Hosen runter

Was man über AfDler lernt, wenn man Tausende ihrer WhatsApps liest

Gewaltfantasien, Streitereien und die Lieblings-Emojis der Rechten: Wir haben die “AfD-Leaks” analysiert.

von Matern Boeselager
23 Juni 2017, 2:04pm

Collage von Ruby Morrigan, Foto André Poggenburg: imago | Christian Schroedter

Eigentlich hat die AfD einige Erfahrung damit, gehackt zu werden. In den letzten Jahren ist die Partei immer wieder Opfer von Cyber-Angriffen, Leaks oder Indiskretionen geworden. Und trotzdem scheinen die Blauen es nicht zu lernen, und so kam es wie es kommen musste: Irgendjemand hat das komplette Gesprächsprotokoll einer internen WhatsApp-Gruppe der AfD Sachsen-Anhalt heruntergeladen und auf indymedia veröffentlicht.

Angelegt wurde die Gruppe "AfD Info LSA" von dem AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Mrosek vor etwas über einem Jahr. Seitdem haben sich die Teilnehmer gegenseitig mit über 8.000 Nachrichten, Artikeln, Memes, Witzen und Wutanfällen zugespammt. Mit dabei: fast alle Funktionäre der AfD in Sachsen-Anhalt, inklusive des Landeschefs André Poggenburg und Jan Wenzel, dem Landesvorsitzenden der "Jungen Alternative".

Das Ergebnis: eine riesige Fundgrube, die Einblicke in das zulässt, was AfD-Mitglieder sich gegenseitig erzählen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Also haben wir uns durch diesen Wust aus Stammtischparolen und Zwinker-Smileys gewühlt, um herauszufinden, wie die AfDler aus dem Osten ticken. Die Rechtschreibung haben wir so belassen, wie sie war. Was wir aus den Nachrichten gelernt haben:

Die AfDler sind die ersten, die ihre eigene Panikmache glauben

Bis jetzt wusste man bei der AfD nicht immer so genau, ob sie das ganze Zeug, das sie über "kriminelle Ausländer" verbreiten, tatsächlich selber glauben. Ein im Februar geleaktes Strategie-Papier der AfD schien nahezulegen, dass die Partei ganz bewusst mit Übertreibungen und Vereinfachungen arbeitet, um Wähler zu fangen. Die geleakten Chats zeigen aber ein anderes Bild: In Sachsen-Anhalt scheinen die AfDler wirklich Angst vor der bestehenden Ausländer-Apokalypse zu haben.

Die Mitglieder der Gruppe bombardieren sich geradezu mit schlechten Nachrichten – vor allem, wenn Ausländer und Flüchtlinge darin vorkommen. Asylbewerber tauchen in der WhatsApp-Gruppe praktisch ausschließlich als Vergewaltiger, Randalierer, Messerstecher oder Chaoten auf – und jedesmal beeilen sich die Mitglieder, den jeweiligen Fall mit der AfD-typischen Mischung aus Gejammer ("Liegt es nicht auf der Hand, dass wir Deutschen nicht mehr sicher sind?", Sarkasmus ("Najaa, das ist wirklich ein Einzelfall…") und Wut ("Wer soll uns beschützen wenn schon die Polizei überfordert ist") zu kommentieren.

Die AfDler fürchten sich aber nicht nur vor einzelnen gewalttätigen Ausländern, sondern scheinen zu großen Teilen überzeugt zu sein, dass hinter allen diesen Übeln wirklich ein riesiges Komplott steckt: "Es wird immernoch die auflösung deutschlands und der austausch und ausrottung der deutschen bevölkerung vorran getrieben", schreibt einer, "Die Migrationssoldaten jubeln, Europa steht wehrlos am Rand und mir wird Angst und Bange" ein anderer. Vorangetrieben wird diese Verschwörung offenbar von "Gutmenschen" und den etablierten Parteien – entweder aus Dummheit, oder weil sie Deutschland aus tiefstem Herzen hassen.

Eins steht jedenfalls fest: Wer zu viel Zeit in dieser Gruppe verbringt, der bekommt dieses Bild von Sachsen-Anhalt: ein Land, dessen Bewohner zitternd in ihren Häusern kauern, während "Horden von ausländischen Kulturbereicherern, die unsere Frauen angrabschen und anpöbeln … kriminell durch die Straßen ziehen!" (André Poggenburg). Und wenn ein tapferer Mann dann doch mal auf die Straße geht, wird er sofort von staatlich finanzierten Antifa-Trupps angegriffen.

AfDler lieben Smileys

Der beliebteste Smiley ist mit großem Abstand der "Daumen Hoch", die deutsche Fahne kommt erst an sechster Stelle.

Die AfDler geben sich also gerne gegenseitig Zuspruch. Das ist auch dringend nötig, denn genauso gerne fallen sie übereinander her.

Sie streiten sich wie die Kesselflicker

Vielleicht kein Wunder, wenn man einen Chat mit Hunderten Premium-Wutbürgern vollstopft, aber: Diese Typen sind wirklich sehr leicht reizbar. Der erste Streit bricht schon wenige Stunden nach der Geburt des Chats aus ("Du machst mir bösartige Vorwürfe!", schreibt ein Dirk, ohne dass ihm irgendjemand irgendetwas vorgeworfen hätte), und obwohl immer wieder jemand verzweifelt "Burgfrieden" beschwört, wird der Ton in den folgenden Monaten nur noch rauer.

"Erst Gehirn einschalten, dann sprechen", "Kauf Dir mal einen reflektierenden Spiegel und guck mal rein", "Willst du mich obwohl deine Taten und Worte genau dagegen sprechen, als Lügner hinstellen? Dann zeig mich an – dieser boomerang kommt zurück", "Eure Scheinheiligkeit nervt mich nur" – solches Gekabbel gibt es in der Gruppe praktisch täglich.

Meistens streiten die Mitglieder sich um die inhaltliche Ausrichtung der Partei, oder darüber, ob sie mit der CDU koalieren sollen oder nicht. Sie werfen sich gegenseitig "Verrat", "Spaltung" oder "Putsch" vor.

Sie fordern "Anerkennung" für Rechtsextreme

Das Verhältnis zwischen AfD und rechtsextremen Gruppen war schon immer etwas kompliziert. Vor allem die "Identitäre Bewegung" scheint nicht nur viele Fans in der AfD zu haben, es gibt sogar immer wieder auffällige personelle Überschneidungen. Als der Verfassungsschutz die "IB" als rechtsextrem einstufte und unter Beobachtung stellte, zog die AfD-Führung die Reißleine. Öffentlich distanzierte sich die Partei von den "Identitären". In Sachsen-Anhalt sind aber längst nicht alle damit einverstanden. "IB ist nicht rechtsextrem. IB kämpft auch für unsere Sache. Heimat und Kinder und Enkelkinder schützen", schreibt einer. "Ein wenig mehr Anerkennung haben diese Leute schon verdient, wenn auch nicht offiziell", ein anderer, der damit aber auch Neonazi-Parteien wie den "Dritten Weg" mit einschließt. "Wer rennt denn Nachts durch das ganze Land Sachsen-Anhalt und beschuetzt unsere Plakate und Plakataufsteller vor dem linken Mob?"


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Irgendwann schaltet sich der Landesvorsitzende André Poggenburg in die Diskussion ein – mit einem überraschenden Machtwort: "Leute macht ruhig... wir distanzieren uns weder von IB noch von Pegida, aber wir lassen uns von außen auch durch nichts und niemanden lenken oder vereinnahmen."

Sie lieben rechten Slang

Vielleicht keine große Überraschung, aber der Ton in der Gruppe unterscheidet sich im Grunde kaum von einer herkömmlichen Pegida-Fanpage: Politiker sind "Volksverräter" oder "verlogenes Pack", Asylbewerber "Kulturbereicherer", politische Gegner sind "links versifftes Dreckspack".

Landeschef Poggenburg schreibt einmal den NPD-Spruch "Deutschland den Deutschen!" in die Gruppe – gefolgt von einem Zwinkersmiley. In einer Pressemitteilung hat Poggenburg mittlerweile übrigens erklärt, er stehe "voll und ganz" hinter dem Spruch. Er nehme "liebend gerne in Kauf", wenn sich "damit linke Ideologen, die scheinbar oft genug das Ziel vor Augen haben, Deutschland abzuschaffen, provoziert fühlen".

Sie träumen von der "Machtübernahme"

Obwohl die AfDler ihre Gegner immer wieder als "antidemokratisch" bezeichnen, lassen einige Mitglieder durchscheinen, dass sie selbst eine ziemlich gruselige Vorstellung von Demokratie haben.

Zuerst einmal sind offenbar fast alle in dem Chat völlig überzeugt, dass sie den geheimen Willen des "Volkes" repräsentieren. "Die Zeit in der das deutsche Volk sich erhebt wird kommen. Es ist unsere Zeit!!!", ist ein typischer Beitrag dieser Art. Aber noch unheimlicher wird es, wenn die AfDler über die Zeit nach der "Machtübernahme" (ja, das schreibt da einer wirklich) fabulieren.

"Wir müssen die Medien unterwandern, sonst wird es ganz schwer", schreibt ein Teilnehmer, der mittlerweile als Bundespolizist identifiziert wurde. "Mit der Machtübernahme muss ein Gremium alle Journalisten und Redakteure überprüfen und sieben. Chefs sofort entlassen, volksfeindliche Medien verbieten." Niemand widerspricht . "Ich bin nicht unbedingt für todestrafe, aber von mir aus könnte es auch in deutschland für kindermörder und drogendealer die todestrafe geben!", schreibt jemand an anderer Stelle.

Am bezeichnendsten ist aber vielleicht dieser Beitrag eines Teilnehmers, der davor warnt, sich beim Kungeln mit den Identitären erwischen zu lassen, solange die vom Verfassungsschutz beobachtet werden: "Wir machen Politik – und da hält man sich an Spielregeln" schreibt er, "solang wir die Regeln nicht bestimmen."

Sie suhlen sich in Gewaltfantasien

In der Gruppe schaukelt sich der Hass auf den angeblich vergewaltigenden, plündernden Ausländer-Mobs hoch und endet in Gewaltfantasien. Die Geschichte von einer Hochzeit, die ein paar "Südländer" auf einer Autobahn veranstaltet haben sollen, kommentiert ein Mitglied mit: "Schade, dass ich immer zur falschen Zeit mit 280 die A2 langfahre!". Mehr als zehn Minuten später kommentiert André Poggenburg, "Unglaublich dieser erneute Fall von Kulturbereicherung", ohne auf seinen Vorredner auch nur einzugehen.

Dass Ausländern der Tod gewünscht wird, passiert mehr als einmal: "Entschuldige wenn ich es so schreibe aber sollen die sich doch gegenseitig vernichten", schreibt einer über Muslime. Der andere kommentiert den Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh, der unter ungeklärten Umständen in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte, mit den Worten "Gott sei dank, einer weniger!!!"

Bundespolizisten, die sich auf den bewaffneten Widerstand vorbereiten

Am unheimlichsten wird es aber an der Stelle, wo zwei Mitglieder, die sich vorher gegenseitig als Bundespolizisten erkannt haben, sich über ihre Vorbereitungen auf den "Widerstand" austauschen. Der, so ihre Meinung, werde nötig, falls die Wähler bei der Bundestagswahl im Herbst nicht "aufwachen". Dann werde aus Deutschland nämlich bald "ein zweites Afghanistan". Die beiden Polizisten sind sich einig: "Der knall steht bald bevor".

Und für diesen Knall wollen sie vorbereitet sein: "Ich renne nicht weg, sondern rüste mich mit hoffentlich noch vielen anderen. Bis zum letzten zug!", schreibt M. Der andere, N. – derselbe, der gerne Journalisten "sieben" würde – antwortet:

N.: Ich bin dabei, das kannste wohl mal glauben. Ich habe 4 Kinder, die überlasse ich nicht dem Muselmanenglaube (der keiner ist)
N.:
M.:
M. Ich stehe neben dir!!!
N.: Ich brauch aber noch Rückendeckung ich gehe auf 12:00 Uhr, du müsstest dann auf 06:00 Uhr gehen. Quasi Rücken an Rücken.
N.: Wie bei Amok.
M.: Body Prinzip! ja
N.: Ich bin auch ein guter Schütze, also hohe Trefferquote
N.: Ich beabsichtige privat noch einen Waffenschein zu machen. Heut zu Tage rechne ich mit allem...
M.: Im wiederstand sind wir schon lange alle, aber wir haben uns bis jetzt klein und unauffällig gemacht, vor allem um uns und unsere familien und soziale kontakte zu schützen und unserer gewohntes leben aufrecht zu erhalten. Aber es wird sich zunehmend ändern und irgenwann nicht mehr so weitergehen.ich hab schon lange keine lust mehr mich zu verstecken!

Niemand schaltet sich ein, während die beiden Polizisten sich immer weiter in ihre Endkampf-Fantasien gegen die "Muselmanen" reinsteigern.

Fazit: Doch ein Fall für den Verfassungsschutz?

In dem Chat diskutieren die Mitglieder immer wieder darüber, wie offen man mit Gruppen zusammenarbeiten kann, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Nach der Veröffentlichung dieses Chats ist sie nun aber selbst ins Visier der Verfassungsschützer geraten: Holger Stahlknecht, Innenminister von Sachsen-Anhalt, hat angekündigt, dass der Chat genug enthalte, um sich noch mal näher mit der Partei zu beschäftigen. Manches davon sei "klar rechtsextrem", sagte der Politiker am Donnerstag.

Für die beiden Bundespolizisten, die sich bewaffnen und Journalisten kontrollieren wollen, könnte die Veröffentlichung aber noch einschneidendere Konsequenzen haben. Die Bundespolizeidirektion in Pirna prüft aktuell, ob diese Äußerungen "straf- und dienstrechtliche Konsequenzen" nach sich ziehen müssen. Für den Anfang würde es schon helfen, den beiden schießwütigen Kollegen wenigstens nicht auch noch privat einen Waffenschein zu geben.

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