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Studie legt nahe: Tolerante Menschen sind gar nicht so tolerant

In einer Studie der Universität Washington kam jedoch heraus, dass selbst vermeintlich tolerante Menschen beim Anblick ethnisch gemischter Paare verdächtige Gehirnaktivitäten zeigten.
16.9.16

Noch vor weniger als 50 Jahren war es Schwarzen und Weißen in den Vereinigten Staaten per Gesetz verboten zu heiraten. Heute mischt sich der Staat nicht mehr derart ins Privatleben seiner Bürger ein, und die meisten Menschen geben sich tolerant. Dieselbe Hautfarbe ist schon längst nicht mehr Grundvoraussetzung für die Partnerwahl. Eine bevölkerungsrepräsentative Umfrage des Pew Research Centers, die 2012 veröffentlicht wurde, ergab, dass nur 11 Prozent der Amerikaner ein Problem mit sogenannten „Mischehen" haben.

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Ganz so aufgeschlossen scheinen die Amerikaner dann allerdings doch noch nicht geworden zu sein. Eine neue Studie, die vor Kurzem im Journal of Experimental Social Psychology veröffentlicht wurde, beschreibt auffällige Gehirnaktivitäten der Probanden mit vermeintlich toleranter Geisteshaltung beim Anblick ethnisch gemischter Paare. Einige Menschen, und dazu gehörten auch viele, die sich selbst nicht als rassistisch bezeichnen würden, verspürten beim Betrachten der Bilder—zumindest auf neurologischer Ebene—eine Art Ekel. Diese Menschen würden laut der Studie ethnisch gemischte Paare eher mit Tieren assoziieren als mit Menschen.

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„Ich hatte das Gefühl, dass die Meinungsumfragen nicht die ganze Wahrheit erzählen", begründete die Leitautorin der Studie Allison Skinner den wissenschaftlichen Fokus in einem Statement der Universität Washington. Skinner arbeitet als Postdoktorand im Institut für Learning & Brain Science der Universität. Sie führte weiter an, dass sie enttäuscht darüber sei, wie wenig wissenschaftliche Untersuchungen es zu rassistischer Voreingenommenheit gibt. Sie wollte mit ihrer Studie systemische Probleme auf einer vornehmlich biologischen Ebene erforschen. Zusammen mit einer anderen Psychologin untersuchte sie die Reaktionen von 152 College-Studenten in drei unterschiedlichen Experimenten. Sie wollte herausfinden, wie das Gehirn rassistische Vorurteile gegenüber ethnisch gemischten Beziehungen verarbeitet.

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Zunächst wurden die Teilnehmer nach ihrer Meinung zu gemischten Beziehungen gefragt. Sie sollten dabei auch angeben, ob sie sich selbst vorstellen könnten, jemanden mit einer anderen Hautfarbe zu daten. Im Paper wird berichtet, dass fast alle befragten Studenten von sich sagten, sie wären sehr tolerant und verspürten keinen Widerwillen bei dem Thema. Das führt uns auch zurück auf die Pew-Studie, die ergeben hatte, dass Weiße nicht besonders gut darin sind, Rassismus zu erkennen—besonders bei sich selbst.

19 der Studienteilnehmer wurden an ein Gerät zur Messung der neuronalen Aktivität angeschlossen. Den Probanden wurden dann romantische Fotos von 200 Paaren gezeigt, die entweder unterschiedliche oder aber gleiche Hautfarben hatten. Um eine soziale Bewertung der Bilder zu provozieren, fragten Skinner und ihre Kollegin dann die Studenten, ob die Paare in eine zukünftige Studie über Beziehungen aufgenommen werden sollten.

Als die Wissenschaftler untersuchten, wie die Gehirne der Studienteilnehmer auf das Experiment reagierten, fiel ihnen auf, dass die Studenten bei der Betrachtung von ethnisch gemischten Paaren eine gesteigerte Aktivität im Inselcortex des Gehirns vorwiesen. In früheren Studien hatte man diesen eingesenkten Teil der Großhirnrinde mit Ekelgefühlen in Verbindung gebracht, was bedeuten könnte, dass gemischte Beziehungen bei bestimmten Menschen tatsächlich Ekel auslösen.

Um aber herauszufinden, wie sich die Gefühle gegenüber gemischten Paaren in bestimmten Verhaltensweisen manifestieren könnten, wurde ein weiteres Experiment durchgeführt. Fast 200 Studenten wurden gebeten, Fotos von gemischten Paaren und von Paaren gleicher Hautfarbe mit Silhouetten von Menschen oder Tieren zu assoziieren. Diese Aktivität würde theoretisch zeigen, ob die Studienteilnehmer dazu tendierten, Menschen in gemischten Beziehungen zu entmenschlichen. Die Studie ergab, und jetzt wird es gruselig, dass die Teilnehmer eher dazu neigten, Fotos von gemischten Paaren mit Tieren zu assoziieren als mit Menschen.

„Es gibt immer noch Menschen, die irgendein Problem mit gemischten Beziehungen haben. Oder jedenfalls gar nicht so tolerant sind, wie sie sich zunächst geben", fügte Skinner hinzu. „Diese Vorurteile zu erkennen, ist der erste Schritt. Dann müssen wir herausfinden, warum Menschen so empfinden, und schließlich ergründen, was wir dagegen tun können."

Die Stichprobengröße der Studie ließ allerdings sehr zu wünschen übrig. Weniger als 200 Menschen wurden untersucht, alle davon offensichtlich im College-Alter. Außerdem fehlen genauere Angaben darüber, wo die Studie durchgeführt wurde. Einzelheiten zur demografischen Zusammensetzung der Probandengruppe wurden auch nicht zur Verfügung gestellt. Skinner bestätigte zudem, dass der Inselcortex keineswegs nur mit Ekelgefühlen in Zusammenhang gebracht wird—die Reaktionen der Studenten könnten also auch auf ganze andere Reflexe hinweisen.

Während die Studie also nicht belastbar beweist, dass der Anblick gemischter Paare bei Rassisten für Ekelgefühle sorgt, sollte man diese Fragen doch weiter untersuchen. Auch wenn die neurologischen Beweise noch fehlen: Wer würde bezweifeln, dass wir nach wie vor von rassistischen Vorurteilen umgeben sind?