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Alle wussten, dass der Todesschütze von Ferguson nicht vor Gericht kommen würde

Darren Wilson hat Michael Brown erschossen und bleibt ungestraft. Das ist kein Fehler im System, sondern eine inhärente Eigenschaft desselben.

von Molly Crabapple
27 November 2014, 7:20am

Brennendes Auto in Ferguson. Foto von VICE News

Hunderte Menschen versammelten sich auf dem ​Union Square und warteten auf die Entscheidung darüber, ob Darren Wilson dafür angeklagt werden würde, dass er Michael Brown erschossen hat. Die meisten hatten schon eine Ahnung. Sie lagen richtig. Außerdem waren sie wütend.

Demonstranten marschierten zwischen Kiosk-Ständen hindurch und riefen „NYPD! KKK! How Many Kids Did You Kill Today?" („Polizisten von New York! Ku-Klux-Klan! Wie viele Kinder habt ihr heute schon umgebracht?") Junge Leute warfen ihre Arme aus Solidarität mit denen, die von der Polizei ermordet worden waren, in die Luft. Ein Mann hielt ein Schild mit folgender Aufschrift hoch: „The law is meant to be my servant and not my master, still less my torturer and my murderer." („Das Gesetz sollte mir dienen und nicht über mich herrschen. Es sollte mich nicht foltern und mich nicht umbringen.") Noch nie passte ein Zitat von ​James Bal​d​win besser, auch wenn es sich im Moment nur um einen frommen Wunsch handelt.

Ihr wisst natürlich bereits, dass Darren Wilson nicht angeklagt wird. Wir alle wussten, dass das passiert.

In Amerika ist das Rechtssystem alles andere als gerecht. Gerichte sind wie Fabriken, über die (hauptsächlich dunkelhäutige) Menschen eingesperrt werden. Die Polizei versorgt die Gerichte mit Menschen und wenn sie diese Menschen bei der Festnahme manchmal umbringt, dann ist das kaum der Rede wert. Und obwohl Polizistenviele Menschen umbringen—in Utah sind Polizeischießereien der ​zweithäufigste Gru​nd von Tötungsdelikten—werden sie nur selten dafür bestraft. Von den Kollegen, die Berichte schreiben und zugunsten der Mörder aussagen bis zu den Staatsanwälten, die fest entschlossen zu sein scheinen, die Mörder davonkommen zu lassen, beschützt das System die Polizei statt sie zu überwachen. Polizisten töten Menschen. Sie kommen damit davon. Sie töten wieder. Irgendwann begreift man, dass diese Vorgänge kein Fehler im System sind, sondern inhärenter Teil desselben.

Als die Grand Jury in Ferguson sich dagegen entschied, Darren Wilson anzuklagen, hat sie damit nicht gesagt, dass Wilson unschuldig sei. Es war etwas viel Schlimmeres: Der Tod eines jungen Schwarzen war so unbedeutend, dass es sich gar nicht lohnte, einen Prozess zu eröffnen.

In seiner ​Aussage vor der Gra​nd Jury hat sich Wilson als theatralischer Rassist gezeigt, der aus Angst vor schwarzer Haut nur so zitterte. Seine Worte zeichneten eine Birth of a Nation-Karikatur von Brown als einem Tier mit dem Gesicht eines „Dämons", das durch einen Kugelhagel hindurchstürmen kann. Obwohl ​Wils​on 1,93m groß ist und 95kg wiegt, sagte er aus: „Als ich Brown packte, fühlte ich mich wie ein 5-Jähriger, der sich an Hulk Hogan festhält. Anders kann ich es nicht beschreiben." Er behauptete außerdem, dass Brown ihm einen so heftigen Schlag verpasst hatte, dass er Angst hatte, dass ein weiterer Schlag hätte „tödlich" sein können. Die Fotos, die im Krankenhaus von Wilson aufgenommen wurden, zeigen allerdings kaum mehr als eine gerötete Wange.

Wilson beschrieb den Tod eines anderen menschlichen Wesens folgendermaßen: „Als die Kugel ihn traf, verschwand jeglicher Ausdruck aus seinem Gesicht, die Aggression war weg."

Es ist auch nicht gerade so, dass Wilson schrecklich leidet, seit er den Abzug betätigt hat. Seit dem 9. August hat er bezahlten Urlaub und „Shield of Hope", der Wohltätigkeitsverband innerhalb der Polizeigewerkschaft, hat umgerechnet knapp ​160.0​00 Euro für Anwalts- und Gerichtskosten gesammelt. Nicht, dass er einen Anwalt gebraucht hätte. Er hat ​gehei​ratet. VIP-Journalisten wie ​Anderson Coo​per haben ihn mit geheimen Treffen gelockt. In den kommenden Wochen werden die Moderatoren von rechten Talkshows sich mit Sicherheit die Finger nach ihm lecken, genauso wie das bei ​George Z​immerman der Fall war. Gut ausgeleuchtet wird Wilson dann auf ihren Sofas sitzen und davon erzählen, wie mutig er war, als er den schwarzen Teenager erschoss. Die Moderatoren werden ihn als rechtschaffenen weißen Mann darstellen, der die weiße Ordnung aufrechterhält. Die Rassisten im Publikum werden klatschen.

Für viele Menschen ist Ferguson bloß ein weiterer Zwischenfall, der im Fernsehen gezeigt wurde. Doch je näher man herangeht, desto realer, desto furchtbarer werden die Schießerei und ihre Nachwehen.

Als sie von der Entscheidung der Grand Jury erfuhr, war Leslie McSpadden, ​Brow​ns Mutter, außer sich. „Alle verlangen von mir, ruhig zu bleiben. Wissen sie denn, wie diese Kugeln meinen Sohn getroffen haben?", schrie sie die Umstehenden an, während sie Tränen unterdrückte. „Wissen sie denn, was die Kugeln mit seinem Körper angerichtet haben?"

Am 22. November interviewte Michael Smerconish von CNN den Ferguson-Livestreamer Bassem Masri. Smerconish, dessen Selbstgefälligkeit aufgrund der ihm vom Sender verliehen Autorität kaum zu übersehen war, leierte seinen Text herunter, während Masri immer wütender wurde. Schließlich rief Masri: „Auf den Straßen ist Blut vergossen worden und Sie hängen sich hier an Worten auf!"

Smerconish legte in seiner herablassenden Art noch einen drauf: „Wieso halten wir nicht alle inne und lassen den Dingen ihren Lauf? Sobald die von den Geschworenen ausgewerteten Beweise online gestellt werden, können wir uns beruhigen, die Beweise selbst auswerten und dann unsere nächsten Schritte planen." Für den weißen, wohlhabenden Smerconish war das alles nur Theorie.

„Sie können unserer Gemeinschaft nicht vorschreiben, wie sie reagieren soll", antwortete Masri.

Nachdem der Staatsanwalt das Urteil verkündet hatte, breiteten sich auf Fergusons Straßen Wolken aus Tränengas aus. Demonstranten steckten Polizeiautos in Brand. Geschäfte wurden geplündert, obwohl einige Demonstranten versuchten, das zu verhindern. In New York blockierten Demonstranten drei Brücken und jemand spritzte den Polizeibeamten Bill Bratton mit künstlichem Blut voll. In ​Chi​cago veranstalteten junge Aktivisten ein Sit-In vor dem Rathaus. Für heute Abend sind noch mehr Aktionen im ganzen Land geplant. Wenn Demonstranten sich irgendetwas zu schulden kommen lassen, zum Beispiel mit Flaschen werfen, werden die Menschen, die sich niemals Gedanken darüber werden machen müssen, von einem Vertreter des Staates umgebracht zu werden, wieder spötteln und zu „Geduld" aufrufen.

In der Zwischenzeit wird die Polizei weiterhin Menschen umbringen. In Cleveland erschossen Polizisten den 12-jährigen ​Tamir ​Rice, weil er auf einem Spielplatz mit einer Spielzeugpistole spielte. In New York erschoss der Polizeibeamte ​Pe​ter Liang Akai Gurley, während dieser mit seiner Freundin eine Treppe in ihrem Wohnblock herunterging. Jeder Waffenbesitzer weiß, dass man seine Waffe nur auf jemanden richtet, den man auch umbringen möchte, doch Liang behauptet, dass es eine Unfall gewesen sei. Er spazierte einfach so mit einer gezogenen, enstsicherten Waffe durch schlecht beleuchtete Treppenhäuser, den Finger am Abzug.

Vielleicht wird sich das alles irgendwann ändern. Vielleicht werden die dunkelhäutigen jungen Menschen, die jetzt in den Straßen von New York, Ferguson und Oakland demonstrieren, eine Veränderung erzwingen, das System von innen heraus auseinandernehmen. Wenn jemandem das gelingen kann, dann ihnen. Sie sind zu scharfsichtig, um zugunsten von Mördern manipulierte Gerichtsverfahren hinzunehmen. Sie glauben auch nicht, dass die Antwort der Opfer nur ruhige Zurückhaltung sein darf.