nur, wenn er ihn noch bewusst mitbekommt). Das Massenstehen quetscht nicht nur die Selbstachtung auf minimalen Raum zusammen, die Mischung aus schlechtem Atem und Schweiß der Person neben dir schürt die Übelkeit—und deine fein drapierte Gel- oder Zopffrisur kannst du jetzt eh vergessen.

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Das Oktoberfest ist Training für die inneren Organe—zwar kein besonders effektives, aber außer einem fetten Kater mit schöner Aufgedunsenheit, fettiger Haut und einem flauen Magen auch nicht weiter schlimm.

Probleme entstehen erst, wenn der Konsum von viel Alkohol und panierten Schnitzeln über längere Zeit hinweg durchgezogen wird. Dann verfetten die inneren Organe und das Risiko für eine alkoholische Leberschädigung erhöht sich stark. Für eine maßvolle, ungesunde Wiesn-Ausnahme geben wir jedoch gerne medizinsch grünes Licht.

Frohes Oktoberfest!