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Vice Blog

Warum auf Facebook niemand mehr private Einträge postet

Postings aus dem Privatleben wurden gegen politische Nachrichten, RIP-Postings und GIFs getauscht.

von Fredi Ferkova
16 Jänner 2016, 6:00am

Collage von VICE Media

Ich habe mein Facebook-Profil seit Ende 2010. Davor hatte ich auch eins, das dann aber meinem jungendlichen Wahn zum Opfer fiel und wieder gelöscht wurde. Damals war es OK, seine Profile zu löschen und einfach neue zu erstellen—zumindest in meiner damaligen Altersklasse. Soziale Medien waren mir vor Facebook auch nicht fremd—von Knuddels über Websingles bis hin zu Netlog und MySpace hatte ich auf jeder erdenklichen Plattform einen Account. Das Dasein als User war also lange vor Facebook da. Trotzdem kann ich mich an meine Anfänge mit Facebook besser erinnern, als an die Anfänge mit den anderen Plattformen.

Ich weiß noch, dass ich am Anfang überfordert war. MySpace habe ich genutzt, um meine musikalische Selbstdarstellung auszuleben. Knuddels war da, um meine unbeholfenen Flirt-Versuche mit anderen Minderjährigen zu starten. Netlog, um mich mittels „Fix Zena [sic]" von fremden Menschen bewerten zu lassen. All diese Plattformen hatten einen Themen- und Alters-Schwerpunkt. Ich weiß noch, dass ich sehr verwirrt darüber war, dass Facebook keinen offensichtlichen Schwerpunkt hatte.

Damals waren meine Facebook-„Freunde" noch meine wirklichen Freunde. Es waren vielleicht 20, nicht mehr. Meine Beiträge von damals lesen sich wie ein Tagebuch—die Highlights meines Alltags sind gut dokumentiert. „Mir ist faaaad" oder „Heute gehe ich mit XY saufen. YEAH!" sind Beiträge, die auf man auf meiner Wall finden konnte. Darunter haben Menschen, die mit mir täglich oder wöchentlich zu tun hatten, kommentiert.

Auch sie haben sich auf Facebook nicht anders verhalten. So wurde Facebook in meiner Blase genutzt—für Musik gab es ja MySpace, für das Flirten andere Plattformen und Facebook war damals eine private Info-Plattform für alle Freunde gleichzeitig. Quasi ein Massen-Chat, auf den niemand reagieren muss, aber jeder kann.

Mit der zunehmenden Popularität von Facebook stiegen auch die Nutzerzahlen. Und ehe man sich versah, hatte es eine Plattform geschafft, das Wort „Freunde" neu zu definieren. „Freunde" waren nun auch Uni-Kollegen, Arbeitskollegen, ehemalige Schulkollegen, Familie und weitere Menschen die eigentlich unter die Definition von „Bekannten" fallen.

Gleichzeitig fingen kurz vor 2010 Schulen, Eltern und Medien an, über die Gefahren und Tücken von Facebook zu berichten. Wem es nicht sowieso bereits wegen des erweiterten Freundeskreises auf Facebook nicht unangenehm war, privates Zeug zu posten, musste nur die Zeitung aufschlagen: Skandale rund um Datenweitergabe zierten oft die Titelseiten von U-Bahn-Zeitungen. Unser Bewusstsein für das Internet und unsere Daten wurde geschärft. Wir wurden alle ein bisschen vorsichtiger, aber auch ein bisschen ängstlicher.

Zusammen mit der Berichterstattung über diverse Daten-Skandale kam auch das interne Shaming dazu. „Tut-tut, hier kommt der Wayne-Zug und er fährt mit deiner Story nach Whateverest" waren nun Kommentare von richtigen Freunden auf den Status „Mir ist faaaad". Wer trotz der Nachrichten emotionale, betrunkene oder persönliche Postings wagte, wurde schnell als dümmliches Schäfchen abgestempelt.

Die öffentliche Meinung sickerte in unsere Hirn und manifestierte sich als ein Bewertungsprinzip. Wer von seiner Trennung postete, war ein bisschen blöd oder suchte nach Aufmerksamkeit. Der vermeintlich intelligente Mensch (und jeder, der sich dafür hielt) fing an, seine privaten Themen zu löschen, zu verstecken und änderte sein Posting-Verhalten.

Inzwischen sind wir alle zu kleinen Mini-Medien geworden, die nicht mehr einfach nur Dinge aus ihrem Privatleben posten wollen.

2013 hatte ein Facebook-User durchschnittlich 342 Freunde, wie eine Studie herausfand. Davon einige Familienmitglieder, Ex-Partner, Lehrpersonen, Arbeitskollegen. Noch nie war es einfacher, bei anderen Personen mit privaten Postings Fremdscham zu aktivieren. Spätestens damals haben wir uns wohl abgewöhnt, private Probleme von „Freunden" überhaupt noch lesen zu wollen. Den meisten ist es unangenehm und sie ignorieren den öffentlichen Ausbruch. Und man will ja selbst nicht unangenehm sein, oder gar aufmerksamkeitsbedürftig wirken.

Zusätzlich zu der weltweiten Expansion von Facebook und den ersten Datenschutz-Fragen und Skandalen, die die öffentliche Meinung formten, kam noch ein neuer Faktor hinzu—Facebook wurde eine Plattform für Unternehmen. Lustige Sprüche, die man als Seiten liken konnte, wichen schnell Firmen, Persönlichkeiten und Lokalen. Es war cool, zu zeigen, was man kauft, wen man hört und wo man fortgeht. Diese Informationsherausgabe halte ich persönlich für schlimmer, als ein trauriges Lied mit der Überschrift „dieses Arschloch". Die Gesellschaft nicht.

Als Facebook-User—egal, wie hoch der IQ ist—sucht man grundsätzlich nach Interaktion. Manche im Chat, manche im Feed, andere in Gruppen. Und ja—die meisten suchen auch nach Aufmerksamkeit, entweder sehr offensichtlich oder mittels Humble Brag. Wir haben nur ein anderes Verständnis wie vor 10 Jahren, wie man sich diese holt. Es ist absolut legitim, politische Diskussionen mit einem kontroversen Artikel zu triggern. Es ist OK, wenn Informationen oder Nachrichten geteilt werden—man ist ja intelligent und möchte seine neugewonnene Weisheit teilen (nicht zeigen, teilen, versteht sich).

MOTHERBOARD: Ich habe mich von einem Facebook-Profiling-Programm analysieren lassen

Inzwischen sind wir alle zu kleinen Mini-Medien geworden, die nicht mehr einfach nur Dinge aus ihrem Leben posten, sondern sich sehr genau überlegen, was Freunde und Friends interessieren könnte und womit wir als wichtig, interessant, intelligent und vor allem als relevant gesehen werden. GIFs und lustige Fotos sprechen uns schließlich alle an, Musik ist die Sprache aller Seelen und Veranstaltungen zeigen, wie umtriebig und gefragt wir sind (ganz abgesehen vom praktischen Nutzen für die Abendgestaltung).

Aber gleichzeitig werden unsere Profile damit immer mehr zu einer grauen Einheitsmasse. Der Satz „Das gehört nicht auf Facebook" fällt bei allen Gelegenheiten, für die Facebook eigentlich ursprünglich da war.

Man will ja Freunde aus dem Ausland am Laufenden halten—der veränderte Beziehungsstatus ist eigentlich am Laufenden halten. Warum wird er schnell gelöscht? Wieso habe ich keine mehr in meinem Feed? Wir behandeln unsere richtigen Freunde auf Facebook wie Bekannte. Jeder ist zum Publikum geworden—und das klatscht bei massentauglichen Postings eben mehr. Und um mehr geht es doch nicht, oder?

Natürlich kann man auch private Gruppen erstellen und Beiträge verstecken. Aber wer macht das tatsächlich noch? Freunde, die in konservativen Firmen arbeiten, posten lieber gar nichts oder sehr unpersönliches Zeug, bevor sie sich eine zu private Blöße geben. Freunde, die nicht mal arbeiten, haben Angst, dass ihr Facebook sie den noch nicht mal existierenden Job kosten könnte. Freunde die normal arbeiten, reihen ihre Postings in die Masse der unpersönlichen Massennachrichten. Das GIF könnte von Peter kommen, aber genauso auch von Lisa. Oder mir. Wir verwechseln, wer was gepostet oder doch nur bei einem Freund geliket hat.

Die Money Boy-Seite, oder auch die Nachdenkliche Sprüche mit Bilder-Seite könnten als eine Art Gegenbewegung gesehen werden. User kommentieren dort regelmäßig dümmsten Scheiß und haben Spaß auf der Plattform. Sie taggen ihre wahren Freunde und verlagern ihren Spielplatz von der eigenen Wall auf eine Seite. Und vor allem machen sie sich zu Idioten, sind peinlich, ehrlich oder einfach nur private Menschen. Klar, die Kommentare werden auch gespeichert und gescreenshottet und manchmal verirrt sich etwas von hier in den übrigen Teil von Facebook, wo es die Leute schlecht aussehen lassen könnte.

Ich habe diese Angst nicht. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass ich uninteressant bin. Sollten mich künftige Arbeitgeber mit meinem Internetverhalten konfrontieren, sage ich, dass ich das Internet eben verstehe und auch ein Teil davon bin. Ich will kein Zaungast sein, sondern partizipieren. So unwichtig ist das in der heutigen Arbeitswelt nicht.

Das GIF könnte von Peter kommen, aber genauso auch von Lisa. Oder mir. Wir verwechseln, wer was gepostet oder doch nur bei einem Freund geliket hat.

Gut, Geheimagent werde ich damit keiner mehr, aber was soll's. Ich weiß, dass mich ein paar Freunde aus ihrer Chronik ausblenden—dafür bin ich viel zu oft online und poste zu viel. Angeblich soll ich manchmal sogar peinlich sein. Auch OK. Ich stelle mich selbst dar, habe über 1000 Facebook-Freunde und habe Spaß mit der Seite.

Ich füttere täglich meine Scheiß-Drauf-Attitüde und lasse meinem Ärger und meiner Trauer auf meiner Wall manchmal freien Lauf. Bestimmt denken sich intellektuelle Menschen ihren Teil—aber für mich ist Facebook eben ein Spielplatz. Es ist mir egal. Manchmal lösche ich Sachen, manchmal lasse ich sie stehen. Meine Wall ist der schwache Abklatsch meiner impulsiven Persönlichkeit.

Es sind ein paar seltsame Heulerei-Postings von mir auf Facebook—wenn man mich in 30 Jahren bei meiner Präsidentschaftskandidatur damit konfrontiert, dann sage ich, dass ich eben in jungen Jahren noch Gefühle hatte. Es ist OK, zu leben. Und wir sind im Internet-Zeitalter. Lasst es uns bitte wieder zurückerobern—und zwar als Privatmenschen und nicht als Bots, die Events und Links posten.

Folgt Fredi auf Twitter und verpasst nie wieder ihren emotionalen Zustand: @schla_wienerin