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Jenny Hval hält die Musikindustrie für einen Vampir

Die norwegische Sängerin und Komponistin offenbart, warum sie von Vampiren so fasziniert (und verängstigt) ist.
15.9.16
Screenshot via Vimeo.

„Ich denke, es ist ein sehr einsames Album", sagt Jenny Hval über ‚Blood Bitch', ihr sechstes Soloalbum, das am 30. September erscheint. Hval arbeitet für Live-Sets und Aufnahmen regelmäßig mit anderen Musikern, Tänzern und Performance-Künstlern zusammen. Mit ‚Blood Bitch' hat sie jedoch ein singuläres Kunstwerk erschaffen, das Hvals Gemütszustand während des letzten Jahres auf Tour und am Rande der Musikindustrie offenlegt. „Ich hatte so viel zu erforschen, durch all die Liveshows, die wir gespielt haben, und so viele Dinge, über die ich nachdenken wollte", so Hval. „Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich mich hinsetze, um etwas ganz alleine zu schreiben."

Hval hat sich dem Texten mit einem improvisatorischen Ansatz genähert und mit dem gearbeitet, was ihr auf natürliche Weise einfiel, um so ehrliche Songs wie möglich zu erschaffen. „Ich habe textlich wahrscheinlich noch nie so viel improvisiert", gibt sie zu. „[Die Texte wurden] nicht mit viel Feinabstimmung geschrieben, was ich sehr genossen habe. Sie sind mehr so, als würde ich mir die Musik anhören und dann versuchen, etwas zu sagen", sagt sie. Auf ‚Blood Bitch' scheint dieser Ansatz ihr die Macht gegeben zu haben, die Punkte zu verbinden, indem sie Metaphern von Winter, Mondphasen und Vampiren nutzt.

„Female Vampire", die erste Single von ‚Blood Bitch', ist ein Beispiel für den unkonventionellen Produktionsstil der umtriebigen Musikerin. Auf poetische und besondere Weise vermischt der Track minimalistische Synthesizer, hallenden Gesang und sanfte Saxophone, die genauso synthetisch und gespenstisch erscheinen, wie jedes andere Instrument auf der Platte. Hval beschreibt den Song und das Album als ihr bislang persönlichstes, was an Textzeilen deutlich wird wie: „I'm so tired of subjectivity, I must justify my presence by losing it."

_Die Musik _ist qualvoll, genau wie die blutsaugenden Kreaturen, die dem Album seinen Titel verliehen haben. Im Folgenden erklärt Hval ihre Faszination mit Vampiren und wie diese Faszination ihr neues Album beeinflusst und ihre Wahrnehmung dessen geformt hat, was es bedeutet, heutzutage als Musikerin zu arbeiten:


Als ich 17, 18, 19 war, war ich in einer Goth-Band und kam mit viel Goth-Literatur, -Symbolik und -Poesie und so Zeug in Berührung. Und Comics. Diese düsteren, subkulturellen Figuren—manchmal Vampire—erforschte ich zur gleichen Zeit wie Musik und was einen Pop-Künstler ausmacht.

Vampire faszinieren mich, da ich, als ich anfing, viel zu touren oder zu reisen, Buffy - Im Bann der Dämonen schaute, wenn ich nach Hause kam. Wirklich jedes Mal. Ich mag es einfach sehr. Und ich mag [die Figur] Spike. Wirklich. Er ist witzig. Er ist ein Vampir, weißt du? Ich musste einen Vampir wählen und es gibt die Sache mit Spike und Angel und Angel ist langweilig. Außerdem ist er Pop-Künstler. Er ist [wie] Billy Idol. Er ist ein Rockstar. Aber ein gescheiterter ewiger Rockstar.

Ich denke, der Vampir ist eine interessante Figur, mit der man sich als Künstlerin identifizieren kann. Wenn ich toure, habe ich das Gefühl, älter zu sein als viele Leute. Ich bin nicht sonderlich alt, aber die Musikindustrie ist eine wirklich harte, wirklich brutale, wirklich kapitalistische Industrie und verlangt nach Jugend. Sie ist also sehr vampirisch. Gleichzeitig werde auch ich mehr zum Vampir, da ich diesen ewigen Kreislauf wie in Und täglich grüßt das Murmeltier durchlaufe.

Ich habe mir den Film Female Vampire angesehen, ein sehr langweiliger und irgendwie Low-Budget-mäßiger Vampirfilm. Das zentrale Thema des Films ist, sich in der grenzenlosen Langeweile des ewigen Lebens zu verlieren. Und das zieht mich an. Vampire hatten keine große Bedeutung, bis ich das Album fertiggestellt hatte und mir klar wurde, dass ich den Titel „Female Vampire" für den Song behalten würde. Es war ein Arbeitstitel, eine Art Platzhalter, dann dachte ich, dass es so dämlich ist, einen Track so zu nennen, also behielt ich ihn.

Ich denke jedoch, dass Vampire in der eher traditionellen Mainstream-Bedeutung—die sexy, männliche, kraftvolle, blah, blah, blah Figur—in vielen Fällen die Rape Culture legitimieren. Darum geht es in der amerikanischen Filmindustrie, oder? Eine Menge Homophobie und Rape Culture zu legitimieren und es so aussehen zu lassen, als würde es auf verrückte Weise in einer Art moralischem Rahmen existieren. Der moralische Rahmen ist einfach ein weiterer Teil der schrecklichen Natur des Ganzen.

Ich denke, es gibt eine Art Parallele zwischen dem Vampir, wie er in der Mainstream-Kultur existiert, und der Mainstream-Musikindustrie. Ich muss sagen, dass ich nicht [in der Mainstream-Musikindustrie] drin bin und keine Erfahrung damit habe. Ich arbeite mit einem winzigen Label und tollen Leuten, die nicht die Jugend von jemandem ausbeuten. Aber mein Eindruck der Industrie in Zusammenwirkung mit dem Kapitalismus—als Rahmen für die Gesellschaft und im neoliberalen Verständnis anscheinend eine gute Idee für sie—ist, dass sie ein ziemliches Vampir-Spiel ist.

Sie ist verletzend und saugt die Lebensenergie aus dir heraus. Ich könnte stundenlang weiter reden, aber es ist zu theoriebasiert und bringt letztendlich nichts. Ich würde mein eigenes Blut aussaugen, während ich versuchen würde, aus etwas schlau zu werden, das schwer zu erklären ist. Ich bin in vielerlei Hinsicht eine kritische Person, aber ich mache trotzdem Musik, veröffentliche sie auf Alben und arbeite mit einem Team, das daran glaubt, dass es gut ist, Musik auf der Bühne zu erforschen. Ich bin also irgendwie genauso gefangen wie alle anderen. Wir sitzen alle im selben Boot.

Blood Bitch erscheint am 30. September über Sacred Bones.

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