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Was wir von 'Sarah & Pietro – die ganze Wahrheit' über die Liebe gelernt haben

Seit fünf Jahren schaut das ganze Land dem Paar bei stinknormalen Sachen zu: Hausbau, IKEA-Streit, Italien-Urlaub. Beim Trennungsspezial sah man eine sehr deutsche Beziehung scheitern.

von Wlada Kolosowa
01 December 2016, 9:09am

Illustration: VICE Media | Foto: imago

Die Trennung von Sarah und Pietro Lombardi wurde so intensiv berichtet wie eine nationale Katastrophe. Allein Bild, Focus und Stern veröffentlichten innerhalb von zwei Wochen 127 (!) Artikel, welche die Liebestragödie fast in Echtzeit entfalten ließen: "Neues Facebook-Foto! Pietro ohne Sarah", "Fotofälschung oder Sex mit dem Ex?", "Pietro allein beim Fußball", "Pietro ohne Ehering!", "Lombardi-Krise? Mimik-Experte: Die Zeichen waren eindeutig", "Also doch! Sarah und Pietro Lombardi lassen sich scheiden", "Jetzt spricht Sarahs Oma".

Für alle, die in den letzten Jahren fernab eines Internetanschlusses gelebt haben und nicht wissen, wer Sarah und Pietro Lombardi sind, hier eine Zusammenfassung ihrer fünfjährigen Beziehung, von der kaum eine Minute medial unverwurstet blieb: Mit 18 lernen sie sich bei DSDS kennen, kommen beide ins Finale und müssen gegeneinander antreten—ein bisschen wie bei Hunger Games, Teil 1. Pietro gewinnt. 2013 heiraten sie, die Eheringe spendiert Dieter Bohlen.

Preisgekrönte Liebe: Sarah und Pietro bekommen hier das "Paar des Jahres"-Award | Foto: imago | Future Image

Der weitere Verlauf der Beziehung lässt sich in den Titeln ihrer RTLII-Produktionen zusammenfassen: Sarah & Pietro bauen ein Haus, Sarah & Pietro bekommen ein Baby, Sarah & Pietro – im Wohnmobil durch Italien. Und jetzt also ein fast zweistündiges Trennungsspezial: Sarah & Pietro – die ganze Wahrheit.Wer für die schmutzigen Details einschaltete, wurde allerdings enttäuscht. Die gab es nur am Rande der wiedergekauten Liebesgeschichte.

Dafür verstand man endlich, warum das Paar jahrelang trotz eher lauwarmer Popkarriere so viele Zuschauer vor die Fernseher trieb. Der Rückblick zeigte ein unglaublich normales Paar: sie ein bisschen tussig, er rührend treudoof, Eigenheim am Stadtrand, Ferien in Italien, Streit bei IKEA, gegenseitiger Spitzname "Schatz". In ihrem Schlafzimmer, weiß die FAZ, steht an der Wand der Spruch: "Wir sind Engel mit nur einem Flügel, aber wenn wir uns umarmen, können wir fliegen." 2016 verlieh die InTouch den Lombardis den "Paar des Jahres"-Award. Die satten Quoten, die das Paar RTLII einfuhr, (und den Aufschrei nach ihrer Trennung) kann man wahrscheinlich mit Voyeurismus erklären, vielleicht aber damit, dass viele Zuschauer sich mit ihnen identifizierten. Deswegen haben wir als kleines Service-Stück für alle, die das Fernsehereignis des Jahres verpasst haben, zusammengefasst, was Deutschland aus ihrer Trennung lernen könnte.

Sarah und Pietro beim DSDS-Finale. Die Jury ließ sie durch überdimensionale Trauringe steigen, danach ging alles ganz schnell | Foto: imago | STAR-MEDIA

1. Schaltet einen Gang zurück

Die Geschwindigkeit, in der Sarah und Pietro sesshaft wurden, lässt das Herz jedes CSU-wählenden Sparkassenberaters aufgehen. Heirat mit 20, die eigenen vier Wände mit 22, ein Jahr später das erste Kind. Es kommt zwar die Frage auf, ob an der Ausweidung dieser Romanze interessierte Fernsehsender und Manager die beiden nicht sanft zu diesen Schritten geschubst haben, weil IRGENDEINE Spannungskurve notwendig war. Aber die Folgen von Turbobeziehung waren zu sehen: Sarah findet das Haus zu erdrückend. Das Kind, das mit einem Herzfehler auf die Welt kam, ist zwar heiß geliebt (Zitat Sarah: "Wir lieben unseren Kleinen über alles und würden ihn nicht austauschen wollen."). Aber auf den Einbruch der Romantik zugunsten des Windelwechselns war keiner vorbereitet. (Zitat Pietro: "Im Herzen liebe ich sie wie vorher, aber ich fühle mich schon vernachlässigt.")

2. Baut kein Haus mit Anfang 20

Sarah und Pietro zogen aus Sarahs Kinderzimmer ins Eigenheim. Sarah, die vorher weder kochen noch putzen konnte, musste sich plötzlich um drei Etagen kümmern, entwickelte ein Putzfimmel, verhielt sich im eigenen Haus so vorsichtig, als sei es ein Museum. Pietro meckert, dass er eine Decke auf die Couch legen muss, bevor er sich darauf setzt. Und ta-da, kaum vergehen zwei Jahre packen die beiden ihre Kisten wieder in einen Umzugswagen (Zitat Pietro: "Meine Autokünste sind brutal. Ich fahre jedes Auto.") und flüchten aus ihrem Haus.

3. Schmeißt euer Leben nicht wegen ein paar Fotos weg

OK, jetzt ist es nicht mehr zu ändern: Ihr habt Haus, Kind und eine Beziehung, die auch euer Beruf und die Grundlage eures Geschäftsmodels ist. Und ihr schmeißt das Ganze wegen eines lasziven Kuschelfotos weg? Also gut, Pietro mag einen Punkt haben ("Man ist nicht auf dem Bett, halb nackt, und spielt Mensch ärgere dich nicht."). Aber trotzdem: Dem ganzen Land zu zeigen, dass fünf Jahre Beziehung nichts wert sind, nur weil Sarah und ihr Ex-Freund sich fotonachweislich in einem Bett räkelten? Überhaupt: Die Dame hätte halb männliches Deutschland zum Fremdgehen haben können—und wenn nimmt sie? Den Schmalzbolzen, mit dem sie als Teenager liiert war! Kann das überhaupt wahr sein—oder ist das wieder Bemühen von Fernseh-Autoren um einen möglichst normalitätsnahen Plot?

Sarah und Pietro, das freundliche Paar von nebenan, in Hannover | Foto: imago | Henning Scheffen


4. Es ist eine Kackidee, seine Liebe bei Facebook zu dokumentieren

Wenn die Lombardis nicht gerade von Fernsehkameras gefilmt wurden, verewigten sie ihre Liebe selbst: bei YouTube, bei Instagram, bei Facebook. Auf ihren Pinnwänden konnte man hundertfach das ausgeleuchtete Pärchenglück bewundern (und außerdem die Narben auf der Brust ihres Sohnes nach der Herz-OP). Blöd nur, dass die ganze Welt auch dann auf die Pinnwand schaut, wenn nichts mehr vom Glück übrig ist (Wir erinnern uns: "Neues Facebook-Foto! Pietro ohne Sarah"). Und außerdem viel Garstiges dazu zu sagen hat. Jetzt kann Sarah nicht mehr in Ruhe in den Supermarkt gehen, ohne dass Fremde sie mitleidig umarmen oder ihr Sexualverhalten kommentieren.

5. Die Liebe ist kein Märchen

"Märchenhochzeit", "modernes Märchen"—die Kommentatoren-Stimme aus dem Off spart nicht an Märchenmetaphern, wenn es um die Lombardi-Beziehung geht, und auch Sarah sagt:

Wer eine Liebe wie im Disney-Malbuch erwartet, wird etwas enttäuscht sein, wenn er irgendwann im Stadtrandhaus neben einem kranken Kind mit vollen Windeln aufwacht. Sarah erzählt mit nassen Augen im Interview, dass sie die Verliebtheit vermisste, und Angst hatte, dass die Beziehung mit der Zeit Alltag wird. Pietro kommentiert das Ganze in Fußballspieler-Manier: "Ich bin so ein Mensch, ich wein von innen."

Wir weinen ein bisschen mit. Klar war sie eine Zicke und er ein sympathisch-trotteliger Proll, aber man freute sich, dass Sarah und Pietro einander hatten. Andererseits ist es vielleicht nicht schlecht, dass es im Reality-TV wohl bald Formate geben wird, in denen die moderne Liebe etwas realistischer dargestellt wird. Etwa: Sarah & Pietro verkaufen ihr Haus oder Sarah & Pietro teilen sich das Sorgerecht.