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Kultur

„Ihr werdet noch bereuen, uns Deutsch beigebracht zu haben!“

Der Verlag Proll Positions, der sich nach unbestätigten Augenzeugenberichten im Jänner mit den Worten „zündet den Scheiß an“ selbst aus der Sezession geschmissen hat, meldet sich zurück.

von Barry-Kate Hamster
17 September 2014, 6:00am

Foto von Katarina Balgavy

Der Verlag Proll Positions, der sich nach unbestätigten Augenzeugenberichten im Jänner mit den Worten „zündet den Scheiß an“ selbst aus der Sezession geschmissen hat, hat wieder jemanden gefunden, der auch an Visionen leidet und ihm 44 leere Bücher finanziert. Wie wir später erfahren werden, ist das aber auch nötig für den Fall, dass die ISIS ein Kalifat Ottakring errichten will.

Der neue Publikationsschub des Verlegers Fahim Amir setzt sich mit dem Thema Migration auseinander. Er hat 44 Expertinnen des Themas (nein nicht seine unzähligen Cousins und Cousinen für die er sich so eine Aufenthaltsgenehmigung erschleichen will), sondern wie er uns in Folge darlegt, ausgekochte und ungewaschene Expertinnen aus der Spielhölle von nebenan, dem Burgtheater, der Untersuchungshaftzelle der Josefstadt, dem Klo der Grellen Forelle, dem 21er Haus, der Garage X, der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung, der Fm4-Redaktion um unmögliche Buchtitel gebeten. Präsentiert werden die Bücher diesen Donnerstag im Rahmen einer destruktiven Party „Edition 44mm: Millions of Migrations“ mit Acts wie Austrian Apparel in der Künstlerhauspassage.

Puber: „Warum sagt ihr Arschlöcher nicht Danke, dass wegen mir eure Mieten nicht steigen.“

Im Verlagsprogramm finden sich langerwartete Zukunftsstandardwerke von Autoren wie Puber, der mit dem Titel Mein Kampf glänzt. Es handelt sich eine Auseinandersetzung mit dem alles verschlingenden Monster Gentrifizierung und neo-bürgerlichem Schönheitsverständnis: Es geht um Neos-Wählerinnen und Biosupermarkt-KundInnen, die sich einen abheulen, wenn sie bei der Unterzeichnung eines Mietvertrags einen Einkommensnachweis bringen müssen, aber denen gleichzeitig weiß-gelber Schaum aus einer der oberen Körperöffnungen tropft, wenn sie auf ihrem Nachhauseweg nicht-schöne Graffitis ansehen müssen. Aus diesem Grund trägt Pubers Buch Mein Kampf auch den Zusatz „Gegen Mietpreiserhöhung und Spießertum“.

„Haben sie etwas gegen Deutsch? Nichts, das hilft.“

Ali M. Abdullah, seines Zeichens Ko-Leiter des Wiener Theaters Garage X, hat einen einprägsamen Titel für seine Autobiografie gefunden: Katholikinnen blasen besser. Der autobiographische Roman ist eine brutale Beschreibung des übersättigten Kunst- und Kulturbetriebs, des Politik- und Medienzirkus mit teilweise entlarvenden Korruptionsmechanismen und eine große Abrechnung mit der eigenen selbstgefälligen Zunft—ohne Eigenschonung. Allein die Vorstellung, was im Kopf eines Ubahn-Express-Lesers vorgeht, wenn er sieht, wie ein Mensch ein Buch mit diesem Autorennamen und Titel aus der Tasche zieht, ist ein Kopfkino, das mir einen wohligen Schauer über den Körper gleiten lässt. Das Vorwort stammt aus der Feder des renommierten und gefürchteten Theaterkritikers Wolfgang Kralicek.

Dena N. ist als Facebook-Haiku-Autorin nicht nur Eingeweihten ein Begriff. Sie hatte die Idee zu ihrem Buch Die Leiden des jungen Dragen schon eine Weile mit sich herumgetragen bevor sie mit Proll Positions den richtigen Verlag fand. Es handle sich um einen Coming of Age Roman, der sich nicht gewaschen hat und die Lebensrealität von OTK illustriert. Ein anderes, bislang ungeborenes, Kind ist Natascha Khakpours Buch „Deutsch lernen: Zwischen Blutrausch und Vorhofflimmern. Ein Reisebericht“. Als kleines Kind fragte sie einmal einen Wiener Würstelstandbetreiber aus gegebenem Anlass, ob er denn etwas gegen Ausländer habe: „Nichts, was hilft“, war die Antwort, die Khakpour verstört zurückließ, und die jetzt in veränderter Form die amtlich deutschsprachigen Provinzen heimsucht.

Auch sehr empfehlenswert die zivilisationstheoretischen Fallstudien zur heiligen Dreifaltigkeit Austriaca—Mozartkugel, Hundstrümmerl und Kruzitürken—des Philosophen Hakan Gürses, die in seinem Buch Integration ist auch keine Lösung: Die geschlossene Gesellschaft und ihre Freunde enthalten sind. Oder Nadia Bahas Buch Freiheit statt Freizeit, das ein Bild unserer Gegenwart und der Zukunft Afghanistans entwirft, wenn es sich von der ehemaligen Hippie-Utopie über die gegenwärtige Dystopie der westlichen Welt vielleicht wieder zu etwas anderem verändert hat.

Chantal Charias Don´t piss in my pocket and tell me it´s raining enthält die gesammelten Hasspredigten einer atheistischen Muslima aus Ottakring. Hier geht es darum, wie man links sein kann, ohne sich von seinem muslimischen Kontext zu entsolidarisieren: Marxisten, Hipster und Islamisten aufgepasst: Wo diese Frau hinspuckt, wächst kein Bart oder Bärtchen mehr.

Fanny Müller-Ury, die dieses Jahr beim Madelbaum-Verlag ein Buch zu antimuslimischem Rassismus geschrieben hat, legt für Proll Positions mit einer praktischen Kritik nach Rassisten da abholen, wo sie stehen? Am besten mit dem Baseballschläger. Während Vermehrt Schiaches von Ali Bi den guten Geschmack als Hauptfeind ausmacht, begeben sich Ole Weinreich und Mahdi Rahimi in Alles über Deutschland auf Spurensuche: Seit sie sich vor vielen Jahren am al-Quds-Tag an einer koscheren Currywurstbude kennen gelernt haben, arbeiten die beiden gemeinsam an der Verständigung ihrer Völker. Ihre Bemühungen scheiterten bis jetzt auf ganzer Linie, weswegen es an der Zeit war, ihre Erinnerungen an die gemeinsame Reise aufzuschreiben.

Haben wir es schon erwähnt? Die Proll Positions Bücher sind leer. Wie viel wir über leere Bücher schreiben können? Sehr viel, weil sie sollten nicht leer sein. Sie sind leer, weil diese Welt ein kapitalistischer Auswurf, ein korrupter Haufen Scheisse, direkt aus dem Arschloch eines hundertköpfigen Monsters ist. Damit findet sich Proll Positions aber nicht ab und nimmt den Kampf mit einem eigenen tausendköpfigen Monster auf, das sich der Einfachheit halber Verlag nennt.

Es werden keine falsche Versprechungen gemacht, geschrieben müssten die Bücher immer noch werden. Aber Dank der verpflichtenden Bibliotheksabgabe aller in Österreich erscheinenden Bücher, hilft der österreichische Staat dabei: Ein paar Exemplare werden noch in einigen Jahren als zu schreibende Flaschenpost in der Nationalbibliothek lagern. Das Aufzwingen des publizistischen Möglichkeitsraums wird am Donnerstag mit einer Party im Takt von 33 1/3 Revolutions per Minute begossen und begrillt.

Donnerstag, 18. September 2014, 20 Uhr: Proll Positions Präsentationsparty

20 Uhr: The Book is on the Table: GRILL & SPILL mit Musikprogramm von Sebastian Schlachter-Delgado und Grillprogramm von Generalissima of the Food Front Parvin Razavi

ab 22 Uhr: Party DRINK & BLINK mit Häfn & GVBBV (Wien / Vihanna), fontarrian (ANTIME, RDMH / Graz, AT) live!, Cher Monsieur (wupwup, bohemian drips), Austrian Apparel + Derek Roberts live!, RANAH GEIST a.k.a. Fauna (moun10)