Besser Wohnen

Die Zukunft des Wohnens ist aus Stroh und Lehm

Abfall ist eines unserer größten Probleme. Eine Gruppe von Architekten an der TU Wien hat deshalb jetzt ein Wohnprojekt entwickelt, das uns wieder mit der Natur versöhnen soll.

von Anna Luther
17 Juli 2018, 4:00am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Vivihouse

Dass junge Menschen keine politikverdrossenen Pessimistinnen und Pessimisten sind, die sich aus Frust ins Internet flüchten, sollte sich mittlerweile hoffentlich herumgesprochen haben. Falls nicht, hier ein paar Beispiele zur Auffrischung: Zwei junge Typen reisen seit 2016 mit ihrem Open Piano for Refugees durch ganz Österreich und stellen das Klavier in Einkaufspassagen auf, um Integration zu fördern. Ein junges Team aus Deutschland bringt fair produzierte Computermäuse auf den Markt und setzt so ein Statement für menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Und die Nobelpreisträgerin Toni Morrison bemerkte im Zuge von "Black Lives Matter", dass sich ihre Studierenden in den USA mehr denn je politisch engagieren und "Aktivismus nicht als Hobby" sehen.

Ein weiteres Beispiel findet man gerade auf der TU Wien: Hier gibt es vier Menschen, die gemeinsam an einer neuen Form des Wohnens arbeiten und dabei unser Zusammenleben umweltfreundlicher machen wollen. Paul Adrian Schulz, Nikolas Kichler und Mikka Fürst gehören zum Team von Vivihouse. Der Kern ihrer Idee: Ein Selbstbau-System aus Holz, Stroh, Kalk, Lehm und Knotenpunkten aus Stahl zu entwerfen – mit dem Ziel, sich auch in Sachen Wohnen sozialen und ökologischen Herausforderungen zu stellen und in seinem Zuhause gesund und verantwortlich zu leben, wie es auf der Webseite des Projekts heißt.


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Das Dämm-Material Stroh ist bei Vivihouse ziemlich wichtig: Das Stroh-Potenzial ist nämlich nicht nur quasi unerschöpflich und schlägt das oft in Form von Poysterol-Platten verwendete Styropor auch im Hinblick auf seine Nachhaltigkeit. Styropor besteht im Vergleich dazu großteils aus aufgeschäumtem Erdöl.

Vivihouse präsentiert sich als Pionierprojekt, das die Umwelt schonen und die Gemeinschaft fördern will. Und wenn es nicht mehr gefällt, kann man das Teil auch einfach wieder abreißen und auf den Misthaufen werfen. Nach Zerlegung der Einzelteile ist alles bis auf die Schrauben biologisch abbaubar.

Das Haus ist also eine Mischung aus Nomadenzelt und einem Wohncontainer, allerdings als ökologische Special-Edition mit Social Impact.

Die Vision hinter Vivihouse geht aber weit über den Klimaschutz hinaus. Das Baukastensystem aus Einzelteilen ermöglicht es Gruppen, ein Haus ganz nach eigenen Wünschen und Vorstellungen zu customizen. "Eine derartige Wahlfreiheit öffnet die Möglichkeiten zu eigenverantwortlichem Handeln", sagt Mikka. Das Haus ist also eine Mischung aus Nomadenzelt und einem Wohncontainer, allerdings als ökologische Special-Edition mit Social Impact.

Im Gegensatz zu vielen anderen modernen Projekten im Selbstbau kann ein Vivihouse aus mehreren Geschoßen bestehen. Damit passt das Projekt nicht nur aufs Land, sondern auch in die Großstadt. Allerdings bedeutet das mehr Papierkram: "Wir müssen uns all den rechtlichen und konstruktiven Implikationen stellen: Von der Statik, über die Brandschutzanforderungen bis zum Fluchtweg, die da mit jedem weiteren Geschoß fast exponentiell strenger und aufwändiger werden", erklärt Nikolas.

Und das vielleicht Überraschendste an dem Projekt: Paul, Nikolas und Mikka werden damit sogar ernst genommen. Zumindest vom Klima- und Energiefonds, den der Staat Österreich mit Steuergeldern finanziert. Der Fonds fördert das Forschungsprojekt der TU Wien und liefert umgekehrt auch Expertise für die Entwickler. "Im Team gibt es einen Statiker, einen Bauphysiker, einen Haustechniker und Berater des österreichischen Netzwerks für Strohballenbau", erklärt Paul im Gespräch mit VICE. Auch eine Firma, die seit Jahren Systeme aus modularen Elementen produziert, berät das Team. Sie haben unter anderem die temporäre neue Heimat des österreichischen Parlaments am Wiener Heldenplatz aufgebaut.

Damit Vivihouse nicht nur ein idealistisches, aber unbekanntes Ding bleibt, tourt das Haus von Herbst 2018 bis Sommer 2019 auch durch Österreich. "Der Prototyp fährt mit LKWs in vier Landeshauptstädte und wird mit seinen Einzelteilen und dem Skelett auf- und abgebaut. Die Teile werden nach Graz, Innsbruck, Linz und Wien gefahren und dort für einige Tage aufgebaut, um sie der breiten Bevölkerung bekannt zu machen", erzählt Paul.

"Man braucht nur viele Menschen, die das aus Überzeugung machen, weil es verdammt viel Arbeit ist."

Das Projekt erinnert ein wenig an das heraufbeschworene Gemeinschaftsgefühl in der Planwirtschaft der DDR, wo jeder an jeden denken soll, weil es schließlich um einen gemeinsamen Traum geht. "Man braucht nur viele Menschen, die das aus Überzeugung machen, weil es verdammt viel Arbeit ist", meint auch Carmen Oberwalder, die als Studentin der TU Wien beim Workshop von Vivihouse dabei war.

Das kleine Wort "nur" in diesem Satz könnte gleichzeitig die größte Herausforderung für das Gelingen des Projekts sein. Ein Vivihouse erfordert Zusammenarbeit. Das bietet zum einen bestimmt viele Chancen für Selbstverwirklichung und Community-Building. Auf der anderen Seite ist Selbstorganisation auch ein riesiges Hindernis für die Durchführbarkeit des Projekts

Auch für Bernd Kniess von Urban Design der HafenCity Universität Hamburg sind bei Vivihouse noch einige Fragen offen: Wie organisiere ich eine Gemeinschaft, damit sie einen Baukomplex bauen kann? Wer ist die Zielgruppe? Ist es ein Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose? Dabei verbraucht der eigene Schweiß auch Ressourcen, egal wer sich letztendlich an den Selbstbau wagt. "Die Zeit der Eigenarbeit muss monetär in die Kalkulation miteinbezogen werden", ist Kniess überzeugt.

Andrea Schaffar fällt es leichter, sich Menschen im Selbstbau vorzustellen. Die Kommunikations- und Sozialwissenschaftlerin forschte bereits zu Wohnprojekten in Wien und kennt die Schwierigkeiten bei der Beteiligung am Wohnbau. Oft sei "schlicht keine Zeit und kein Geld vorhanden", um auf die echten Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner einzugehen. Vivihouse nennt sie im Vergleich zu klassischen Wiener Wohnbauten "unkonventionell" und lobt den Einbezug der Bewohnerinnen und Bewohner.

Breite Bevölkerungsschichten mit Spachtel und Bohrer zu sehen, hält aber sie für unwahrscheinlich. "Was es dafür braucht – und daran hakt es oft in dem Bereich – sind Menschen, die sich partizipativ begleiten können. Es gibt inzwischen immer mehr Personen, aber da wäre noch genügend Luft nach oben."

Eine dieser Personen ist Diego Fischer vom Verband für unabhängige Energieerzeuger. Mit dem Selbstbau von Photovoltaikanlagen will der Verband die Energiewende in der Schweiz weiter pushen. Vivihouse findet er "äußerst spannend" und sieht außerdem viele Gemeinsamkeiten zu seiner eigenen Bewegung. Besonders freut es ihn, dass solche Projekte gesellschaftliche Fragen wie "den Sinn und Unsinn der Spezialisierung und Arbeitsteilung" aufwerfen, wie er sagt. Gleichzeitig kennt er aber auch die Probleme, die mit solchen Vorhaben einhergehen, aus eigener Erfahrung sehr gut.

Auch für den Wiener Architektur- und Stadt-Forscher Robert Temel ist das Forschungsprojekt der TU "sehr wichtig und hilfreich" – einerseits, um an Gewissheiten anzuecken und andererseits, um etwas schlauer zu werden. Er hält es für möglich, dass eine intelligente Kombination verschiedener Selbstbauvorhaben in Zukunft völlig neue Wohnbautypen ermöglichen könnte – mit Einfluss auf den ganzen Wohnbausektor. "Ich bin sicher, dass es da mittelfristig großes Innovationspotenzial gibt, das nicht nur darin liegt, dass möglichst alles automatisiert wird, sondern auch mehr Selbstermächtigung der 'Enduser' erlaubt", sagt er im Gespräch mit VICE.

Leute wie die Architekten von Vivihouse wären also nicht nur auf der technischen Seite gefragt, sondern auch, damit sich Selbstbauer nicht alleine fühlen – und mit dem eigenen Werk auch mal irgendwo ein wenig angeben können. Auch das Team ist sich im Klaren, dass gewöhnliche Menschen nicht über Nacht ohne Anweisung am Bau arbeiten. "Was zu schwer ist und wo auch sehr viel Verantwortung gefragt ist, wird von Bauprofis erledigt", erklärt Paul. "Beispielsweise übernimmt eine Zimmerei die Statik eines Gebäudes."

Wie man das Ding auch dreht, eines muss man dem Team hinter Vivihouse lassen: Ihr Wohnkonzept bietet der Gesellschaft eine innovative Idee an, die eine völlig neue Gruppe von Hausbauerinnen und Hausbauern anziehen könnte. Vor allem abseits der Stadtzentren dürfte die junge neue Mittelschicht, deren Löhne in den letzten Jahren nicht gestiegen sind, Interesse an einer günstigen Alternative zum klassischen Hausbau haben.

Nachhaltig gedacht ist das Projekt also auf jeden Fall; wie nachhaltig es sich auch in der Praxis durchsetzt, wird die Zukunft zeigen. Wenn schon nicht als Leidenschaftsprojekt für mutige Selbstbauer und Selbstbauerinnen, könnte es zumindest von der Politik als Vorzeigemodell für nächste Wohnbauprojekte aufgegriffen werden. Das alleine wäre schon ein ziemlicher Erfolg für die Umwelt, um die es am Ende schließlich gehen sollte.

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