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​Borussia 2.0—Wie die letztjährige BVB-Krise Gladbach helfen kann

Gladbachs Katastrophenstart erinnert an die BVB-Krise der letzten Saison. Für Lucien Favre ist es die beste Schule für einen Neuanfang.
16.9.15
Imago

Borussia Mönchengladbach verlor am gestrigen Abend in der Champions League das fünfte Pflichtspiel in Folge. Spätestens nach der 3:0-Niederlage gegen den FC Sevilla ist jedem Fan, Spieler und Verantwortlichen bewusst, dass der derzeitige Tabellenletzte der Bundesliga in einer Krise steckt. Der tiefe Fall des Sensationsdritten der letzten Saison erinnert an die letztjährige Misere der anderen Borussia aus Dortmund. Das ist Warnung und Hoffnung zugleich.

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Die Parallelen beider Borussias sind so ähnlich, dass sie kaum noch zu leugnen sind. „Ein Szenario wie bei Dortmund vergangenes Jahr ist zu befürchten. Denn jetzt kommen erst die Hammerspiele in der Champions League", warnte Sky-Experte Effenberg schon nach der blamablen 0:3-Niederlage gegen den Hamburger SV am Wochenende. Auch Gladbachs Kapitän Tony Jantschke weiß um die Gemeinsamkeiten: „Wir sollten zumindest nicht glauben, dass uns das nicht auch passieren kann. Wir sollten schnell anfangen zu punkten, damit solche Diskussionen erst gar nicht aufkommen."

Wenn die einfachen Dinge nicht mehr funktionieren

Wie auch beim BVB, der die Winterpause der letzten Saison auf dem vorletzten Tabellenplatz verbrachte, funktionieren bei den Gladbachern im Moment weder die altbewährten Erfolgsmethoden noch die kleinsten verinnerlichten Handlungsweisen. Dazu kommt eine gehörige Portion Pech und der scheinbar ausweglose Strudel der Unsicherheit.

Was Abgänger Lewandoswki und die enttäuschenden Millionen-Flops Immobile und Ramos für den BVB waren, sind die Verluste von Dauerrenner Christoph Kramer und Edelscorer Max Kruse für die Fohlen. Die prominenten Neuzugänge Lars Stindl und Josip Drmic, mit 10 Millionen Euro immerhin zweitteuerster Transfer der Vereinsgeschichte, wirken zeitweise ziemlich überfordert. Bei Trainer Lucien Favre muss im gesamten Kollektiv jedes Rädchen ins andere greifen, doch Stindl und Drmic wirken wie Fremdkörper. Der Schweizer Stürmer bekam zudem kaum Spielzeit und scheint schon jetzt einen schweren Stand unter Favre zu haben. Die dritte fehlende Stütze ist der Dauerverletzte Martin Stranzl, der bei seinem Comeback gegen den HSV nach nur 65 Minuten mit einem Augenbogenbruch schon wieder ausgewechselt wurde.

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Verletzungspech und fehlender Mut

Die Verletzungsmisere bei Borussia Mönchengladbach fing ebenso wie die beim BVB schon vor Saisonbeginn an und zieht sich wie ein roter Faden durch die aktuelle Spielzeit. Neben Stranzl fehlt mit Patrick Hermann ein weiterer wichtiger Leistungsträger der vergangenen Saison. Favre musste (ungern) sein System ummodelieren und hat bis heute noch keine ideale Aufstellung gefunden. In der Bundesliga spielte Gladbach in vier Spielen mit vier verschiedenen Innenverteidigerpärchen und auch im Angriff wird wild gewechselt. Ergebnis: Schon nach vier Spielen fingen die Fohlen elf Gegentore, was jetzt schon eins mehr als in der kompletten Rückrunde der letzten Saison ist. Und im Sturm will niemand treffen: die einzigen beiden Saisontore erzielten mit Lars Stindl und Patrick Herrmann zwei Mittelfeldspieler. Klopp hatte beim BVB mit taktischen Umstellungen und einer wackligen Abwehr das gleiche Problem.

Favre ist eben ein Gentleman. Übernimmt Gladbach auf dem letzten Platz und gibt Gladbach auf dem letzten Platz wieder ab. #bmghsv
— Otto Redenkämper (@FensterRentner) 11. September 2015

Die Hauptparallele zwischen den Borussen liegt aber an der unberechenbaren Spirale aus Pech und fehlendem Selbstvertrauen. „Momentan macht es überhaupt keinen Bock mehr", hatte der bisher ziemlich blasse Granit Xhaka zuletzt erklärt. Die Spielfreude fehlt und die eigene Erwartungshaltung nach einer erfolgreichen Periode verkrampft das Team. Konstant starke Akteure wie Ibrahima Traoré oder Julian Korb spielten im letzten Jahr an ihrem Zenit und ritten auf der Erfolgswelle der ganzen Mannschaft. Bei Borussia Dortmund war es ein ähnliches Bild. Doch nicht nur Abgänge, Leistungseinbrüche und verletzten Spieler fehlen im Spiel der Borussia.

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Favre erreicht mit Taktik nicht das Selbstvertrauen

Lucien Favre wirkt wie Jürgen Klopp in vielen Phasen überfordert. Seine taktische Herangehensweisen an jedes Problem nützen ihm wenig, wenn die sonst so konstanten Stars im Kollektiv versagen und nicht mal den einfachsten Rückpass spielen können. Kapitän Tony Jantschke ist wie im letzten Jahr BVB-Star Mats Hummels Sinnbild für die Unsicherheit. Jantschke stand kurz vor der Nationalelf, doch er fällt in dieser Saison fast nur durch Fehler auf. Es sind diese kleinen und ungewohnten Aussetzer, die schon beim BVB die Mannschaft immer weiter in den Strudel der psychologischen Mutlosigkeit gezogen haben—Selbstvertrauen adé. Doch Favre hat Glück: Die Erwartungshaltung des Gladbacher Umfelds ist zwar gestiegen—natürlich nicht bewusst, aber die jüngsten Erfolge lassen die Menschen nach Glücksgefühlen lechzen. Aber wie in Dortmund bleibt das Umfeld geduldig und es gibt kaum Kritik an den Verantwortlichen oder gar am Trainer.

Die Taktik von Favre ist ein Kartenhaus. Steht alles, dann ist es wunderschön. Fehlt ein Teil (Kramer) fällt es in sich zusammen. #SEVBMG
— Christøpher (@rammc) 15. September 2015

Gladbachs System lebt weder von aggressivem Pressing oder Ballbesitz, sondern vom Druck zwei engstehender Viererketten, die perfekt harmonieren müssen—individuelle Fehler werden somit sofort bestraft. Favre versucht beharrlich an dieser taktischen Marschroute festzuhalten. Die Mannschaft bricht ebenfalls nicht aus: Weder Jantschke noch Xhaka oder Stranzl gehen voran, sondern bestechen durch Unmündigkeit. Weil Zeit und wohl auch der ein oder andere gute Ergänzungsspieler fehlen, müssen sich Favre, der schon Schwächephasen durchstehen musste, wie auch seine Mannschaft neu erfinden. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan. Taktiker Favre muss zum mentalen Motivator werden und sein Team taktisch unkonventioneller umstellen. Der Druck muss den Spielern genommen werden. Wenn gestandene Stammspieler wie Xhaka oder Raffael ihre gewohnte Leistung nicht bringen, müssen ihnen andere Lösungen als zuvor vorgeschlagen werden. Gladbachs Spiel darf nicht von einer bestimmten Taktik bestimmt, sondern von den Spielern, auf die die Taktik zugeschnitten ist, geprägt sein. Ein Drmic ist kein Kruse, doch er ist ein besserer Drmic als Kruse. Das Fußballspielen haben sie nicht verlernt, es ist ein Kopfproblem.

Beim BVB sammelten die Spieler in der Winterpause Kraft und Selbstvertrauen, sodass sie sich in der Rückrunde fingen. Ein Jahr später verzaubern ehemalige Flops wie Matthias Ginter oder Henrikh Mkhitaryan die Liga, weil Tuchel aufbauend auf Klopps System innerhalb kürzester Zeit mit ein paar taktischen Griffen und Gesprächen mit seinen Spielern für neues Selbstvertrauen und Erfolg sorgte. Favre kann in Mönchengladbach Ähnliches schaffen. Er muss seinen Stil etwas ändern, um den Mut an die eigenen Stärken zurück in Köpfe der Spieler zu bringen. Das Derby am Wochenende gegen Köln wäre ein gelungener Anfang. Und zur Not muss Lucien Favre irgendwann selbst das Handtuch werfen—feuern würden sie ihn nämlich nie.

Folgt Benedikt bei Twitter: @BeneNie