Die Weihnachtsnemesis der FPÖ: Vom "Nikoloverbot" und den "Wintermärkten"

Alle Jahre wieder befürchtet die FPÖ das Ende des Weihnachtsfestes, den Tod des Nikolos oder die Islamisierung der Christkindlmärkte. Und die Medien spielen mit.

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Dez. 1 2017, 11:37am

Collage von VICE Media; Nikolaus und Krampus: Public Domain; Strache: Gregor Tatschl | Wikipedia | CC BY-SA 2.0

Für so manche FPÖler scheint der Advent keine Zeit der Besinnlichkeit, sondern eher eine Zeit des großen Hosilulu zu sein – und wie so oft ist die angeblich schon sehr weit fortgeschrittene Islamisierung Österreichs schuld daran.

Michael Raml, FPÖ-Bundesrat in Oberösterreich, hat zum Beispiel Angst, dass er bald nicht mehr Weihnachtsmarkt sagen darf. Ein Autor der Plattform unzensuriert.at hat Angst, dass auf besagten Märkten bald nur noch Zelte im Beduinen-Style stehen. Gerald Grosz, ehemaliger BZÖ-Bundesobmann, hat hingegen Angst vor "Zeitgeistprostituierten", die es auch nicht mehr so genau nehmen mit den österreichischen Traditionen. Aber das alles ist nicht neu. (Und ja, es ist Absicht, dass ihr hier zu keinem der erwähnten Fälle Links findet, weil wir bei der Hetze nicht auch noch mithelfen wollen.)

Schon seit Jahren hält sich auch das FPÖ-Märchen vom Nikolo-Weihnachts-Krampus-Verbot. Bereits im Jahr 2008 schrieb der Standard darüber, dass man in Wien das bevorstehende Weihnachtsfest vor allem daran merke, dass die FPÖ wieder einmal für den Nikolaus in die Bresche springt.

Im Jahr 2015 machte sich FPÖ-Chef Heinz-Christian dann auch noch Sorgen um eines der abgefucktesten österreichischen Brauchtümer, das übrigens auf heidnische Traditionen aus vorchristlichen Zeiten zurückgeht: den Krampus. Damals postete er ein furchterregendes Bild mit dem Text "Unsere Tradition. Unsere Zukunft." und schrieb, dass wir es (ausgerechnet) unseren Kindern schuldig seien, das Kulturgut unserer Heimat zu schützen. Und natürlich ist auch heuer wieder Verlass auf die FPÖ.


In Osttirol gibt es besonders wilde Krampusse:


In seinem Facebook-Posting schreibt FPÖ-Bundesrat Michael Raml: "Ich sage Christkindlmarkt und nicht Wintermarkt" und fügt hinzu, dass Toleranz gegenüber anderen Religionen nicht bedeute, "unsere eigenen Traditionen" aufzugeben. Eine kurze Frage: Haben wir das große Christkindlmarkt-Verbot verpasst oder wo kommt dieses Narrativ eigentlich her? Wir können nur sagen, dass Raml ziemlich sicher verpasst hat, dass es eben neben den klassischen Christkindlmärkten auch Märkte gibt, die aus gutem Grund "Wintermarkt" heißen.

Ein solcher findet beispielsweise im Wiener Prater statt. Auf die Frage, warum der Markt so heißt, wie er eben heißt, sagt eine Pressesprecherin gegenüber VICE: "Der Wintermarkt öffnet vor der Adventzeit und schließt erst im Jänner. Es ist ein Markt, der nicht das Weihnachtsfest im Fokus hat, sondern Live-Konzerte aller Stilrichtungen, Standl-Kulinarik und Prater-Winterambiente. Bei der Gründung vor acht Jahren haben wir uns für einen neutralen Namen entschieden, um größeren kreativen Freiraum in der Programmgestaltung zu gewähren."

Auch Gerald Grosz macht sich in einem bizarren YouTube-Video dazu Gedanken und behauptet, "Wintermarkt statt Christkindlmarkt" sei die neue Devise der "Political-Correctness-Kämpferinnen". Er sieht in dieser wahrscheinlich erfundenen Devise jedenfalls eine "Verleugnung unserer eigenen Kultur, unseres Glaubens und unserer Traditionen".

Es gibt Märkte, die aus gutem Grund nicht "Christkindlmarkt" heißen: Der Wintermarkt öffnet vor der Adventzeit und schließt erst im Jänner.

Aber nicht nur die Namensgebung, sondern auch die optische Aufmachung von Christkindlmärkten ist selbsternannten Patrioten sehr wichtig: Anfang November schrieb unzensuriert.at über ein Facebook-Posting, in dem sich ein User namens Alfred über orientalische Zelte am Favoritner "Winterbasar" empört.

Die FPÖ-nahe Plattform schreibt dazu: "Die Islamisierung schreitet voran, das muss man erkennen. Auf der Einkaufsstraße findet man nun einfache Zelte aus Plastik, die bei einer genauen Betrachtungsweise an einen ganz anderen Kulturkreis, vielmehr an Beduinenzelte, erinnern." Eine kurze Google-Suche reicht, um herauszufinden, dass sogenannte Pagodenzelte in so ziemlich jedem Zeltverleih zu haben und durchaus handelsüblich sind.

Dass politische Akteure mit Themensetzungen wie diesen eine klare Agenda verfolgen, liegt natürlich auf der Hand. Jedes Jahr werden zur Weihnachtszeit die religiösen Gefühle der Wähler angesprochen, um das altbekannte schwarz-weiße Muster zu festigen: Wir gegen die anderen, Christen gegen Muslime, Gutmenschen gegen Patrioten. Dass Medien dieses Spiel nach so vielen Jahren immer noch mitspielen, irritiert da schon eher.

So titelte die Tageszeitung Heute zum Beispiel mit "Nikolo darf nicht sterben" – und das, obwohl wir davon ausgehen, dass die Heute-Redakteure durchaus über das Ableben von Nikolaus von Myra informiert sind (genau genommen ist der echte Nikolaus schon seit dem vierten Jahrhundert tot). Vielmehr bezog sich die Story auf eine FPÖ-Aussendung.

Den Vogel schossen dann aber die Bezirksblätter ab, die gleich 16 Titelstorys zum herbei fantasierten Nikolo-Verbot brachten. Wie der Standard berichtet, weist Oswald Hicker, der Chefredakteur der Bezirksblätter Niederösterreich, einen FPÖ-Spin klar zurück, und erklärt die Titelstorys damit, dass religiöse Feiern Thema in vielen Elternvereinen seien.

Wie schwierig das Argument ist, zeigt sich, wenn man "Nikolo-Verbot" durch ein ähnlich elternrelevantes und genau so erfundenes Thema wie zum Beispiel "Heroin-Ausgabe an Volksschulen" ersetzt; auch hier würden Medien das lächerliche Gerücht nicht einfach nur mit "Doch keine Heroin-Ausgabe an Volksschulen" kommentieren, aber vielleicht eher mit: "Aufregung um erfundenes Gerücht über Heroin-Ausgabe an Volksschulen".

Bleibt nur zu hoffen, dass ein paar der genannten Akteure am 6. Dezember nicht nur Besuch von ihrem vielgeschätzten Nikolo bekommen, sondern auch von seinem Begleiter. Denn jedes Kind weiß: Der Nikolo belohnt nur die Braven.

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