Popkultur

Trash-TV ist während des Lockdowns wichtiger denn je

Ich gucke keine Nachrichten mehr, ich gucke 'Love is blind'. Es informiert mich nicht, es hilft mir zu vergessen.

von Alexandra Stanic
06 Mai 2020, 4:00am

Fotos: Netflix | Bearbeitung: VICE

Es ist Dienstag, 23 Uhr. Ich weiß, dass Dienstag ist, weil ich bis 23 Uhr dachte, es sei Donnerstag.

Ich weiß nicht, wie lange es dauert, einen Pfannkuchen zu backen, oder wie lange ich dafür in der Küche stehe. Ich weiß auch nicht, wie viele Stunden lang ich Pflanzen umgetopft habe. Aber eine Folge Love is blind auf Netflix dauert 50 Minuten – außer die Hochzeits-Episode. Oh Giannina. Es tut mir so leid.

Ich bin mit RTL2 und VOX aufgewachsen. Ich kann mich noch an die erste Staffel Big Brother in Deutschland erinnern. 2000 war das, "Du bist mein großer Bruder, du bist immer da". Als Kind dachte ich: Zlatko, so könnte auch ein Cousin von mir heißen. Das gefiel mir. Mit dem konnte ich mich identifizieren. Frauentausch, Auf und davon, Dschungelcamp, Teenager werden Mütter – viele Jahre später verschwindet Trash-TV mit dem Fernseher, auf den ich in meiner neuen Wohnung verzichte, aus meinem Leben. Manchmal braucht es eine Pandemie, um verflossene Lieben wieder aufleben zu lassen. Manche rufen ihren Ex an. Ich netflixe.

"Barnett ist der Prototyp eines Mannes, den ich nie daten würde", schreibe ich einer Freundin, die gerade mit Love is blind angefangen hat.

"Ich glaube, Lauren und Cameron bleiben zusammen", einer anderen, die schon fertig ist.

"Damian sieht aus wie der kleine Bruder von Michael Fleischhacker", einer befreundeten Aktivistin, mit der ich mich sonst über Sexismus und Rassismus unterhalte.

Love is blind war der erste Strohhalm in dem Trash-TV-Cocktail, den mir Netflix serviert hat und nach dem ich verzweifelt gegriffen habe. Die Selbstisolation ist hart. Ich will nicht grübeln, aber das Alleinsein drängt mich dazu. Und dann frage ich mich: Soll ich die neueste Staffel Ozark schauen oder doch lieber Love is blind? Düster und komplex ist das Leben sowieso, jetzt gerade besonders. Die Entscheidung ist also eine leichte, es wird die Schnulze. Und schon geht es mir besser.

Ja, auch Banana Pancakes zu backen, lenkt ab. Aber eine Folge Love is blind lenkt länger ab. Ich könnte auch meine Wohnung renovieren, aber das ist mir zu anstrengend.

Am Anfang waren da die Nachrichten, die ich gefressen habe. Als die Isolation losging, war ich immer up to date. Ich wusste, was in China und in Italien passiert. Ich kannte die Zahl der Todesfälle in Wien. Ich wusste, was die Ausgangsbeschränkungen mir erlaubten und was nicht. Wenn man die Krise versteht, dann wird sie weniger schlimm, weniger angsteinflößend, dachte ich. Mittlerweile kann ich keine Corona-News mehr sehen. Die Nachrichten hören einfach nicht auf. Und sie treiben die Sorgen an.

Also grüble ich. Mir geht es gut. Aber ich mache mir Gedanken um Freundinnen und Verwandte. Viele können sich nicht aussuchen, ob sie sich mit ihren Problemen beschäftigen oder nicht, weil es darum geht, die Miete zu zahlen, dem gewalttätigen Ehemann auszuweichen, die Kinder zu unterhalten.

Love is blind ist meine Alternative zu den täglichen Nachrichten geworden. Es informiert mich nicht, es hilft mir zu vergessen.

Dass Reality-TV nichts weiter als Entertainment ist, heißt nicht, dass ich dieses Medium belächle. Medien können auch nur eine Funktion haben: Unterhaltung. Gerade während eines Lockdowns will ich lachen, staunen, den Kopf schütteln, meinen Alltag vergessen. Ich kann Reality-TV kritisch gegenüberstehen, mich gegen den dort gezeigten Sexismus, die klassischen Rollenbilder aussprechen und im gleichen Atemzug mit einer Freundin darüber diskutieren, wieso ich Ambers Wut auf Jessica nachvollziehen kann. Das mache ich ganz ironiefrei. Weniger Nachrichten, mehr Trash, damit bin ich nicht allein, meine Freundinnen sprechen ja auch über nichts anderes mehr. Reality-TV, Instagram-Filter wie "Guess the gibberish" oder "Welches Brot bist du?" – ich sitze im virtuellen Glashaus.

Weil ich direkt nach Love is blind mit Too hot to handle anfange, verwechsle ich die Charaktere der beiden Shows manchmal – und das, obwohl ich sie eigentlich beim Namen kenne. Ich bin beim Reality-TV-Gucken so durcheinander wie in der analogen Welt. Der Unterschied ist nur: Das macht nichts. Es hat bei Too hot to handle keine Konsequenzen, wenn ich meinen Kopf auf Flugmodus schalte. Das Konzept ist denkbar einfach: Ein Haufen extrem gut aussehender und horny Menschen darf sich weder küssen noch in irgendeiner Form Sex haben. Zu gewinnen gibt es insgesamt 100.000 Euro.

Too hot to handle ist wie eine Massage mit sexy riechendem Duftöl für mein Hirn. Jedes Mal, wenn es um Francesca geht, denke ich daran, dass ein Mann bei einem Italien-Urlaub einmal meinte, ich sollte nach Francesca heißen. Ich lache laut und herzlich über mich selbst, als ich einer Freundin auf WhatsApp schreibe: "Mit zwei Personen würde ich schlafen." Viel zu lachen gibt es derzeit ja sonst nicht.

Die letzte Folge von Too hot to handle schmerzt wie der Liebeskummer, den man nach einer sehr leidenschaftlichen, aber sehr oberflächlichen Beziehung hat. "Liebe Realität: Schön, dass du weg warst, und schade, dass du wieder da bist", denke ich nach meiner Ladung Reality-TV, die ich mir gegönnt habe.

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