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Ich war in Zürich im HipHop-Yoga und es war so gut, wie es klingt

Yoga war für mich verbunden mit Scheitern. Bewegung fand ich nur durch Technopartys oder fast verpassten ÖVs.

20 Jänner 2017, 4:07pm

Alle Fotos von Jojo Schulmeister

"Yoga ist einfach mega gut", "Ich mache noch Yoga zum Ausgleich", "Weisst du was dagegen hilft? Yoga!", "Seit ich Yoga mache, habe ich einfach viel mehr Energie", "Ich sollte wieder einmal ins Yoga gehen, danach geht es mir immer so gut", "Hey, probier doch mal Yoga!". Dass Yoga sich als fester Bestandteil des urbanen, modernen, aufgeschlossenen, healthy Lifestyle-führenden Yuppies etabliert hat, ist nicht erst seit gestern so. Mittlerweile höre ich aber schon länger auch alle anderen Freunde in meinem Umfeld solche Sätze posaunen. Das gab mir den Eindruck, dass Yoga ohne Diskussion ein grosser Trend ist, aber im Gegensatz zu anderen Trends vielleicht ja wirklich gut tut. Beflügelt vom Restoptimisus eines vielleicht wirklich umsetzbaren"New Year, new me"-Vorsatzes, kam mir eine Veranstaltung, die ich vor einigen Wochen in meinem Newsfeed entdeckte, ganz gelegen: HipHop-Yoga.

Yoga gab ich zwar schon in der Vergangenheit eine Chance, scheiterte aber an mangelnder Selbstdisziplin. Die Ergänzung "HipHop" aber schnappte mein musikbegeistertes Gehirn an der Hand und mein Herz bouncte gleich ein bisschen höher. Das muss ich ausprobieren! Nachdem etwa fünf Freunde mein Interesse an dieser Veranstaltung mit einem Like markierten, wurde mir bewusst, dass diese Kombo wohl grossen Anklang findet—oder meine Freunde froh sind, dass ich mich entschieden habe, es auch ausserhalb von Technopartys oder dem Nachrennen von öffentlichen Verkehrsmitteln mit Bewegung zu versuchen.

Goldiss ihre Socken sind Dope.

Gestresst, frierend und mit durchnässten Füssen komme ich nach einer in den Matsch gefallenen Strassenumfrage im "Enfant Terrible" im Zürcher Kreis 3 an. Fest davon überzeugt, das Universum habe sich auf bösartige und gezielte Weise gegen mich verschworen. Genervt und schlecht gelaunt werde ich im Kerzenambiente von Goldiss begrüsst, Yogalehrerin und Sonnenschein von Beruf. Meine Füsse an ihrer warmen Art enteist, setze ich mich in die Ecke. Der Keller der HipHop-Bar "Enfant Terrible" wurde in ein provisorisches Yogistudio verwandelt. "Close your eyes. Relax." Mit einem Wutknäuel im Bauch gar nicht so einfach, denke ich mir. "Feel your Body. Fill it up with air", gibt uns Goldiss mit breitem US-Akzent als Anweisung. So atme ich, atme wie schon lange nicht mehr. Der Stress von vorhin scheint sich tatsächlich zu lösen.

Bis jetzt komme ich noch ganz gut mit.

Volle Konzentration.

Im Hintergrund fängt ein langsamer Beat an, unsere Pranayamas zu unterstreichen. Bis jetzt komme ich tatsächlich noch nach. Irgendwann beginnen wir in verschiedene Yoga-Positionen überzugehen. Es scheint, als seien meine damaligen Yoga-Versuche gar nicht umsonst gewesen, denn ich kann diesen Übungen sogar folgen. Hingegen bin ich wohl die einzige, die mit ihren Händen nur knapp unter ihre Knie kommt, während alle um mich herum enthusiastisch dem Rhythmus folgen und sich biegen. Eigentlich warte ich heimlich auf Yoga-Bewegungen mit urbanen HipHop-Schritten. Nach einiger Zeit stelle ich aber enttäuscht fest, dass HipHop-Yoga gar keine Kombination aus Yoga-Positionen und HipHop-Tanzschritten ist, sondern das "HipHop" lediglich die Musik meint, welche uns im Hintergrund zu den Übungen begleitet. Dafür ist von Outkast bis Big Sean über Lance Butters alles vertreten, was das HipHop-Herz höher schlagen lässt. Goldiss hat einen guten und ausgewählten Geschmack und peitscht uns mit diesem durch Atemübungen und Yoga-Positionen.

Gebürtiger Bewegungslegastheniker beim Yoga, ich.

Ich strecke meine Arme zum Krieger aus, meinen Körper von der Kobra in den Hund und zurück in die Kinderposition. Als unser Fotograf mit seiner Kamera über meinen Verrenkungen steht, wird mir erst bewusst, dass mein verschwitztes, rotes Gesicht auf Noisey zu sehen sein wird. Nun, das habe ich mir wohl nicht überlegt, als ich die Idee hatte, das Ganze für euch auszuprobieren. Ich bemühe mich, gut und grazil in den Yoga-positionen auszusehen. Verwerfe das aber gleich wieder. Man soll sich der Seelengesundheit wegen schliesslich keine unerreichbaren Ziele stecken. Dass dieser Kurs nicht auf Anfänger zugeschnitten ist, merke ich, als der Wechsel zwischen den Positionen immer schneller wird und ich irgendwann kontinuierlich eineinhalb Positionen hinterherhinke. Während sich einige Matten vor mir ein junger Typ vom Handstand in den Schneidersitz positioniert, könnte ich dem sterbenden Schwan gute Konkurrenz bereiten. Goldiss versucht, meine Haltung zu verbessern, doch ich scheitere kläglich und kann meine Beine und den unteren Rücken einfach nicht in der Luft behalten. Verdammt, das kommt davon, wenn man mit zwölf zu cool fürs Acroballet wird, denke ich mir. Nach einem kurzen Konzentrationstief finde ich mit Lance Butters zusammen wieder zu meinem Ehrgeiz und hinke Goldiss brav nach. Auch wenn ich nicht so gut mitkomme und ich definitiv an meiner Kondition arbeiten muss, macht HipHop-Yoga Spass und befreit mich kurz aus dem Alltag. Beim Kursende kriegt Goldiss Probs in Form von Applaus. Sie bedankt sich und meint, dass sie sich freuen würde, wenn sie uns alle wieder einmal bei ihr sehen dürfe—und wir sie gerne auch auf der Strasse grüssen sollen, falls wir sie sehen.

Der Krieger.

Goldiss kam nämlich erst vor etwa eineinhalb Jahren nach Zürich. Sehr klassisch, wegen der Liebe. Nach der Yoga-Stunde erzählt sie mir, dass sie 34 ist, im Iran geboren wurde und mit zwei Jahren nach Kalifornien kam. Später zog ihre Familie nach Michigan. Dort begann sie mit 13 Jahren, mit den HipHop-Jungs rumzuhängen und sich so selbst für die Musik zu interessieren. Ihre erste Platte war ATliens von Outkast und Snoop Doggs erstes Album wiegte sie in den Schlaf. Zu Yoga fand sie später auf der Uni. Sie war immer ein totaler Sportmuffel gewesen, doch Yoga klang anders. Irgendwie fand sie Spass daran und als sie von Michigan zurück nach Kalifornien zog, lebte sie gegenüber von einem Yoga-Studio. Sie fing an, dort Kurse zu nehmen. Es sei sehr freestyle gewesen und habe einfach Spass gemacht. Sie hat dort ihr Yoga-Diplom absolviert und trainiert nun in fünf Yoga-Stilen. Hot Yoga, Vinhasa, Power Vinhasa, Yin Yoga, und eine Mischung aus Hot Yoga und Vinhasa. HipHop-Yoga fand seinen Ursprung in Kalifornien und die Leichtigkeit im Yoga brachte sie mit nach Zürich. Die Leute sollen sich befreit und leicht fühlen. Nicht alles und vor allem nicht sich selbst immer so ernst nehmen. Einfach Spass an der Bewegung und am Yoga an sich haben. Ihre andere Passion sind Kinder und so arbeitet Goldiss neben dem Yoga Vollzeit als Montessori-Kindergartenlehrerin. "Viele Leute denken, Yoga sei esoterisch und Hippiequatsch, doch ich kann mit beidem nicht viel anfangen."

Goldiss möchte neuen Wind in die Zürcher Yoga-Szene bringen.

Mit uns ist auch noch Luca ein bisschen länger im kerzenbeleuchteten Enfant Terrible geblieben. Luca, das ist der Typ mit den abgefahren Yoga-Skills. Ihn begeistere am HipHop-Yoga vor allem, dass durch das Element HipHop Leute daran Interesse finden, welche sonst nie mit Yoga in Berührung kommen würden. Es gäbe gewisse Altersklassen, vor allem junge Männer zwischen 16 und 25, welche Mühe hätten, sich Yoga zu öffnen. In der Tat hat auch mich der Sound ins "Enfant Terrible" gezogen und obwohl ich beim Yoga nicht immer nachkam und ich jetzt schon den Muskelkater in baldiger Nähe ahne, hat es Spass gemacht und den Kopf gelüftet.

Das ist der Typ, der im Handstand den Schneidersitz machen kann.

Ich, wesentlich gelassener als zu Beginn der Stunde.

Ich gehe zurück in die eisige Kälte. Meine Turnschuhe sind immer noch nass, mir ist gleich wieder kalt und die Strassenumfrage ist immer noch nicht abgeschlossen. Aber ich bin irgendwie gelassener. Ich mache Outkast an und stapfe mit pflatschenden Schritten Richtung Zug. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss: Zwei Tage später werde ich für fast eine Woche auf Antibiotika flachliegen. Gegen schlechtes Schuhwerk hilft wohl weder HipHop noch Yoga.

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