Der „Arsch der Welt“ ist ein paradiesisches spanisches Ökodorf voller Expats

Sie bauen ihre eigenen Häuser, bauen ihr eigenes Essen und Gras an und betrinken sich zu Spottpreisen.

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28 August 2015, 4:00am

Der „Arsch der Welt" | Alle Fotos vom Autor


„Willkommen am Arsch der Welt", sagt Robert, als wir den Rio Guadiana in einem kleinen Dinghi hinunterrudern. Wir sind unterwegs zu seinem Bauernhof. Robert ist Ende 40, trägt ein verblichenes schwarzes Tanktop und Sonnenbrille, mit grauen Elvis-Koteletten und einer Zigarette im Mundwinkel.

Ich sehe mich um und sehe Eukalyptusbäume, die das Ufer säumen, sanfte Hügel um Häuser mit Kalkanstrich und orangefarbenen Dächern. Portugal zur einen Seite, Spanien zur anderen, blauer Himmel, 38 Grad. Eigentlich ein ziemlich schöner Arsch.

Allerdings befindet er sich wirklich mitten im Nirgendwo. Nur zwei kleine Dörfer zu beiden Seiten des Flusses und jede Menge ungenutztes Land drumherum. Robert hat bisher ein aufregendes Leben geführt—er ist Ende der 1980er durch die Londoner Hausbesetzerszene getingelt, hat den Rock'n'Roll mit einer deutschen Punkband gelebt, ist mit Fela Kuti in seiner Kalakuta Republic abgehangen, hat Hasch aus dem Libanon in israelische Kibbuzim geschmuggelt. Und jetzt ist er hier, in Sanlucar de Guadiana im spanischen Andalusien, Einwohnerzahl: 500. Ein Paradies für Auswanderer.

Ein Gast in der Dorfbar

Wir sind weit von der Costa del Sol mit ihren touristisch orientierten Bars. Die meisten europäischen Expats in Spanien befinden sich um Valencia, Malaga, Marbella und Torremolinos—Orte, an denen man an jeder Ecke ganz und gar unspanisches Essen bekommt und wo Socken in Sandalen niemanden mit der Wimper zucken lassen. Sie kaufen ihre Villen, sitzen am Strand, gehen Einkaufen und spielen Golf. Die kleine Expat-Gemeinschaft in Sanlucar sieht dagegen völlig anders aus.

Lass dich den Fluss entlangtreiben und du siehst sie an den Ufern: oben ohne in Strohhüten, über Gemüsebeete gebeugt, beim Schafe hüten oder Holz schleifen ... alle kümmern sich um ihre Finca. Sie bauen Obst und Gemüse an, halten Nutztiere und bauen ihre eigenen Häuser, als wäre absolut nichts dabei.

Ein von Amateuren gebautes Haus

Das klingt vielleicht schön simpel—zieh auf ein Stück Land, bau ein Haus, pflanze Essbares an und halte ein paar Tiere—doch für ein nutzloses Kind des digitalen Zeitalters wie mich, aufgewachsen in einer Wirtschaft, in der grundlegende menschliche Fähigkeiten überflüssig und schon lange in Vergessenheit geraten sind, wirken diese Menschen sehr mutig.

Die Finca, auf der ich übernachtete, war fast autark. Sie bauen den Großteil ihres Essens an, halten Hühner und ein paar Schafe für Fleisch. Sie generieren ihren gesamten Strom selbst mithilfe von Solarpanelen und Windgeneratoren. Ein einfaches Bewässerungssystem pumpt Wasser aus dem Fluss, und das Wasser aus der Dusche und der Spüle fließt zu den Pflanzen und Obstbäumen.

Ich bin schon in ein paar Ökodörfern gewesen, und keine waren auch nur halb so gut wie diese Leute. Versuch mal, im mittel- oder nordeuropäischen Klima von der Natur zu leben: Den Großteil des Jahres wirst du Feuerholz sammeln, um im Winter nicht zu frieren, und dann wirst du den Winter damit verbringen, darüber zu fluchen, dass du in einem Verschlag aus recycelten Europaletten wohnst, statt in einem elektrisch beheizten und professionell isolierten Haus. Oder du kämpfst gegen Gerichtsvollzieher.

Doch in Spanien gibt es billiges Land, Baugenehmigungen und du kannst dein eigenes Gras anbauen. Dort wird nicht geflucht, sondern gelacht.

„Zu Hause kannst du nicht einmal einen Baum fällen oder dein Haus streichen, ohne dich durch die Behörden und den Papierkram zu quälen", sagt Peggy. „Hier sind wir in Abgeschiedenheit und können machen, was wir wollen."

Peggy kam an, als sie Anfang 30 war. Sie stieg eines Morgens in die falsche U-Bahn, fand sich am Hauptbahnhof wieder und sah das als ein Zeichen, sich aus dem Staub zu machen. Ohne zurückzublicken fuhr sie eine Stadt weiter, um eine alte Liebschaft abzuholen und zusammen segelten sie um die Welt, bis sie in Andalusien landeten.

Heute haben sie zwei Kinder, zwei Hunde, sechs Schafe, jede Menge Hühner und haben sich eine schnuckelige kleine Hütte am Fluss gebaut. Einfach so. Keine vorherige Erfahrung mit Landwirtschaft oder Häuserbau. Sie haben es einfach gemacht. Man muss ihren Mut bewundern. Ein sicheres und funktionierendes Haus zu bauen, wirkt auf mich so unerreichbar wie eine erfolgreiche OP am offenen Herzen als Amateur.

Tony und Jan

Tony und Jan wohnen ein paar Fincas weiter flussabwärts. Wir paddelten mit dem Kajak herum und verbrachten den Tag auf ihrem Balkon, wo wir spanisches Bier tranken, ihren Bungalow bewunderten und über den Rest von Europa lästerten. Sie sind Ende 60 und waren schon seit 42 Jahren dabei, um die Welt zu segeln, bevor sie vor drei Jahren hier hielten und sich ein Haus bauten. Sie lebten in einem Zelt, während sie einen Schuppen bauten, und dann lebten sie darin, bis das Dach auf ihrem Haus war.

„Wenn Menschen es können, dann kannst du es und ich kann es auch", sagte Tony, ein weißhaariger Mann mit weit auseinander stehenden Zähnen und einer keuchenden Lache. „Ich hatte vorher auch noch nie Zement gemischt."

Ein einheimischer Bauer hat ihnen gezeigt, wie man Trockenmauern baut, und sie haben einen Profi angeheuert, um die Bodenfliesen zu verlegen, doch alles andere haben die zwei selbst gemacht. Tony hat tonnenweise Ziegel und Sand den Fluss hochtransportiert und dann mit dem Moped zur Baustelle gebracht. Nicht schlecht für einen dünnen, weißhaarigen, alten Mann mit Rückenproblemen. Er musste aufgrund seines Alters mit dem Segeln aufhören, aber wer sagt, dass man nicht mit 70 noch sein eigenes Haus bauen kann?

Wollen die beiden jemals in ihre Heimat England zurück? Keine Chance. „Zigaretten und Bier kosten ein Vermögen, das Wetter ist scheiße und niemand redet miteinander." Kommt mir bekannt vor.

Und wenn sie nicht in ihren Fincas sind, dann sind sie in der Dorfbar, wo sie sich mit billigen Spirituosen betrinken und Geschichten erzählen. Die Gemeinschaft ist eine seltsame Mischung von angespülten Seglern, Hippies und ehemals Erfolgreichen. Es gibt auch einige ernste, pragmatische Ex-Militärs, die aus überlebenskünstlerischen Gründen nach Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit streben. Was sie alle gemeinsam haben, ist ihr glorreiches „Back to the roots"-Ideal. Sie sind alle entkommen—aus Städten mit ihrer komplizierten Technologie, der niemals endenden Politik und dem ganzen Stress des modernen Lebens—und hierhergekommen, um ein einfaches Leben zu leben. Bau ein Haus, bau Essen an, betrink dich, dümple auf dem Fluss herum und ignoriere den Rest der Welt. Wunderschön.

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