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Die Waffenschmiede hinter der Hetzseite Migrantenschreck

Es ist amtlich: Deutschlands unangenehmste Hetzseite teilt nicht nur verbal gegen Flüchtlinge aus, sondern verschickt auch potentiell tödliche Waffen.

von Daniel Mützel
30 September 2016, 5:00am

Die Waffen-Klitsche Keserű in der ungarischen Hauptstadt Budapest. Screenshot: MDR.

Die Website Migrantenschreck gehört wohl zu den unangenehmsten Hetzseiten, die das Internet dieses Jahr hervorgebracht hat. Seit sie im Mai das Licht des Internets erblickte, geriet sie nicht nur wegen ihrer rassistischen Ausfälle gegen Flüchtlinge und Muslime ins Fadenkreuz der Ermittler. Denn neben Posts über „Asylforderer" und „Gangbang-Asylanten" führt die Website auch einen Online-Shop, der verspricht, Hartgummi-Waffen mit hoher Schusskraft „ohne bürokratische Hürden" zu verschicken.

Doch ob die gasbetriebenen Knarren, die unter so erbaulichen Namen wie „Antifaschreck" oder „Migrantenschreck Bautzen Edition" angepriesen werden, wirklich versendet werden, war bisher selbst so manchem Polizeibeamten unklar.

Laut einem Medienbericht scheint diese Frage nun abschließend geklärt zu sein. Migrantenschreck verschickt die Waffen tatsächlich. Dem MDR wurde laut eigenen Angaben vor kurzem eine Migrantenschreck-Waffe „zugespielt", die man in den Sendungen Fakt und Exakt präsentierte: Bei der Waffe handelt es sich um die „Migrantenschreck MS80 Intense", ein 9mm-Gasrevolver, der fünf Hartgummigeschosse pro Magazin abfeuern kann. Die Website garantiert eine „hervorragende Schussleistung und lange Lebensdauer".

Laut MDR stammt die Waffe aus den Schmieden des ungarischen Waffenherstellers Keserű Művek Fegyvergyár. Die Gravur auf der Waffe belege das.

Polizei jagt Migrantenschreck: Wir haben schon vor einigen Wochen recherchiert, was Kunden von Migrantenschreck wirklich blüht

Damit bestätigt der Sender eine Motherboard-Recherche von Mitte August, die ergab, dass die auf Migrantenschreck angebotenen Waffen—falls sie tatsächlich geliefert werden—wahrscheinlich aus den Keserű-Schmieden kommen: Denn neben der nahezu identischen Optik der Sortimente weisen auch die technische Spezifikationen der Migrantenscheck-Waffen eine starke Ähnlichkeit mit den Angeboten des ungarischen Herstellers auf. Diese Vermutung ist nun bestätigt.


Eine unabhängige Bestätigung, dass die Waffe aus dem registrierten Bestand von Keserü stammt, könnten allerdings nur ungarische Behörden liefern. Zwar weist die Gravur der MDR-Waffe den Schrifftzug „KESERÜ" auf, aber eine Prüfung der nationalen Waffenregister könnte die Herkunft zweifelsfrei belegen—und ausräumen, dass lediglich der Name Keserü genutzt wurde und zum Beispiel nachträglich Name und Beschussnummer von Dritten hinzugefügt wurden—was zwar unwahrscheinlich erscheint, aber trotz der strengen Regelungen zur Ermittlung der Herkunft von Waffen theoretisch möglich wäre.

Der Waffenhersteller hat seinen Sitz in einem Industriegebiet nördlich von Budapest. Auf dem offiziellen Youtube-Kanal der Firma bewirbt ein Mitarbeiter eine Auswahl verschiedener Waffen—darunter auch Waffen, die auf Migrantenschreck vertrieben werden. Etwa den Home Defender oder die „Migrantenschreck MS80", die bei Keserű als „Pitbull" im Sortiment geführt wird: „Das beliebteste Produkt der Firma Keserű ist der Revolver Pitbull", so der Mitarbeiter in dem Vorführvideo. „Damit kann man 12mm Gummigeschosse mit einer Mündungsenergie von 55 Joule verschießen."

Vom MDR auf eine mögliche Verbindung zu der Migrantenschreck-Website angesprochen, gibt der Keserű-Chef sich ahnunglos. Er kenne „weder Mario Rönsch noch Migrantenschreck", teilt er dem Sender schriftlich mit. Auf den Namen Mario Rönsch war die Website Migrantenschreck in einer ersten Version zeitweise registriert.

Doch dass die Migrantenschreck-Betreiber einen direkten Draht zur Keserű-Schmiede gar nicht benötigen, belegt der MDR, indem er mit versteckter Kamera einen Testkauf macht: In einem Waffenshop in Budapest versucht ein Reporter, sich anonym eine „Pitbull" zu besorgen. Auf seine Frage hin, ob man sich registrieren oder einen Waffenschein vorzeigen müsse, verneint der Verkäufer des Shop: „Das ist nicht nötig. Du bleibst anonym. Du bekommst die Waffe in dieser Schachtel, die Munition separat." So packt der Reporter kurze Zeit später die Pitbull ein und verlässt den Laden. Bezahlt habe er nur 170 Euro—„halb so teuer wie auf Migrantenschreck".

Der Reporter beim Waffen-Shopping in Budapest. Screenshot: MDR.

Auch wenn Migrantenschreck dadurch in keinem gänzlich neuen Licht erscheint, erhalten damit die für die Seite so typische Hetze gegen „Rapefugees", ihre Bürgerkriegsrhetorik und die Aufrufe zur Bewaffnung eine andere Qualität. Bisher hatten manche Beobachter nämlich spekuliert, ob die Website nicht nur ein riesiger Hoax sei und die Betreiber die Waffen eigentlich nie ausliefern, sondern nur von Kunden abkassieren—diese Hypothese scheint nun widerlegt.

Nicht weniger beunruhigend sind die Untersuchungen, die der Sender von einer Prüfstelle an dem Revolver durchführen lässt. Ergebnis des Tests in kontrollierter Umgebung: Das Gummigeschoss kann bis zu 3 Zentimeter in menschliches Gewebe eindringen, damit „schwerste Verletzungen" zufügen und sogar „tödlich" sein.

Wie viele Waffen die Betreiber bereits verkauft haben, ist unbekannt. Ein aktiver Zähler der Bestellnummern auf der Website könnte einen Hinweis über die Menge an Bestellungen liefern, die bislang bei dem Shop aufgegeben wurden. So wird bei jedem Bestellvorgang eine fortlaufende Bestellnummer angelegt—aktuell steht der Zähler bei 4.180. Wenn die Ziffer stimmt, wären bisher zumindest eine beträchtliche Menge an Bestellungen eingegangen. Ob bei jeder dieser Bestellungen auch gezahlt und ausgeliefert wurde, steht natürlich auf einem anderen Blatt.