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Streetball

Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Freiplatz die Zeit zu vergessen

Wir sprachen mit Freiplatz-König Paul Gudde über die Faszination Streetball und haben erfahren, warum du auf dem Court besser nicht in kompletter NBA-Montur auftauchen solltest.

von Jermain Raffington
21 Mai 2015, 10:15am

Foto: Paul Gudde/Privat

Der Sommer steht vor der Tür und für die meisten Baller bedeutet dies: Schuhe an und raus auf den Freiplatz. Sobald das Thermometer mehr als 15 Grad anzeigt, wird es auf den Freiplätzen Deutschlands wieder zu ruppigen Duellen kommen, in denen die Baller unter sich ausmachen werden, wer der wirkliche Boss vom Court ist. Um uns auf den Streetball-Sommer einzustimmen, haben wir mit dem deutschen Crossover-König und Streetball-Urgestein Paul Gudde gesprochen, der bis vor Kurzem noch mit seinen Kollegen unter dem Namen Germany´s Finest über die Courts des Landes zog. Mittlerweile hat er aus seiner Liebe zum Basketball einen Beruf gemacht und gibt als Skill-Development-Trainer nun das weiter, was er sich über die Jahre auf dem Asphalt der Straße angeeignet hat. Er erzählt uns was Basketball für ihn bedeutet, wie man aus einem Freizeitsport einen Beruf machen kann und was man auf dem Court tunlichst vermeiden sollte, um nicht als Dummbeutel zu gelten.

VICE Sports: Was ist der größte Unterschied zwischen einem guten Streetballer und einem Pro-Baller?
Paul Gudde: Das ist eigentlich schon das Problem. Leute versuchen genau diesen Unterschied zu machen. In Deutschland gibt es immer eine Kluft zwischen dem organisierten Basketball und Streetball. Adidas hat damals diesen Begriff gewählt, um den Sport in Deutschland zu promoten. In Amerika können viele mit dem Begriff wenig anfangen. Dort ist es einfach Playground Basketball.

Trotzdem besteht nicht jeder gute Basketballer auch auf dem Freiplatz?
Wenn es einen Unterschied gibt, dann ist es wohl, dass draußen das Game an sich ein bisschen freier ist und das es da auch manchmal härter zur Sache geht. In der Halle gibt es den Coach und auch die Spieler haben unterschiedliche Rollen. Doch die Baller an sich spielen für mich dasselbe Spiel und deswegen sollte man auch von außen kein großen Unterschied machen. Der perfekte Basketballer bringt für mich die Toughness und Kreativität, sowie den Biss von der Straße und kombiniert diese Eigenschaften mit den Basics und dem Know-how des organisierten Spiels in der Halle.

Alle Fotos: Paul Gudde/Privat

Was macht Streetball für dich aus?
Auf dem Freiplatz treffen sich Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund. Es macht keinen Unterschied, wo du herkommst oder was du machst, wenn du nicht gerade auf dem Platz stehst. Du spielst mit und das gegen jüngere, ältere, bessere, schlechtere, Männer oder Frauen. Der Sport vereint einfach. Außerdem gibt es auf dem Freiplatz keine Öffnungszeiten. Du brauchst nur einen Ball und kannst loslegen. Den ganzen Tag auf dem Platz verbringen und die Zeit vergessen, das macht das Gefühl aus. Dem Sport im Freien nachzugehen, hat natürlich auch den Vorteil, dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Klar, wenn man spielt, gibt es gewisse Regeln, aber selbst dann bewegen sich viele ohne Coaches und Schiedsrichter freier auf dem Platz.

Die besten Streetballer tun sich oft schwer im organisierten Basketball unterzukommen. Woran liegt das?
Da sprechen wir aber vor allem von Deutschland. Hier fällt es vielen schwer den Sprung zu machen. Zum einen, weil sie es vielleicht selber nicht auf die Reihe bekommen, die Dinge, die sie auf den Courts draußen gelernt haben, umzusetzen und positiv für sich im organisierten Basketball anzuwenden. Zum anderen lässt das deutsche Basketballsystem relativ wenig Freiraum für Kreativität. Da bleiben dann viele gute Baller auf der Strecke. Es gehört vieles dazu, um in Deutschland ein Basketballprofi zu werden, egal ob man einen Streetball Background hat oder nicht.

Wolltest du insgeheim nie Pro werden?
Nicht wirklich. Ich habe bis zu Oberliga und Regionalliga in Siegen gespielt, und als ich dann meinen Führerschein hatte, habe ich mal ausgecheckt, was in Hagen so geht. Da war Dirk Bauermann gerade Trainer und er hatte vor, die Jugendarbeit ein bisschen zu pushen. Das war eigentlich die einzige Zeit, wo ich Vereinsbasketball ernster angegangen bin. Aber da habe ich dann auch schnell gemerkt, dass ich eigentlich weniger Bock aufs Training hatte, sondern viel lieber draußen gezockt habe. Es war mir nie wirklich wert, mein Spiel an den organisierten Basketball anzupassen und deswegen mir den Spaß am Spiel nehmen zu lassen. Es war einfach immer cooler, draußen zu spielen, als mir in der Halle von jemand sagen zu lassen, wann ich spielen darf oder was ich zu tun habe.

Wie siehst du die deutsche Streetball-Szene?
In Deutschland gibt es keine wirkliche Szene. Berlin produziert zwar immer noch viele sehr gute Basketballer, doch neben Misan Nigkabatse (heißt mittlerweile Haldin", Anm. d. Red.) ist wohl Achmadscha Zazai einer der wenigen, die einen Streetball Hintergrund haben und der es geschafft hat, bei den Profis Fuß zu fassen. Die Leute, die in Deutschland auf den Freiplätzen spielen, sind Spieler, die das Freizeitmäßig machen und eher in den unteren Ligen spielen als in der Ersten oder Zweiten Bundesliga.

Was sind deine Top 3 Streetballplätze in Deutschland?
Der Kölner Court am Rhein ist unschlagbar. Man hat ein tolles Panorama über den Fluss und sieht den Dom. Dann gibt es in Frankfurt einen ziemlich geilen Platz, der in der Nähe der EZB ist. Das ist so ein Käfig mit vernünftigem Boden. Da ist auch im Sommer ziemlich viel los. Sonst feiere ich natürlich auch den Gneisenau-Court in Berlin.

Wer ist für dich der beeindruckendste Baller außerhalb der Profis?
Was Kreativität angeht, würde ich auf jeden Fall „Pat the Rock" sagen. Er macht viel für den Nachwuchs und trainiert mit Profis. In Amerika gibt es Skill-Development-Coaches an jeder Ecke, aber die Leute, die heute auch in Europa richtig bekannt sind, waren vor fünf Jahren an einem Punkt, an dem ich jetzt stehe.

Also ist „Pat the Rock" jemand, an dem du dich orientierst? Du hast ja mittlerweile aus einem Freizeitsport deinen Beruf gemacht?
Kann man schon sagen. Für mich war das aber ein Prozess über lange Jahre. Ich bin jetzt 33 und ich habe schon mit 20 versucht meine Skills an andere weiterzugeben. Ich hab dann irgendwann gemerkt, dass ich ziemlich gut darin bin und eine Menge Einfluss auf einzelne Spieler haben kann, wenn ich Spielern und Kleingruppen bestimmte Dinge beibringen kann. Nachdem ich eine Rückenverletzung hatte, bin ich über meine Reha immer mehr in die Fitnessrichtung gegangen und habe das dann mit meinem Skill-Development-Programm verbunden. Seit ein paar Jahren helfe ich nun Profis und jüngeren Spielern, die auf dem Weg dorthin sind, mit gezieltem Einzeltraining.

Ich denke, dass ich mir selber in der Vergangenheit diverse Ballhandling-Skills angeeignet habe und weiß wie es ist diese auf dem Platz anzuwenden. Das bedeutet, dass ich vieles auf eine andere Weise vermitteln kann, als manch anderer. Ich denke, dass ich alleine aufgrund meiner Streetball-Vergangenheit einigen Coaches etwas voraus habe. Klar, auch sie können dir einen Handwechsel vor dem Körper zeigen, aber wenn es darum geht, ein paar ausgefallenere Drills zu machen, dann hilft mein Streetball-Hintergrund schon enorm. Ich denke, das ist schon ein bisschen mein Alleinstellungsmerkmal.

Wie sehen deine Workouts aus? Bringst du damit ein bisschen mehr Handles in die Welt des organisierten Basketball?
Mein Ansatz ist es auf jeden Fall, mit möglichst guten Leuten zusammenzuarbeiten und sie weiter zu bringen. Wer weiß, wie sich das alles entwickelt. Wenn man in ein paar Jahren vielleicht den ein oder anderen Spieler sieht, der einen Move macht, der ein wenig außergewöhnlich ist, dann kann das schon sein, dass ich auf der Tribüne sitzen werde und mir ein kleines Lächeln übers Gesicht geht. Vielleicht ist das ja sogar in der BBL.

In den 90ern und frühen 2000ern gab es eine Reihe von Sommerturnieren. Adidas Streetball, Converse 3on3, TD1 Challenge etc. Nun gibt es mit dem Reality Check und Shutupandplay diesen Sommer wieder zwei große Turniere in Deutschland. Glaubst du, dass dies ein Indikator für eine positive Veränderung in der deutschen Streetball-Szene ist?
Da ist schon eine Tendenz zu sehen, ja. Leider haben die Turniere in den 90ern ein abruptes Ende gefunden und dann gab es dann lange nichts Vergleichbares. Die Leute haben auf jeden Fall bock drauf. Man braucht aber meist immer noch privat Personen oder große Firmen wie K1X, die der Community was an die Hand geben. Mit diesen beiden größeren Turnieren ist es aber immer noch weit weg von dem, was in den 90ern und der Zeit der TD1 Challenge stattgefunden hat.

Gib uns zum Schluss noch deine Do´s and Dont´s auf dem Freiplatz.

Do´s:

— Pass Dich den lokalen Regeln und dem Court an, wo Du bist.

— Lass Dein Game sprechen.

— Weniger ist oft mehr. Das gilt für Kleidung, Trash Talk und deine Moves.

— Pass auf Deinen Ball auf!

Dont´s:

— Mach nicht auf A-Lizenztrainer und korrigier die Leute nicht.

— Eher mal ein Foul weniger callen als zu viel.

— Lass den verdammten NBA Dresscode mit passendem Headband besser zu Hause!

Dazu fällt mir noch ein Video ein, dass ich vor einiger Zeit mal gemacht habe. Dinge, die Basketballer NICHT sagen:

Folgt Jermain auf Twitter: @jayraff

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