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Fotos vom explosivsten Straßenfest, das Kuba zu bieten hat

In der Kleinstadt Remedios liefern sich zwei Stadtteile jedes Jahr einen Wettkampf um das beste Feuerwerk und die spektakulärsten Festwagen.

von Lewis Khan
19 Juni 2017, 8:47am

Fotos von Lewis Khan

Im Dezember durften Lewis und ich in die Werkstatt von San Salvador, einem Teil der Kleinstadt Remedios in der nordkubanischen Provinz Villa Clara. Die Arbeiter begegneten uns mit Verwunderung und Argwohn, und ich hätte an ihrer Stelle wohl nicht anders reagiert. Wir waren zwei Fremde, die mit einer Flasche Rum und kaum Spanischkenntnissen an ihrem Arbeitsplatz auftauchten. Verlegen standen wir am Rand des großen Hofs zwischen vier offenen Lagerhäusern, während die Männer an den eindrucksvollen Festwagen hämmerten und malten. In Remedios gibt es jedes Jahr zu Weihnachten ein großes Straßenfest, die Parrandas, bei dem San Salvador mit dem Stadtteil El Carmen um die besten Wagen und Feuerwerke konkurriert.

Ein Mann in Jeansshorts stach hervor: Er rauchte und lobte die Arbeit der anderen. Unsere Blicke trafen sich, und er kam herüber. Meine Camel lehnte er ab ("Die sind für Mädchen"), zu einem Schluck Rum sagte er aber nicht Nein. Dann schenkte er uns aus einer Wasserflasche etwas von seinem Rum ein. Er hieß Ditto, hatte blaue Augen und mit Sommersprossen übersäte helle Haut. Wie die anderen Tagelöhner arbeitete er seit zwei Monaten dort. Gerade seien die letzten bezahlten Tage angebrochen, erzählte er; die Staatsgelder würden zur Neige gehen. Entsprechend hektisch war das Arbeitstempo.

Bei Sonnenuntergang zerstreuten sich die Arbeiterteams, nur etwa zehn Männer blieben. Sie versammelten sich hinter einem Lagerhaus und beendeten im letzten Tageslicht die Malerarbeit. Irgendwo übertrug ein rauschendes Radio ein Baseballspiel.

Die Abende verbrachten wir meist auf dem größten Platz von Remedios. Wir tranken und sahen zu, wie Gruppen von Mädchen eingehakt umherliefen und Rufe von Männern ignorierten. Um den Platz herum schwebten Gesichter, erleuchtet von Handybildschirmen.


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Wenn wir nicht auf dem Platz saßen, spielten wir an einer Straßenecke Domino. Die Sessel und Hocker hatten wir in diversen Häusern gestohlen, meist von den jüngsten Familienmitgliedern oder von Müttern, die ihre Füße darauf ausruhten. Als Spielbrett diente eine alte Tür. Ditto besaß noch eine besonders verzogene, die er aber nur in Notfällen benutzte.

Auf dem kubanischen Peso steht "Patria o Muerte", Vaterland oder Tod. Als ich Ditto fragte, ob er daran glaube, lachte er. Auf die Frage, wer denn überhaupt daran glaube, strich er sich über einen imaginären Bart (die Geste der Kubaner für Castro). Die Haltung zu dem früheren Staatschef variiert je nach Altersgruppe: Wer sich an die Revolution erinnert – und an die darauffolgende stürmische Beziehung zu den USA – für den ist Castro ein unantastbarer Halbgott. Für die Jüngeren steht Castro für ein veraltetes Wirtschaftssystem und gilt als die Wurzel aller kubanischen Probleme.

Als die Parrandas-Festwagen fertig waren, hatten Ditto und sein Cousin Pocholo nichts mehr zu tun. Also nahmen wir den Bus zum Strand. Der Fahrer beschlagnahmte unsere Flasche Rum, und so saßen wir wie Schulkinder auf unserer Bank und blickten durch die Scheiben auf staubige Städte und brach liegendes Land. Entlang der Landstraße reihte sich ein patriotisches Schild ans andere, zum Beispiel "Gegen die Blockade", also das US-Embargo gegen Kuba. In einem Hafen sahen wir rostige Wracks, hauptsächlich alte Fischkutter, einsam vor sich hinschaukeln. Jachten oder Rennboote waren nicht zu sehen; einzig ein militärisches Landungsboot wirkte halbwegs seetüchtig. Wie viele Jahre bekäme man wohl, wenn man es klaute? "15", meinte Pocholo. Der Strand kam hinter breiten Betonstreifen zum Vorschein. Hier sollte wohl vor Jahrzehnten ein Hotel entstehen, doch es stand nur das Fundament. Dahinter erstreckte sich grün die aufgewühlte See bis zur US-Küste. – PETER LANE

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