fankultur

Die Geburtstagschoreo der Wilden Horde ist ein kontroverses Stück Ultrageschichte

Für ihre aufwendige Abbildung ihrer größten Momente bekam die WH viel Respekt aus der Szene. „Eine Chronologie von Straftaten und Vergehen", titelte allerdings der Kölner Stadt-Anzeiger. Der Verein distanzierte sich halbherzig von der Choreo.

von Benedikt Niessen
12 Dezember 2016, 11:15am

Foto: Imago

Am Samstag feierte die Kölner Ultragruppe „Wilde Horde" ihren 20. Geburtstag mit einer riesigen Choreographie. Beim 1:1 gegen den BVB erschienen auf einer Blockfahne, die über die Südkurve gezogen wurde, wie auf einem Deckengemälde lauter kleine Anekdoten und Geschichten zur Gruppe. Das sorgte für viel Wirbel. „Eine Chronologie von Straftaten und Vergehen", titelte der Kölner Stadt-Anzeiger in einem Kommentar. Aus der Fanszene gab es weitaus freundlichere Worte und einige Respektbekundungen. „Zum 20. Geburtstag blickt die Gruppe auf einige ihrer Highlights zurück auf dieser sehr detaillierten und gut gemachten Choreo!", erklärt etwa die Ultra-Facebook-Seite Sektion Hooltras.

„Der Schlüssel zur Unsterblichkeit ist es, ein Leben zu führen, an das man sich erinnert", prangte unter dem riesigen Choreo-Bild in der Kölner Südkurve. Auf dem Gemälde war das Müngersdorfer Stadion in weiß-rotem Rauch gehüllt. Und drumherum fanden sich lauter gemalte Szenen, die ebenso zur Gruppenhistorie wie auch zur Kritik an der Choreo gehören. Auf dem Bildnis sind unter anderem ein Logo der befreundeten Supras aus Paris, die Schwenkfahne der Sektion Stadionverbot, eine besprayte Bahn vor dem Kölner Panorama um den Dom, ein Ganja-Motiv und eine Abbildung des eigenen Mobs zu finden. Neben diesen Bildern fanden sich auch Abbildungen kontroverserer Szenen der Vergangenheit.

Foto: Imago

Neben den Verbänden und der Polizei kommen vor allem die rivalisierenden Gladbacher Fans in der Choreo vor. Unter anderem ist eine Zeichnung des Gladbacher Fanbusses abgebildet, den einige Ex-Mitglieder der Ultra-Gruppierung im Jahr 2012 auf einer Autobahnraststätte mit Steinen beworfen hatten. Auch zeigte die WH den Platzsturm in weißen Maleranzügen im Borussia Park und den Klau der „Ultras Mönchengladbach"-Zaunfahne. Auch ein Schwein mit Polizeimütze, das vor einem Mob und einem „1312"-Schild wegläuft, wurde abgebildet.

Vor der Blockfahne hatte die WH noch ein wenig echten Rauch an den Händen der Figuren der Gruppierung in die Choreo eingearbeitet. Zusätzlich wurden einige Wegbegleiter—die scheinbar eher unerwünscht waren—in schwarz-weißem Look dargestellt. Neben einem brennenden Polizeiauto samt Beamten in Sicherheitsmontur wurden auch das DFB- und UEFA-Wappen sowie die Schriftzüge der Boulevardmedien Express und Bild gezeigt. Bei der Präsentation wurde über die Stadionlautsprecher ein Remix aus verschiedenen Liedern gespielt, welche die Gruppe prägten. Mit all ihren Geschichten ist die Choreo also auch ein Stück deutsch-kölsche Ultrageschichte.

Foto: Imago

Seit der Präsentation ist bei einigen Kölner Fans eine hitzige Diskussion darüber entbrannt, wie die Choreo nun aufgefasst werden soll. Laut Medienberichten gab es wegen verschiedener Symbole rund um Gewalt aus der Vergangenheit auch Pfiffe von den Sitzplätzen. Einige Fans, die die Choreo verteidigen, führen hingegen aus, dass die eher unrühmlichen Ereignisse, von denen sich die Wilde Horde distanziert, in Grau erschienen—wie der Angriff auf den Borussia-Fanbus. Laut Rheinische Post ist im Fan-Forum des FC von „kritischer Selbstreflexion" die Rede. „Womöglich wollte die ‚Wilde Horde' mit dieser Choreo nur an die Probleme erinnern, die sie in der Vergangenheit immer wieder hatte", schreibt die RP weiter. Die Glorifizierung von Straftaten wird jedoch auch angeprangert: „Allerdings wäre es wohl besser gewesen, die Kölner Ultras hätten auf die Details verzichtet, anstatt sie zu verherrlichen."

Der 1.FC Köln ging einen Tag nach der Choreo auf Distanz—zumindest etwas: „Inhaltlich sollte es ja eine Rückschau auf 20 Jahre WH sein und da war es ehrlich, dass auch die dunklen Momente dargestellt wurden", wird der Verein im KSA zitiert und erklärte—untypisch für einen Verein—, dass es auch eine gewisse Freiheit bei solchen Choreos gibt. „Dass einige Aussagen/Bilder dabei waren, zu denen der Klub eine andere Meinung hat als die Macher der Choreo, dürfte jedem klar sein. Aber am Ende gilt die Meinungsfreiheit."

Einem schien sie definitiv zu gefallen. Lukas Podolski, der als Freund auch mal gerne beim Südkurven-Cup für die Wilde Horde kickt, feierte auf Twitter nur: „Südkurve Köln immer Gänsehaut!!"