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Der YouTuber, der einen Rentner mit seinem Motorrad tötete, steht vor Gericht

"Alpi" steht wegen Mordes vor Gericht, aber seine Fans feiern ihn trotzdem.

von Fabian Herriger
12 Dezember 2016, 1:06pm

"Was für ein behinderter Hurensohn", flucht Alpi, YouTube-MotoVlogger mit 80.000 Abonnenten, in einem Video. Das "Hurensohn" gilt einem Passanten, der auf die Straße tritt, als Alpi nachts mit 110 Sachen durch die Bremer Innenstadt brettert. Fast hätte es gekracht.

In Deutschland sterben Jahr für Jahr immer mehr Menschen bei Verkehrsunfällen. 2015 ließen 3.475 Menschen ihr Leben auf deutschen Straßen. Warum das manchmal erschreckend vorhersehbar ist, zeigt der Fall von Alpi.

"Er bleibt stehen, ey, wie ein Reh", erzählt Alpi seinem Begleiter an der roten Ampel. "Er wär' gestorben. Ich hätte ihn in seine Einzelteile zerlegt, wie bei Lego." Alpi meint: Ein Fahranfänger hätte den Typen "so hart mitgenommen"—aber er selbst sei erfahren und deswegen "einfach vorbeigezogen".

Am 17. Juni dieses Jahres schaffte Alpi es nicht, "einfach so" an einem betrunkenen 75-jährigen Fußgänger vorbeizuziehen. An diesem Abend ist er wieder mit Helmkamera und viel zu hoher Geschwindigkeit in Bremen unterwegs, als der Fußgänger bei roter Ampel die Straße überquert. Alpi fährt 100 km/h, kann nicht mehr rechtzeitig bremsen. Als er den Rentner trifft, stehen noch zwischen 63 und 68 km/h auf seinem Tacho. Der Mann fliegt meterweit durch die Luft. Er stirbt an der Unfallstelle. Alpi verletzt sich schwer.

Vor dem tödlichen Aufprall hatte Alpi am selben Abend schon einen anderen Unfall verursacht. Sein Motorrad rammte ein Auto und hinterließ einen Kratzer und ein kaputtes Blinklicht. Nichts schlimmes, aber Alpi beging Fahrerflucht.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wurde der 24-Jährige verhaftet und sitzt seitdem in U-Haft. Jetzt beginnt sein Prozess. Normalerweise wird bei Verkehrsdelikten wegen fahrlässiger Tötung oder Totschlag angeklagt, aber Alpi droht eine lebenslängliche Haftstrafe wegen Mord. Damit unterstellt die Staatsanwaltschaft, dass es sich nicht um einen fahrlässigen Unfall handele, sondern um eine billigend in Kauf genommene Tat.

Dass der MotoVlogger durch YouTube-Werbeeinnahmen Geld verdiente, könnte der Staatsanwaltschaft auch als Argument dienen. Alpi wollte besonders aufregende Videos produzieren, was ihn oft zu schnell fahren ließ. Die Frage ist, ob er Unfälle quasi als Berufsrisiko in Kauf nahm oder nicht.

Als Beweis für die Mordanklage führen die Staatsanwälte auch die Fahrerflucht an, denn sie kann als "Verdeckung einer Straftat" gewertet werden, was wiederum im Gesetz als ein Merkmal für Mord gilt. Die Aufnahmen seiner Helmkamera, die die Ermittler bei einer Hausdurchsuchung sicherstellten, sollen ebenfalls als Beweis dienen, wie rücksichtslos Alpi durch die Stadt raste, wie oft er Verkehrsregeln missachtete und wie locker er alles kommentierte.

Die Videos auf seinem YouTube-Channel "Alpi fährt" sind mittlerweile offline. Alles, was man noch findet, wurde von Fans hochgeladen. Die diskutieren auch auf YouTube, Facebook und Instagram. Dort liest man Kommentare wie: "Klar hat er scheiße gebaut aber jeder der motorrad und auch Auto fährt weiß wie unaufmerksam Fußgänger sind und vor allem ältere Leute!", dazu den Hashtag #FreeAlpi. Die Fans sehen die Schuld auch bei dem betrunkenen 75-Jährigen. Und sie finden, dass Alpi in den Medien zu schlecht dargestellt wird.

Sie wünschen ihm "Gute Besserung", drücken ihr Mitleid aus und verteidigen ihn: "Auch wenn das was Alpi im unfall gemacht hat nicht wirklich OK ist, sollen bitte nicht alle rumjammern 'Das er doch für immer weggesperrt werden soll'."

"Nicht wirklich OK"? Eher: dumm, vorhersehbar, strafwürdig.

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