„Das ist pervers“—Zehn Filmtipps von Cineast Ivan Smagghe

Für den Black Strobe-Mitbegründer Ivan Smagghe braucht es oft nur eine gute Szene, um einen Film zu mögen. Wir haben ihn nach seinen Favoriten gefragt.

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Juni 26 2014, 12:00pm

Seit er dreizehn ist, schaut Ivan Smagghe ungefähr zehn Filme pro Woche. Der Geschmack des Black Strobe-Mitbegründers ist so vielfältig wie die buntgemischte Zuckertüte, die du dir im Kino reinziehst. Wenn man seine lange Geschichte als DJ kennt, dann darf man annehmen, dass es diese Vielfalt ist, die sein Interesse aufrechterhält. Ich könnte jetzt einen schlechten Witz über die Liebe eines DJs fürs Mixen bringen, aber das lasse ich lieber.

Für Smagghe bedeutet Kino „eine endlose Entdeckungsreise". Manchmal braucht es für den Franzosen nur eine gute Szene, um einen Film zu mögen. Aber Smagghe kann sich ebenso gut für einen Film begeistern, der eigentlich in allen Aspekten versagt. „Auf merkwürdige Art", so wie wenn du eine Platte hörst, die einfach nicht sehr gut ist, dich aber trotzdem süchtig macht. Seine einmalige Erfahrung als Mitglied einer Jury eines Filmfestivals hat ihn erkennen lassen, dass er kein Filmkritiker ist. „Ich schaue einfach Filme—das ist, was ich mache. Ich schaue einen Film und dann schaue ich einen weiteren. Und wenn er mir nicht gefällt, mache ich ihn aus."

Wie würdest du deinen Filmgeschmack bezeichnen?
Ich bin wirklich besessen von Film im Allgemeinen, aber nicht von einer bestimmten Art von Film. Das ist alles ganz durchmischt. Wenn du dich nur auf eine Sache konzentrierst, dann entgehen dir auch viele Sachen. Du kannst in jedem Genre verrückte Überraschungen erleben. Sogar unter wirklich amateurhaften Z-Movie-Filmen—du weißt schon, diese Kannibalen-Horror-Softporno-Dinger. Tarantino hat seine ganze Karriere darauf aufgebaut, diese Filme zu kopieren.

Kannst du fünf Filme nennen, die einen Eindruck dessen vermitteln, was dir gefällt?
Alles aktuelle Favoriten: Arrebato von Iván Zulueta, Some Came Running von Vincente Minnelli, L'Argent von Marcel L'Herbier, The Century Of The Self von Adam Curtis und Windows von Gordon Willis.

Arrebato (Iván Zulueta, 1980)

Some Came Running (Vincente Minelli, 1958)

L'Argent (Marcel l'Herbier, 1928)

The Century of Self (Adam Curtis, 2002)

Windows (Gordon Willis, 1980)

Du neigst eher zu alten Filmen. Was ist deine Meinung zum modernen Kino?
Ich mache modernes Kino nicht schlecht, das wäre total sinnlos, aber ich denke es gibt ein paar Probleme. Ich mag keine computergenerierten Bilder. Ich mag kein 3D. Ich mag diesen Fake-Maurice-Pialat-Trend im französischen Kino nicht. Sie können nicht einmal richtig kopieren. Aber ich gucke auch aktuelle Filme, die mir dann gefallen. Holy Motors von Leo Carax. Mir gefiel wirklich alles daran. Und Prisoners von Denis Villeneuve war wirklich gut auf seine rechtsorientierte Weise, obwohl er ein paar Fehler hatte.

Fehler können doch anziehend sein?!
Übertriebenes Spiel, zu viel Theatralik. Theatralik kann gut sein. Oder wenn sie so wenig Geld haben, dass sie alles im selben Raum drehen müssen. Unvollkommenheiten können zu Qualitäten werden. Ein kleines Detail in einem Film kann für mich ein Grund sein, ihn zu mögen. Windows ist ein perfektes Beispiel. Die Geschichte ist wirklich schlecht, das Schauspiel ist wirklich schlecht, aber die Kameraführung ist wirklich großartig. Nur deswegen lohnt er sich. Aber das ist auf eine gewisse Art pervers. Das kommt davon, weil ich zu viele Filme schaue.

Holy Motors (Leos Carax, 2012)

Prisoners (Denis Villeneuve, 2013)

Wie schaust du Filme?
Immer weniger im Kino, wie jeder wahrscheinlich. Ich mag es nicht, Filme zu schauen, wenn Leute um mich herum Lärm machen.

Was ist deine Hauptquelle für neue Filme?
Ich sage dir, was nicht die Quelle ist. Es ist nicht der zeitgenössische Film, nicht der Gang ins Kino und nicht der Fernseher. So viel ist sicher.

Schaust du manchmal mehrere Filme gleichzeitig?
Ich habe das schon gemacht, ich kann zwischen zwei hin- und herswitchen. Aber das passiert selten. Das ist dann mehr ein Checken als wirkliches Ansehen; wenn ich ziemlich sicher bin, dass er mir nicht gefallen wird, ich aber trotzdem sagen will, dass ich ihn gesehen habe. Meistens schaue ich einen Film und mache nebenher noch etwas anderes, wie Lesen oder E-mails schreiben.

Gibt es einen Film, bei dem du sagen würdest: OK, diesen Soundtrack hätte ich besser hinbekommen?
Nein, weil ich keine Soundtracks mache. Ich bin kein Komponist. (steht auf und verlässt den Raum) Entschuldige bitte. Das Wetter ist ziemlich schlecht und meine Katze war draußen.

Welcher Film hätte deiner Meinung nach mehr Zuschauer verdient?
Das ist nicht mein Problem, wirklich … Ja, manchmal ist es wirklich schade, wenn du einen guten Film siehst, der nicht beachtet wird und du nicht weißt, warum. Aber ich denke es liegt an den Leuten, sich nach diesen Filmen umzuschauen. Sie gucken sich die gleiche Sache immer und immer wieder an. Ich verstehe das: Es ist einfacher, etwas zu schauen, was dir gegeben wird und passiv zu sein. Dasselbe gilt für Musik, Kunst oder Essen.

Über welchen Film könntest du endlos diskutieren, oder hast es bereits getan?
Johnny Guitar von Nicholas Ray ist einer davon, The Heiress von William Wyler ist ein anderer. Diese Filme haben so viele Ebenen. Es sind nicht zwingend die Filme, von denen du denkst, dass du über sie sprechen wirst, über die du dann große Diskussionen führst. Nimm Black Test Car von Yasuzô Masumura, eine neue Entdeckung. Das ist ein Film über industrielle Spionage, über Autohersteller, aber auch eine der großartigsten Beschreibungen der japanischen Gesellschaft.

Johnny Guitar (Nicholas Ray, 1954)

The Heiress (William Wyler, 1949)

Black Test Car (Yasuzô Masumura, 1962)

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Wie beeinflussen Filme dein Leben?
Ich weiß gar nicht, ob sie das tun.

Na ja, zumindest nehmen sie dir jeden Tag mindestens zwei Stunden deiner Zeit …
Aber das ist vielleicht nur Ablenkung. Manche Filme bringen mich zum Nachdenken, manche bewirken, dass ich Musik machen will. Aber das sind keine deutlichen Formen des Einflusses. Nur weil ich einen Film über einen Bankraub gesehen habe, will ich keine Bank überfallen. Ein Film, den du eigentlich zur Ablenkung schaust, kann dich letztendlich zum Nachdenken bringen. Ich glaube nicht an dieses Unterhaltung vs. Nachdenken-Ding. Ich denke das ist zu einfach und dass die Realität viel vermischter ist. Trotzdem hat alles, das zur Ablenkung produziert wurde, eine kulturelle Bedeutung. Nur weil etwas wegen des Geldes gemacht wurde, muss es nicht auch interessant sein.

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