Die "Sparks" waren die erste Bomber-Gang in Hamburg.
Mihran Aghvinian gründete die erste Bomber-Gang Hamburgs: dieSparks. Foto: privat; alle weiteren Fotos: Gaby Schütze
Menschen

So bekriegten sich Hamburgs Straßengangs der 80er

"Alle hatten Angst vor uns. Wir liefen durch die Straßen wie Moses durchs Meer."
18.2.20

Als Dino Pereira 1986 auf seine Mörder trifft, endet eine Ära. Zwei junge Männer lauern dem 23-Jährigen am frühen Morgen vor seiner Wohnung auf. Dino soll einem der beiden die Frau ausgespannt haben. Es geht wohl auch um Rivalitäten im Rotlichtmilieu. Wenig später liegt Dino in der Gosse. Totgeprügelt mit Baseballschlägern von zwei Freunden, die wie er selbst zu den Streetboys gehören, einer Hamburger Jugendgang. Mitte der 80er Jahre zerfleischten die Banden der Hansestadt sich selbst.

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Anfang des Jahrzehnts war Hamburg zur Hochburg der Gangs geworden. Die Blaupause für das neue Phänomen stammte aus der US-amerikanischen Popkultur: Walter Hills Kinofilm The Warriors, der vom Überlebenskampf einer New Yorker Straßenbande erzählt, inspirierte Hunderte Jugendliche in der Stadt, sich zu sogenannten Bomber-Gangs zusammenzuschließen. Benannt nach ihrem Markenzeichen, der Bomberjacke mit Gang-Namen auf dem Rücken, zogen plötzlich Dutzende Banden durch die Straßen.

Sie nannten sich Champs, Destroyers, Sparks oder eben Streetboys. Feinde gab es für sie auch jenseits der Bomber-Banden reichlich: Mods, Popper, Teds, Punks und Skinheads – wer hassen wollte, dem boten sich in Hamburgs Subkulturen jede Menge Opfer. Warum genau man den anderen nun abscheulich fand, blieb meist unklar. In einer Doku des NDR-Fernsehens aus der Zeit antwortete Jürgen, ein Mitglied der St. Pauli Champs, auf die Frage, warum er gerne Popper verprügelt: "Die geben an mit ihrem Geld." Ende der Analyse.


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Wer eine reinbekam, entschieden im Zweifel die Köpfe der Banden, denen von ihren Anhängern größere Führungsqualitäten zugetraut wurden. "Er plant wie so ein Planer", sagte Jürgen im NDR über Ayhan, den Anführer der Champs. Das musste reichen.

Allianzen wurden nach Bedarf geknüpft oder aufgekündigt. Zogen Bomber-Gangs und Punks gestern noch gemeinsam gegen HSV-Hooligans und Skinheads los, schlugen sie sich morgen schon wieder die Köpfe ein. Viele Gangmitglieder hatten einen Migrationshintergrund, wie der Spiegel in einem Bericht von 1984 schreibt – rechte Schlägertrupps wie die Savage Army galten als natürlicher Feind. Erklären, was ein Nazi ist, konnten viele der Bomber trotzdem nicht.

"Manchmal hatte man Todesangst."

"Für die Bürgerlichen waren wir die Pest", sagt Michel Ruge, der mit zwölf Jahren Mitglied der Bomber-Gang Breakers wurde. "Alle hatten Angst vor uns. Wir liefen durch die Straßen wie Moses durchs Meer. Du warst nicht mehr alleine. Und du wusstest: Die anderen wissen das auch." Tagelang blieben die Jugendlichen von zu Hause weg, raubten und stahlen, teilten die Beute. Sie überfielen Gangs aus anderen Vierteln oder wurden überfallen. "Manchmal hatte man Todesangst – und dann das euphorisierende Gefühl, wenn du nicht weggelaufen bist! In der bürgerlichen Welt lernt man diese Art von Verbrüderung nicht kennen. Da gibt es fast nur Schönwetter-Freundschaften."

Micheal Ruge war früher Mitglied der

Michel Ruge war Mitglied der Bomber-Gang Breakers

Ruge hat ein Buch, Bordsteinkönig, über seine Jugend auf St. Pauli geschrieben. "Wir stammten alle aus zerrütteten Familien", sagt er. Sein Vater war Zuhälter. Als Ruge zur Welt kam, lebte seine Mutter noch im Heim. In der Nähe der Reeperbahn bezog die Familie später eine Wohnung mit Außentoilette – zum Abschrubben stellte die Mutter den Jungen in die Küchenspüle. Mäuse liefen durch die Zimmer.

Heute treffen wir Ruge im Hamburger Café des Artistes, wo man sich bretonische Austern und Rotwein für 399 Euro die Flasche schmecken lässt. Nach seiner Kiezjugend hat er als Schauspieler und Türsteher gearbeitet, heute ist er Schriftsteller und Kampfsportlehrer. Zwischen Champagner-Kühlern sprechen wir über die Ära der Gangs in Hamburg.

2016 hat Ruge das Projekt Gangs United ins Leben gerufen und einige hundert ehemalige Bandenmitglieder vereint, die früher, wenn überhaupt, nur per Kopfnuss oder Roundhouse-Kick kommuniziert hätten. Die Straßenkämpfer von damals schlossen Frieden. "Ich habe dieses Projekt gemacht, weil außer über Punks und Skins wahnsinnig wenig aus den Subkulturen meiner Jugend erzählt wurde", sagt er. "Wahrscheinlich lag das daran, dass meine Generation politisch die schwächsten Fußabdrücke hinterlassen hat."

"Es klingt blöd, aber wenn es an einem Wochenende keine Hauerei gab, war das für mich ein Scheißwochenende"

Bei den Gegnern der Bomber sah das anders aus: Von rechts außen infiltrierten Rattenfänger die Hamburger Hooligan- und Skinhead-Szenen. Politisch auf Kurs gebracht, konnten die Jugendlichen als rechte Sturmtruppen herhalten. "Irgendwann im Laufe eines Kameradschaftsabends ertappst du dich dann dabei, dass du den einen oder anderen Punkt vernünftig findest, und plapperst die Scheiße nach", sagt einer, der damals dabei war. Weil er seinen echten Namen nicht nennen will, nennen wir ihn hier Frank Reimann. Reimann war Skinhead und rührte in den 80ern noch Leim und Glassplitter an, um "Freiheit für Rudolf Heß"-Plakate zu kleben. An den Splittern sollte sich die Antifa blutige Finger holen. Heute distanziert sich Reimann von seiner rechtsradikalen Vergangenheit.

Früher war Frank Reimann Skinhead, heute distanziert er sich von seiner Vergangenheit.

In den 80ern war Frank Reimann Skinhead

"Es klingt blöd", sagt er, "aber wenn es an einem Wochenende keine Hauerei gab, war das für mich ein Scheißwochenende." Reimanns Gruppe kam aus Hamburg-Lohbrügge. Neben Linken hatte sie es vor allem auf Bomber-Gangs wie die Champs oder Warriors abgesehen, die aus umliegenden Stadtteilen nach Lohbrügge kamen, um die Roller-Disco Indianapolis zu besuchen.

Die Bomber wollten im Gegensatz zu Reimann von Politik zwar nichts wissen, ihre Macht demonstrierten sie trotzdem. 1983 trafen sich die Bosse der schlagkräftigsten Banden im Hamburger Schanzenviertel und planten einen Aufmarsch. Tatsächlich versammelten sich die Gangs am 9. Januar vor dem Bismarck-Denkmal in St. Pauli und liefen mit rund 300 Mann durch die Innenstadt.

"Wir wollten nicht die Stadt übernehmen. Das wäre ja größenwahnsinnig gewesen."

Für die Polizei kam der Aufmarsch aus dem Nichts. Es gelang ihr dennoch, die Jugendlichen noch vor dem Rathaus abzufangen und die unangemeldete Demonstration mit Schlagstöcken aufzulösen.

"Hubschrauber flogen über unseren Köpfen", erinnert sich Mihran Aghvinian, früher Chef der Sparks. "Wir wollten aber nicht die Stadt übernehmen, wie es in der Presse hieß", lacht er. "Das wäre ja größenwahnsinnig gewesen."

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Aghvinians Sparks waren die erste Bomber-Gang in Hamburg. 1978 gründete der Armenier die Gruppe eher zufällig: Sein Vater überließ Aghvinian eine Kiste Sweatshirts, die er verkaufen sollte. Auf den Pullovern prangten eine Zündkerze und der Schriftzug "Sparks". Die Pullover gefielen Aghvinian so gut, dass er sie an seine engsten Freunde verschenkte. Ein paar Tage später wurde ein Kumpel von einer Gruppe Rocker verprügelt. Aghvinian und seine Jungs rächten sich. "Wenn wir irgendwo auftauchten, hieß es seitdem: 'Da kommen die Sparks.'" Berüchtigt war die Bande auch bald für ihre schwarzweiße Kriegsbemalung, die sie anlegte, wenn sie verfeindeten Gruppen einen Besuch abstattete.

Im Gegensatz zu anderen Gangs pflegten die Sparks viele Freundschaften zu Jugendlichen aus anderen Subkulturen. "Wir haben zum Beispiel die Popper beschützt. Die zu verhauen war damals ein beliebtes Spiel – aber auch ein leichtes. Da gab es nicht viel Gegenwehr." Die in Burberry und Lacoste gekleideten, meist aus der Ober- und gehobenen Mittelschicht stammenden Popper galten als arrogant, gestopft und verweichlicht. "Es hieß: Das sind Schwule. Was man eben in der Zeit so von sich gegeben hat. Aber vor allem waren die Popper in den Discos, in die jeder wollte."

So wie die Streetboys, die 1982 das Café Schöne Aussichten stürmten und die Popper-Klientel des Szene-Treffs mit Torten bewarfen. Gegen die im Straßenkampf gestählten Arbeitersöhne aus St. Pauli blieben die Kaschmir-Kinder chancenlos.

Hätte Karl-Heinz Andrich, genannt Mod-Kalle, an diesem Tag bei seinen besser betuchten Freunden im Schöne Aussichten gesessen, wäre der Sieg der Bomber sicher nicht ganz so eindeutig ausgefallen. Die Mods stammten ursprünglich aus der englischen Arbeiterklasse. In Deutschland gehörten Anfang der 80er aber auch viele zu dieser Jugendbewegung, die gut als Popper durchgingen. Glaubt man Berichten von damals, konnte Andrich in kürzester Zeit 200 Mods auf die Straße bringen. "Ich hatte die Masse, aber keine Kämpfer", sagt er. "Für einen Bomber brauchte ich fünf von meinen Jungs."

Kalle Andrich

Karl-Heinz Andrich war Anführer der Mods. Der Kiez gehört nach wie vor zu seinem Leben

Acht Nasenbeinbrüche, zwei Messerwunden und eine Schädelfraktur später: Wir treffen Andrich vor dem Veranstaltungszentrum Markthalle, einem ehemaligen Hotspot der Szene. Früher musste der Mod-Boss hier, wenn er ankam, erstmal eine halbe Stunde Hände schütteln. Dann wurde gefeiert. Gewalt der puren Gewalt willen sei nie sein Ding gewesen. "Mir tat das schon leid, während ich geprügelt habe", sagt er. "Für mich ging es um Gerechtigkeit, nicht um Exzess."

Heute beschreibt Andrich sich so: "Hauptschüler, Hilfsarbeiter, vorbestraft." Damit entspricht er nicht gerade dem Klischee vom deutschen Mod-Gymnasiasten. "Ich bin schizophren", sagt er. Auf der einen Seite träumte er schon als Junge von einem gutbürgerlichen Leben mit adretter Wohnung und intellektuellem Hobby, auf der anderen Seite liebte er Randale und die Rotzigkeit der Straße.

Die Ära endete mit dem ersten Mord

"Ich hatte die Schnauze voll davon, dass die Mods immer von allen auf die Fresse bekamen. Ich wollte die Kleinen beschützen." Wenn in den 80er-Jahren irgendwo in Hamburg der Mod-Kultfilm Quadrophenia lief, wartete vor dem Kino oft der Feind: Bomber-Gangs, Teds oder Rocker.

Die Gewalt unter den Jugendlichen wurde maßlos. Ruge etwa musste mit ansehen, wie sein bester Freund Fritz, genannt "Zigeuner-Fritz", immer mehr Gefallen an hemmungsloser Brutalität fand: "Es gab echte Psychopathen in den Gangs. Man hat manchmal Dinge gesehen, die man nicht sehen wollte." Ruges Freund wurde schließlich so gefährlich, dass er für 15 Jahre in der forensischen Psychiatrie landete.

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Mit dem Mord am Streetboy Dino Pereira fiel 1986 das letzte Gewalttabu. "Das hat uns alle geschockt", sagt Aghvinian. "Mord kannten wir nur von den Zuhältern auf dem Kiez." Doch genau dorthin, ins Rotlichtmilieu, hatte es längst viele Gang-Mitglieder verschlagen. "Wer sich mit einem von denen anlegt, hat sie alle am Hals", erklärte damals ein von sieben Bombern verdroschener Zuhälter.

Weil auch viele von Aghvinians Freunden in Hamburgs Halbwelt abdrifteten, löste er die Sparks auf: "Wenn ich mich gerade gemacht habe, war das für meinen Vater kein Problem, aber kriminelle Geschichten gingen gar nicht." Nach und nach verschwanden auch die anderen Gangs. Aghvinian wurde schließlich Kapitän der deutschen Kickbox-Nationalmannschaft. Heute besitzt er mehrere Kampfsportschulen in Los Angeles.

"Es gab die Möglichkeit, da auszubrechen", sagt Ruge über seinen Abschied vom Gang-Leben. "Aber man muss neue Möglichkeiten auch erkennen." Nicht alle taten das. Und viele wollten es wohl auch nicht.

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