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So unterdrücken Streaming-Dienste Schweizer Musik

Internationale Künstler profitieren, nationale leiden: Wir haben mit Experten darüber geredet, wie hart das neue digitale Pflaster für Schweizer Musiker und Labels ist.
12.9.16

Update: ifpi Schweiz, der grösste Verband von Schweizer Labels, hat am Mittwoch die Umsatzzahlen des Musikjahres 2016 herausgegeben: Zum ersten Mal seit 2000 können die knapp 40 Mitglieder ein Plus zum Vorjahr verzeichnen, der Streaming-Umsatz hat den durch Downloads überholt und der digitale Markt (Streaming, Download) ist zum ersten Mal stärker als der physische (CDs, Vinyl). Das in diesem Artikel angesprochene Problem, dass besonders Spotify den Schweizer Markt vernachlässigt, bleibt jedoch bestehen – wenn es nicht sogar grösser wird.

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Wenn ich als Musikliebhaber sage, dass ich Spotify, Deezer oder Apple Music für eine Bereicherung halte, werde ich oft belächelt. Tatsache ist aber: Seit ich intensiv Musik streame, habe ich so viele neue Künstler entdeckt, wie nie zuvor. Natürlich: Würde ich mir CDs von Jamie XX, Daughter oder Tame Impala kaufen, würden die Künstler mehr Geld verdienen. Ohne Spotify hätte ich mir aber vielleicht nie ihre Musik angehört. Und andere hätten sich ihre Platten einfach gratis heruntergeladen. Soweit dürfte das Paradoxe an den Streaming-Diensten allen bekannt sein.

Die Verbreitung von Streaming-Diensten tut der Musikbranche gut und konnte die stetig fallenden Umsatzzahlen abfedern: 2015 betrug der Rückgang in der Schweiz laut den offiziellen Jahreszahlen der ifpi-Mitglieder zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder weniger als fünf Prozent. Trotzdem gibt es hierzulande ein Problem, dessen ich mir lange nicht bewusst war. Lorenz Haas, Geschäftsführer des Verbands der Schweizer Musiklabels (ifpi-Schweiz), wies mich in einem Gespräch darauf hin: "Spotify und Co. behindern Schweizer Musiker."

Ich streame zugegebenermassen privat nicht Unmengen an Schweizer Musik—die meisten meiner Lieblingsalben aus der Schweiz habe ich irgendwann mal zu Reviewzwecken digital oder physisch erhalten. Das wird wohl auch mit Grund dafür sein, dass mir nie aufgefallen ist, dass es in den Playlists, Radios und Empfehlungen massiv an Schweizer Musik mangelt.

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Von was Lorenz Haas sprach, war: Wer einen Künstlerradio für etwa Kanye West einschaltet, wird nie einen Song von Mimiks, Manillio oder Chlyklass hören. Die kuratierten Playlists auf Spotify, Deezer und Google Play bestehen, abgesehen von einer Handvoll spezifischer Schweizer Playlists, auch nur aus englischsprachiger Musik.

Es geht sogar soweit, dass englischsprachige Schweizer Künstler wie Boy vernachlässigt werden. In den nachfolgenden Beispielen beschränke ich mich lediglich auf den Streaming-Dienst Spotify, da dieser klarer Marktführer und somit am aussagekräftigsten ist. Ähnlich dürfte es aber auch bei Deezer, Google Play, Tidal oder Apple Music aussehen. Auf Spotify zählt Boys "Little Numbers" über 16 Millionen Plays. Wenn ich zu diesem Song einen automatischen "Radio" mit von der Plattform kuratierter ähnlicher Musik einschalte, höre ich Bands wie Bronze Radio Return, Wild Belle oder Leagues. Starte ich mit genau den Song von diesen Bands, die mir vorgeschlagen wurden einen solchen "Radio", taucht Boy in keinem Fall auf. Allerhöchstens wird noch DJ Antoine gespielt, wenn man nach cheesy House-Musik sucht. "Die Situation ist vergleichbar mit einem Plattenladen, der nur internationale Künstler in die Schaufenster und Regale stellt, während das lokale Repertoire im Untergeschoss zu finden ist", sagt Lorenz Haas.

Das Resultat: Die Schweiz hinkt im Streaming-Bereich massiv hinterher. Während der Streaming-Anteil in Amerika 2015 29 Prozent des Gesamtumsatzes der Recording Industry Association of America ausmacht, sind es hierzulande nur 19 Prozent. Dies beinhaltet übrigens auch den Umsatz, den internationale Künstler durch Streaming-Abrufe in der Schweiz generieren.

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Gleichzeitig hat diese Situation unweigerlich Einfluss auf die Schweizer Charts. Ein Blick auf die Jahreshitparaden zwischen 2000 und 2015 zeigt, dass es in den letzten zwei Jahren—also seitdem Streaming in der Erfassung dazuzählt—nur noch drei Schweizer Songs pro Jahr unter die 75 bestverkauften (das beinhaltet auch Streams) Singles schafften—ein Minusrekord. Bis zur Einführung von Spotify in der Schweiz 2012 waren es durchschnittlich sieben. Gleichzeitig landeten Lo & Leduc mit ihrem Überhit "Jung Verdammt" 2015 gerade mal auf Platz 20 der Jahrescharts. Abgesehen von einem Migros-Werbe-Song, der eigentlich nur ein längerer Jingle ist, suchte ich die letzten drei Jahre vergeblich nach einem Schweizer Song in den Top-10. Und fast durchgehend befindet sich kein einziger Schweizer Song unter den 200 meistgestreamten auf Spotify.

Qulle: Hitparade.ch—eigene Recherche

Noch aufschlussreicher ist folgende sehr, sehr grobe Rechnung: Die nationale Musikindustrie verdiente laut den Jahreszahlen der ifpi-Mitglieder 2015 mit Streaming knapp 15 Millionen Franken. Knapp zwei Drittel sind Gratis-User, der Rest lässt jährlich für sein Abonnement knapp 150 Franken liegen. Von den Premium-Usern sieht die Musikindustrie etwa 100 Franken pro Nase—bei den Free-Usern gehen wir nach Label-Angaben von einem Franken Jahresumsatz(!) pro Person aus. Nach einer komplizierten Rechnung, die von einem mathebegeisterten Praktikantinnenvater bestätigt wurde, sind wir gemeinsam auf knapp 450.000 Schweizer Streamer gekommen (wahrscheinlich sind es aber mehr). Spotify wird dabei den grössten Marktanteil haben—sagen wir 75 Prozent (wahrscheinlich sogar mehr, Spotify veröffentlicht keine lokalen Zahlen). Die meisten populären Schweizer Musiker bewegen sich auf der Plattform aber nur zwischen 10.000 und 20.000 monatlichen Hörern. Heisst: Nur ungefähr sechs Prozent aller Schweizer Spotify-User hören auch Schweizer Musik. Und die effektive Zahl dürfte sogar noch darunter liegen—wir haben eine sehr konservative Rechnung gemacht.

x=Anzahl der Streaming-User in der Schweiz.

Sind den Streaming-Dienst-Anbietern Schweizer Musik einfach egal? Ich habe versucht, bei Stefan Zilch, Spotifys Managing Director für die Schweiz, Deutschland und Österreich, nachzufragen. Ich bekam aber nur die Antwort, Spotify wolle zu diesem Thema keine Stellung nehmen.

Gegen die gleiche Wand laufen indes auch Schweizer Indie-Labels. "Wir hatten noch nie mit den Streaming-Anbietern zu tun. Die scheinen keine Interesse und Ressourcen zu haben, sich mit Indie-Labels rumzuschlagen. Ich gehe aber davon aus, dass es im Fall von Major Labels anders aussieht", sagt Martin Geisser, Geschäftsführer von Bakara Music (Lo & Leduc, Pablo Nouvelle, Steff la Cheffe).

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Mit seiner Annahme liegt Geisser jedoch nicht richtig. Selbst Major Labels sind hierzulande die Hände bei internationalen Streaming-Anbietern gebunden. "Es ist in der Tat so, dass wir uns mehr Schweizer Künstler bei den Streaming-Plattformen wünschen und dies auch klar adressiert haben. Leider ist hier noch nichts passiert. Aber wir bleiben dran, um bei den Plattformen eine Schweizer Startseite und Browse-Page zu integrieren", sagt Julie Born, Managing Director bei Sony Music Switzerland. Sie betont aber auch, dass Streaming weltweit ein Wachstumsmotor sei.

Lorenz Haas von ifpi-Schweiz geht noch etwas mehr ins Detail: "Die von den Schweizer Labels erstellten Playlisten sind viel schlechter auffindbar und bekommen deshalb weniger Klicks. Um aufzufallen, müssen sie von den Labels ausserdem vermarktet werden, was Geld kostet. Unserer Ansicht nach werden Schweizer Künstler dadurch strukturell benachteiligt, was sich bei steigender Bedeutung des Streamings auch auf die Chartplatzierungen auswirken dürfte."

Andy Ryser, Vorstandsmitglied des Indie-Musik-Verbandes IndieSuisse, ist Streaming gegenüber nicht ganz so kritisch eingestellt. Er sagt, dass Streaming der Branche den Arsch gerettet hätte, sieht aber auch massive Missstände: "Das Problem mit den lokalen Künstlern tritt einfach überall auf, wo die Musik nicht englischsprachig ist—egal ob in der Schweiz, Italien oder Spanien. Einerseits haben die Streaming-Anbieter noch keine Schweizer Mitarbeiter eingestellt, die unseren Markt verstehen und auf seine Bedürfnisse eingehen. Andererseits promoten Schweizer Künstler Streaming zu wenig oder verweigern sich ihm komplett. Bei Apple war das in den Anfängen von iTunes die gleiche Problematik. Heute ist die Store-Frontseite auf die Schweiz zugeschnitten."

Bakara-Geschäftsführer Martin Geisser sieht jedoch einer nicht so rosigen Zukunft entgegen: "Es läuft darauf hinaus, dass Schweizer Künstler noch weniger verdienen, dafür internationale umso stärker profitieren." Es scheint, als ob der Weg zur Gleichberechtigung von Schweizer Musik bei Streaming-Diensten noch ein steiniger sei.

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