Erika Lust erobert feministische Pornos

Wir haben eine schwedische Pornoregisseurin getroffen und ihr zu ihrem Movie of the Year Award gratuliert.

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09 Mai 2012, 11:00pm

Erika Lust am Set von XConfessions Vol. 4: Pansexuals. Alle Fotos: bereitgestellt von Lust Films

Die in Stockholm geborene Erika Lust ist Filmemacherin und hat eine beeindruckende Ausbildung in Politikwissenschaften und Feminismus an der Universität von Lund absolviert. Nun lebt sie in Barcelona und setzt ihr Wissen ein, um ihre Firma Lust Films in der Welt der von Frauen geschriebenen und produzierten Pornos zu promoten.

Wir trafen Erika in der Lobby ihres Hotels am Times Square, als sie gerade hier war, um ihren dritten Movie of the Year Award bei den Feminist Porn Awards 2012 abzuholen, und zwar für ihre jüngstes Werk Cabaret Desire. In den ersten fünf Minuten unseres Treffens haben wir eigentlich nur Witze über den Times Square gemacht. Den Rest der Zeit verbrachten wir damit, uns darüber auszutauschen, welche widerlichen Pornos wir gesehen haben, und darüber, wie sie sich vorgenommen hat, dem ein Ende zu setzen, oder wenigstens eine attraktivere Alternative zu bieten.

VICE: Wie bist du dazu gekommen, Pornofilme zu machen?
Erika Lust: Ich musste irgendwie meinen Lebensunterhalt verdienen und habe viele Freunde, die bei Film und Fernsehen arbeiten. Wir haben damit angefangen, dass ich ganz simple Aufgaben erledigt habe, ich war Runner, habe Leute vom Flughafen abgeholt, solche Sachen. Das habe ich einige Jahre gemacht, bekam immer mehr Ahnung und wurde dann Produktionsassistentin.
Ich war eine zu gute Studentin und um 2004 habe ich gemerkt, dass ich noch mehr über die technischen und künstlerischen Aspekte des Films lernen möchte, also besuchte ich einige Abendkurse. Schließlich bekam ich die Möglichkeit, einen Kurzfilm zu drehen, fühlte mich aber verloren und wusste gar nicht, was ich tun sollte. Zwei der Dinge, die mir schon immer am Herzen lagen, waren Feminismus und Sexualität. Ich habe sie also kombiniert und mich entschieden, einen expliziten Film zu machen. Einen Pornofilm, aber aus der Sicht einer Frau.

Die meisten Pornos sind echt grauenhaft.
Ja! Als ich meine erste „Einführung in Pornos" hatte—denn genau so etwas war es, als mein Freund mit DVDs und dieser „Also los"-Einstellung vorbeikam—hatte ich immer das Gefühl, dass mein Körper auf diese Bilder reagiert, ich es aber nicht wirklich mag. Es gab eine große Diskrepanz zwischen dem, was ich physisch gefühlt habe, und dem, was ich emotional und intellektuell wahrgenommen habe.

Glaubst du, dass eine Zeit kommen wird, in der der Genuss von Pornos kein Tabu mehr darstellt?
Das kann man nicht wissen, schließlich öffnet und schließt sich die Öffentlichkeit plötzlich und unvorhersehbar. Ich habe aber das Gefühl, dass wir uns zwei bis drei Schritte vor und auch vielleicht einen zurück bewegen. Ich sehe eine Gruppe von Menschen, die intelligent und offen ist und damit beginnt, Pornografie als etwas Gutes zu akzeptieren, als etwas, das auf zunehmend natürliche Weise Teil unserer Sexualität sein kann. Aber bei den Massen ist das natürlich nicht angekommen.

Ausschnitt aus XConfessions Vol. 4: Pansexuals

Wenn du einen Film machst, welche Aspekte gestaltest du mit? Alles vom Setdesign bis zum Casting? Alles. Ich bin die Oberchefin. (Lacht) Meine Filme haben eine Vergangenheit und eine Zukunft. Ich erzähle wirklich, wer diese Menschen sind und warum sie für einander Gefühle haben. Die meisten Filme beginnen einfach so. Da ist ein Sofa und dann geht's los. Ich weiß nicht, ob das nur bei Frauen so ist, wir sind ja alles Individuen, wenn es um Sexualität geht, aber für mich ist es sehr schwierig, geil zu werden, wenn ich nicht weiß, was eigentlich los ist. Ich habe überall meine Finger im Spiel. Ich denke mir die Geschichte, die ich erzählen möchte, aus, ich schreibe das Drehbuch, mache das Casting, alles. Filmemachen fühlt sich wie eine Schwangerschaft an. Es ist ein neunmonatiger Prozess, einen Film so hinzukriegen, wie ich ihn haben will.

Erzähl mal was über das Casten. Wie ist das?
Ich versuche, den Pornoaspekt von den Darstellern fernzuhalten, weil es eine ganz andere Sache ist. Wenn sie schon vorher Pornos gedreht haben, dann machen sie gleich die ganzen Posen. Ich sage ihnen, dass sie so Sex haben sollen, wie sie es im echten Leben tun, weil nicht mal Pornostars im echten Leben so vögeln wie Pornostars. Bei Pornos ist merkwürdig, dass man die Menschen auseinander halten muss, um alles sehen zu können. Im echten Leben würde dich das nicht befriedigen, weil im echten Leben die Befriedigung von Intimität kommt und von der Möglichkeit, die Haut des Anderen zu fühlen. Also versuche ich in meinen Filmen, die Leute dazu zu bekommen, echten Sex zu haben, und dann ist es meine Aufgabe, herumzugehen und die richtigen Winkel zu finden.

Ausschnitt aus Power Pussy

Die meisten Leute, außer sie sind im Kino oder so, sehen sich einen Porno nur für ca. 5 Minuten an. Ist das der Grund dafür, dass du Cabaret Desire in Handlungsabschnitten gestaltet hast, die getrennt gesehen werden können.
Ja, genauso ist es. Wenn man den Kick sucht, den Pornografie einem geben kann, ist es meistens ein Kick der innerhalb von 20 Minuten passiert. Ich finde es sehr schwierig, einen eineinhalb Stunden langen Film zu machen, der einfach weiter und weiter und weiter geht. Ich sehe mir auch sehr viele Mainstream- und Independent-Filme an und finde einfach oft, dass sie zu lang sind. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die Gesellschaft immer schneller wird und daran, dass wir einfach nicht mehr genug Zeit haben, aber Filme wie Mission Impossible scheinen mir endlos. Also denke ich, dass man im Film, in allen Genres, die Formate ein bisschen überdenken muss.

Erzähl mir von dem Award, wegen dem du hier bist.
Film des Jahres! Und es ist mein drittes Mal. Die Feminist Porn Awards wurden ins Leben gerufen, um zu zeigen, dass es auch andere Arten von Pornos gibt, weil sie sehr wenig sichtbar sind. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass es für mich so toll ist, diese Awards zu gewinnen und eine Chance zu bekommen, das nach außen tragen zu können, weil Menschen gar nicht wissen, dass solche Filme existieren.

Warum sind Pornos wichtig?
Sie sind wichtig, weil sie Bestandteil unserer Gesellschaft sind. So sehr die Menschen sich auch dagegen sträuben, Pornos als Teil unserer Kultur zu akzeptieren, sie sind es! Genauso ist ja auch Werbung Teil unserer Kultur, weil sie überall ist und uns beeinflusst. Vor allem ist es aber für die Jugend wichtig, weil sie eigentlich keine sexuelle Bildung genießt. Wir zeigen die grundlegenden Sachen, zum Beispiel, dass man, wenn man Sex hat, auch schwanger werden oder Geschlechtskrankheiten bekommen kann, wir zeigen nicht, WIE man Sex macht.

Wie gehst du mit diesen Furz-Geräuschen um, die manchmal entstehen, wenn Leute Sex haben? Wie schneidest du die raus?
(Lacht) Ich versuche nicht, da irgendwie zu mauscheln. Ich behalte es drin. Alles. Ich will die Dinge so natürlich wie möglich belassen.

Mehr über Erika und Lust Films gibt es HIER.

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