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Das war die Pegida-Demo in Linz

Auch in Linz gingen gestern einige Tausend Demonstranten gegen einige Hundert Pegida-Anhänger auf die Straße. Wir haben beide Gruppen begleitet und Eindrücke für euch gesammelt.

von Florian Voggeneder, Text von Matthias Kreuziger
09 Februar 2015, 11:15am

Nachdem die Pegida am 2. Februar zum ersten Mal in Wien aufmarschiert ist und neben einigen Hitlergrüßen auch den Rücktritt von Georg Nagel als Sprecher der Pegida Wien nach sich gezogen hat, ist gestern nun auch in Linz der erste Pegida-Spaziergang außerhalb der Hauptstadt über die Bühne gegangen. Hier findet ihr einige Eindrücke von der gestrigen Demo.

Hier findet ihr alle Artikel zum Thema Pegida.

Im März 1938 hat Adolf Hitler vom Balkon des Linzer Rathauses aus zu den Linzern gesprochen. Am Sonntag versammelten sich an eben dieser Stelle—beinahe genau 77 Jahre später—eine bunt gemischte Gruppe an Menschen, um gegen den ersten Linzer Pegida-Spaziergang zu demonstrieren. Die Linken halt.

Wobei: so ganz stimmt das nicht. Etwa 20 Personen singen zwar textsicher die Internationale, doch sie sind die Minderheit. Die laut Veranstalter etwa 3.500 Demonstranten (nach meiner Schätzung etwa 2.000, aber was weiß man) sind viel diversifizierter, als es die Pegida gerne darstellt.

Ich treffe einen Rechtsanwalt, eine selbständige Kauffrau, einen Schriftsteller und Publizisten, einen Werbetexter, einen Industriedesigner, eine Kunststudentin und natürlich einen VOEST-Arbeiter. Auch die NEOS waren privat anwesend. Als „links" wollte sich keiner davon bezeichnen. Wenn, dann vielleicht bestenfalls als „eher links". Oder aber als „gläubig katholisch", als „Pazifist", oder einfach nur als „Menschenfreund".

Organisator der Demo ist Philip Stadler, Student der Soziologie und Sozialwirtschaft an der JKU. Er formuliert, was alle verbindet: "Unsere Stahlstadt soll bunt sein, es gibt hier keinen Platz für Rassismus."

Die Stimmung ist sehr entspannt und ausgelassen. Sowohl bei den Teilnehmern an der Gegendemo, als auch bei der Polizei. Schutzkleidung Fehlanzeige.
Ich treffe Benno Wageneder, Rechtsanwalt, aktiv bei den Grünen. Auf die Frage, was ihn am Sonntag auf den Hauptplatz bewegt, meint er: „Ich weiß, welche Geisteshaltung die Pegida vertritt und es ist mir wichtig, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass die Meinung gegen Pegida eine Mehrheit auf der Straße hat."

Silvia Rakaner, 54, ist selbständige Kauffrau, trägt eine etwas altmodische, aber schicke Pelzjacke und steht etwas abseits. Sie findet es wichtig, gegen die Pegida etwas zu tun—auch am Sonntag, wenn es kalt ist. Sie ist gläubige Katholikin und findet, dass „alle das selbe Recht auf freie Religionsausübung haben sollten" wie sie selbst. Soviel zum Thema Abendland in Christenhand.

Ich liebe ja Demo-Schilder. Da gibt es wahre Kleinode, auch am Sonntag in Linz wieder: „Die einzig wahre Rasse: die Terrasse!" und das in Fraktur. Schildträger ist Benjamin, 23, aus Linz, Werbetexter von Beruf. Er findet, dass die Pegida eine Ideologie des Verbrechens betreibt, aus wirren Typen besteht und deshalb dagegen demonstriert werden muss.

Um zirka 14:15 Uhr beginnen die Ansprachen der Veranstalter, das formulierte Tagesziel: Pegida—einmal und nie wieder. Dann der Auftritt von Willi Mernyi (ÖGB). Ja eh. Er auch gegen Pegida, internationale Solidarität, keinen Meter der Pegida und ein vollkommen unnötiger Hinweis auf die Steuerreform nach den Plänen des ÖGB—die ersten thematische Verwirrung des Tages.

Der Zug setzt sich in Bewegung, die Route ist klar, ich verlasse die Gruppe, um mich auf den Weg zum Hauptbahnhof zu machen, denn dort trifft sich die Pegida zum gemeinsamen Spaziergang gegen den Islamismus und andere Dinge. Die Szenerie kann nicht gegensätzlicher sein. 100 Polizisten sind vor Ort, alle mit Helm, Körperschutz, Schlagstöcken und Schilden.

Die Pegida: eine winzige Gruppe von Leuten, die allmählich zu einer kleinen Gruppe anwächst. Bei der Demo ertönt via Megaphon immer wieder der Aufruf, still zu marschieren und die Hände nicht zu heben, wie hier zu sehen ist. Es waren dann in Summe 150 Demonstranten, eine Mischung aus Pensionisten, LASK-Hooligans, Skins. Wie mir ein „neutraler" LASK-Fan bestätigt hat, waren auch die harten Jungs von Eisern Wien wieder dabei.

Der Organisator der Demo ist übrigens anonym geblieben. Gut erkennbar waren trotzdem die Rädelsführer mit gegeltem Haar und Megaphon. Dann die bezeichnende Frage: „Wer trägt das Transparent? Wer bekommt da keine Probleme mit dem Arbeitgeber?".

Der Spaziergang startet, ich spaziere mit. Da niemand mit mir reden will, bleibt mir nur das Schilderlesen. Gegen Tierquälerei (ja gut, ich auch, aber was hat der Islam damit zu tun?), gegen Abtreibung, für die direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild.

Ich bekomme ein Direkte-Demokratie-Flugblatt und sehe, dass die Gruppe von Stammtischen ausgeht, die sich einmal im Monat im Klosterhof treffen. Zwanzig Meter und die ersten Mittelfinger sind in der Luft, 50 Meter und ich entdecke einen hastig unterbundenen Kühne-Gruß. 200 Meter und die ersten Gegendemonstranten treffen ein. Die Polizei trennt und schiebt die Gegendemonstranten vor sich her (sehr freundlich, wie ich hier anmerken möchte). 700 Meter und Stillstand vor der Arbeiterkammer.

Es waren dann doch zu viele Gegendemonstranten, die Polizei trennt beide Gruppen. Ein Standoff zeichnet sich ab. Zunächst skandieren die Pegidas noch recht stramme Parolen („Ihr seid so laut, wir haben Angst" und „Wir sind das Volk"), die Gegendemonstranten antworten („Nieder mit Pegida", „Alerta, alerta Antifascista"). Nach kurzer Zeit ist die Pegida-Demo eingekesselt.

Es sind gut 1.000 Menschen auf der Straße und sie haben nicht vor, den Spaziergang vorbei zu lassen. Schneebälle fliegen in die Pegida-Gruppe. Ein kleines Scharmützel versucht sich zu entzünden, Urheber ist ein glatzköpfiger Pegida-Anhänger—er wird festgenommen. Es war die einzige Festnahme am Sonntag.
Der Standoff dauert an, nichts bewegt sich.

Die Pegida stimmt einige Lieder an: zuerst eine wirklich schlecht gesungene Nationalhymne, dann zu meiner Überraschung das Vater unser. Ich nutze die Zeit und spreche mit ein paar der Anwesenden. Mit dabei war Ludwig Reinthaler, der mehrfach wegen rechter Umtriebe verurteilte Gründer der Welser Stadtpartei „die Bunten", der zuvor unter anderem mit einem Gedicht auf die Judenvernichtung angespielt hat.

Nach einiger Zeit spricht mich eine ältere Dame (Jahrgang 1943) an, da sie merkt, dass ich gezielt Fragen stelle und Notizen mache. Sie will mir ihre Meinung sagen. „Das ist ein Affentheater, was da passieren darf", sagt sie. Zunächst dachte ich, sie meint die Pegida. Aber sie stellt richtig: "Es sind einfach zu viele Ausländer da und Asylanten, Kosovaren, Bosnier und Türken, das geht alles zu Lasten der Steuerzahler." Sie selbst erzählt mir, dass sie aus einer Flüchtlingsfamilie stammt, die nach Kriegende aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich gekommen ist. Ich frage sie, ob sie denn nicht froh war, dass sie in Österreich aufgenommen wurde, worauf sie entrüstet sagt: „Sie, wir waren Österreicher! Wir haben Österreich aufgebaut! Mein Vater hat in den Göring-Werken Waffen erzeugt."

Als nächstes unterhalte ich mich mit einem Mann aus Wels, der gerade an einem Buch gegen den Islam schreibt. Er nennt sich selbst neutral, aber „gegen die Islamisierung, die global stattfindet". Sein Buch wird Die Islamisierung Europas heißen, erzählt er weiter und die Hauptaussage soll sein, dass der Islam eine sehr große Gefahr für die Demokratie ist. Er begeistert mich mit der Begründung dieser Aussage: „Die Moslems dürfen unsere Frauen sexuell benützen und wir dürfen ihre nicht mal anschauen. Ich will hier gleiche Rechte für alle." Wrong on so many levels.
Zwischen den Blöcken geht merklich der Elan verloren. Es ist wirklich saukalt.
Es fliegen einige Schneebälle und leere Plastikflaschen auf die Pegida-Gruppe, die sich teilweise im Jogging-Schritt entfernt.

Sonst gibt es aber nicht mal Rempeleien. Am Bahnhof dann die Trennung: Pegida drinnen, die andern draußen. Kurz darauf erfolgt die offizielle Absage. Einige Hooligans bitten die Polizei, durch den Korridor der Exekutive zu den rechten Demonstranten im Bahnhof vorgelassen zu werden. Ein Polizist zuckt daraufhin nur mit den Achseln und meint: „Leider—da müsst ihr schon durch die Menge gehen. Hier darf keiner durch."

Korrektur 10. Februar 2015: In einer älteren Version des Artikels wurde erwähnt, dass unser Autor von den Demonstranten erfuhr, Manfred Pühringer wäre vermummt vor Ort gewesen. Herr Pühringer weist darauf hin, dass er zu diesem Zeitpunkt mit „der Familie bei der Familienvorstellung des Linzer Eiszaubers war und nicht an der Demonstration teilgenommen" hat.