Hier erzählen Leute von ihren schlimmsten Faschings-Abstürzen

"Dann kam die Feuerwehr, um mir die Handschellen aufzubohren."

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Feb. 8 2018, 12:50pm

Symbolfoto: Imago | Joker

Dieser Artikel ist zuerst bei VICE Deutschland erschienen.

Was in Österreich nur in Villach oder auf braunen Burschenschafter-Bällen funktioniert, ist in Deutschland ein beliebtes Massenphänomen: Der Fasching. Oder auf Deutsch: Karneval. Wenn um 11:11 Uhr an einem Donnerstag Millionen Menschen im Westen Deutschlands Alkohol trinken, dann beginnt dort nämlich der Kostüm-Ballermann.

"Der Karneval ist in den letzten Jahren – oder eher Jahrzehnten – zu etwas geworden, das eher einem allgemeinen Besäufnis entspricht als dem, was unsere Karnevalskultur ausmacht", fasste Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker vor einigen Tagen die jecken Tage zusammen. Das sehen viele Karnevalisten auch so: In einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage stimmten 46 Prozent der 1.500 Befragten zu, dass Karneval nur mit Alkohol funktioniere.

Und überall, wo sich kostümierte Menschen Klopfer, Bier oder Multivitamin-Mischungen in den Kopf schütten, wachen Menschen in Krankenhäusern, fremden Betten oder Hauseingängen auf. Dabei entstehen dumme, gefährliche und manchmal legendäre Geschichten. Hier sind fünf davon:

Michael, 25, verkleidet als Rugbyspieler: "Keine Ahnung, ob die Person eine Frau oder ein Mann war, die meinen Pimmel im Mund hatte."

Symbolfoto: Imago | Geisser

"Wir haben in der Weiberfastnacht um 8 Uhr morgens angefangen zu trinken und ich sollte mich um 13 Uhr mitten im Getümmel vom Kölner Heumarkt mit meinem Freund Andi treffen. Ich musste noch acht Minuten auf die Bahn warten, in der er sein sollte, da sprach mich ein verkleideter Kartoffelsack an. Ich kann nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war, da ich nur zwei Augen durch die Schlitze im Sack erkennen konnte. Die Person war 1,50 Meter groß, relativ dick und hätte von der Stimme her beides sein können.

Das Wesen fasste meinen Oberarm an, die Hände sahen männlich aus, die Fingernägel waren lackiert. Der Kartoffelsack fragte mich, ob ich Sport mache. Als ich nickte, fragte er nur, ob wir uns nicht ein ruhigeres Plätzchen suchen wollen. Ich ging hinter ihm her in eine bekannte Straße, wo lauter Schwulenbars sind. In einem Hauseingang fragte der Kartoffelsack, ob wir nicht ficken wollen. Ich erklärte ihm, dass ich nur acht Minuten Zeit hätte. Also zog die Person die Hose meines Rugby-Kostüms herunter und blies mir einen. Während der Kartoffelsack vor mir hockte, liefen dauernd Menschen vorbei, denen ich nur das Peace-Zeichen zeigte.

Acht Minuten später stand ich pünktlich an der Bahnstation, um Andi abzuholen. Ich bin eigentlich hetero. Bis heute habe ich keine Ahnung, ob die Person eine Frau oder ein Mann war, die meinen Pimmel im Mund hatte."

Sebastian, 25, verkleidet als Pirat: "Am nächsten Tag befand ich mich in zwei Beziehungen."

Foto: Imago | Ralph Paters

"Ich bin vor neun Jahren mit meinen Freunden in der Weiberfastnacht durch Aachen gezogen und habe mich mit Mitschülern getroffen. Nachmittags flirtete meine Mitschülerin Laura die ganze Zeit mit mir. Die war eigentlich immer so der Kumpeltyp, aber als wir für die ganze Gruppe Klopfer besorgen sollten, knutschten wir ewig lange rum. Worüber genau wir sprachen, weiß ich nicht mehr. Meine Freunde erzählten mir aber, dass wir eine Stunde später händchenhaltend zurückkamen – ohne Klopfer. Fortan konnten wir anscheinend nicht die Finger nicht voneinander lassen.

Im Laufe des Tages verlor ich Laura und wir zogen weiter. Ich kann mich da nicht mehr so genau dran erinnern, weil wir überambitionierten Teenager dann doch noch Klopfer besorgt hatten. In einer Kneipe kam ich mit Charlotte ins Gespräch. An dem Tag fand sie mich in meinem Piratenkostüm scheinbar sehr anziehend, weil sie ungewohnt viel mit mir redete. Irgendwann küssten wir uns und redeten so lange, bis ich von meinen Freunden nach Hause gebracht werden musste.

Am nächsten Tag befand ich mich in zwei Beziehungen: Charlotte und Laura schrieben mir etliche SMS, weil sie beide dachten, dass sie mit mir zusammen wären. Ich konnte mich nur noch an die Küsse erinnern. Beide Beziehungen hielten aber nichtmal bis Aschermittwoch: Ich hatte keinen Mut, mich zu melden, und ignorierte sie, bis beide Schluss machten."


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Jan*, 26, verkleidet als Baby: "Landeten betrunken in einem Bus voll Fußballfans und fuhren mit zum Auswärtsspiel."

"Mein Kumpel Simon und ich hatten uns den Kinderumzug im belgischen Eupen angeschaut und schon viel getrunken. Am Ende des Zuges luden uns schwarz-weiß verkleidete Jungs auf einige Bier in ihren Reisebus ein. Bis wir irgendetwas checkten, waren wir schon auf der Autobahn. Wir saßen in einem Fanbus des Erstligisten AS Eupen und fuhren zum Auswärtsspiel gegen Lierse irgendwo vor Antwerpen.

Im Bus bin ich eingepennt und irgendwann auf der Schulter eines Zivilpolizisten, der den Bus begleitete, wach geworden. Das Spiel war ein schlecht und nach Abpfiff stänkerten wir noch herum, weil wir vom Schiri verarscht wurden. Das brachte natürlich nichts. Als wir dann irgendwann wieder in Eupen waren, haben wir uns wieder ins Karnevalsgetümmel geworfen."

Robert, 22, verkleidet als Sith-Lord: "Dann kam die Feuerwehr, um mir die Handschellen aufzubohren."

Foto: privat

"Ich habe einen Freund letztes Jahr in Köln über die Karnevalstage besucht und schon morgens haben wir angefangen zu trinken. Am Abend drückte mir jemand auf der Tanzfläche Handschellen in die Hand – keine Ahnung warum, aber ich hab sie eingesteckt. Einige Stunden später hatte ich alle meine Leute verloren und stand alleine in einer Schlange vor dem Lokal, in dem noch Kölns Kultsänger Big Ballermike spielen sollte. Einer Frau zeigte ich dort stolz meine Handschellen – und schon machte es Klick. Sie hatte eine Seite um einen Arm von mir gemacht. Dann bemerkte sie (und spätestens auch ich), dass es sich nicht um Kostüm-Handschellen, sondern um echte handelte. Ich sagte, dass ich keinen Schlüssel hätte. Nachdem mir eine weitere Dame erklärte, dass man die Handschellen öffnen könne, indem man sie ganz zudrückt, klemmte das Metall auch noch meinen Arm ab.

Völlig betrunken war mir klar, wer jede Handschelle öffnen kann: die Polizei. Als ich die 110 anrief, fragte mich die Polizistin am anderen Ende der Leitung, ob ich mit den Handschellen an ein Bett gefesselt sei. Wenig später standen zwei Beamte neben mir, die mich erstmal auslachten. Zu Recht. Als sie erfolglos versucht hatten, mit ihren Schlüsseln die Dinger zu öffnen, riefen sie die Feuerwehr.

Neben die beiden Polizisten gesellte sich dann ein ganzer Einsatzwagen, aus dem acht Feuerwehrleute ausstiegen und mich lachend umzingelten. Dann bohrten sie 15 Minuten die Handschellen mit einem Metallbohrer auf. Ich stand dabei völlig besoffen mit einem angemalten Penis auf meiner Wange und einem Leuchtschwert im Gürtel neben ihnen. Als ich dann ohne Handschellen wieder in der Schlange stand, wurde ich als 'Der mit der Handschelle' gefeiert. Einer zahlte mir den Zehner Eintritt und im Club wurden mir alle Getränke ausgegeben."

Lina, 22, verkleidet als Cheerleaderin: "Dann fragte er auf einmal nur, ob wir 'Bock auf Ballern' hätten."

"Letztes Jahr zur Altweiberfestnacht waren wir auf dem Weg zu einer Party und kamen bei der Karnevalsfeier einer Kölner Unternehmensberatung vorbei. Die hatten eine Bar neben den Büroräumen gemietet und es gab Drinks for free – also sind wir kurz rein. Es waren eigentlich nur spießige, alte Leute da, die uns von ihren dicken Dienstwagen erzählten und als dicke Erdbeeren oder Clowns verkleidet waren.

Plötzlich stand ein Typ um die 60 Jahre neben mir und prostete mir zu. Er hatte sich eine Babypuppe umgeschnallt und ging als Alan von Hangover. Nach ein paar Minuten wusste ich alles über seine Familie und wollte wieder gehen. Dann fragte er auf einmal, ob wir 'Bock auf Ballern' hätten. Erst wusste ich nicht, was er damit meinte, und war ziemlich überrascht, da er wie der deutscheste Vernunftsdeutsche wirkte.

Fünf Minuten später standen wir in seinem riesigen Büro – er war wohl einer der Chefs. Dann packte er ein edles silbernes Kästchen und das passende Röhrchen aus. Wir spielten danach noch auf seinem Klavier. Bevor wir uns zu unserer Party verabschiedeten, sagte er nur: 'Manchmal brauch ich das Zeug, sonst halte ich die ganzen Leute hier nicht aus.'"

*Hier wurde der Name geändert

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