Autor, Promi, Drummer – Alle wollen ein Stück von Karl Ove Knausgård

Wie wurde ein norwegischer Autor, der extrem lange Bücher über sein Leben schreibt, zum Liebling der Literaturszene?

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30 Dezember 2015, 5:00am

Karl Ove Knausgård Zigarette rauchend in Manhattan. Foto von Abazar Khayami

Aus der The Road to Nowhere Issue 2015

Karl Ove Knausgård stand vor dem Hinterausgang und rauchte. Es war ein sonniger Mainachmittag in New York und der norwegische Autor trug eine dunkle Pilotenbrille, einen sandfarbenen Blazer und blaue Jeans. Knausgård war wieder einmal in den USA, diesmal um Werbung für den vierten und neusten auf Englisch erschienen Band von Min Kamp zu machen, seinem insgesamt sechs Bände umfassenden autobiografischen Roman, der zu einer internationalen Sensation avanciert ist. In Deutschland sind die ersten vier Bücher der Reihe unter den Titeln Sterben, Lieben, Spielen und 2014 Leben erschienen. Unser Treffen lag zwischen einem Radiointerview und einem weiteren Interview für VICE Meets, auf das später noch ein Gespräch mit der Autorin Rivka Galchen vor über 800 Fans vor dem Kulturzentrum 92Y folgen sollte. So läuft das jedes Mal, wenn er nach New York kommt. Die Zigarettenpause war eine kurze Unterbrechung unseres äußerst edlen Mittagessens—geräucherte Forelle und Muscheln—in einem schicken Restaurant in der Lower East Side, ein Essen, für das sich Knausgård während unserer Zeit zusammen noch dreimal bedanken sollte. Es war eine warme Geste, die das Seltsame unserer Situation etwas herunterspielte. Denn was hatten wir schließlich, von diesem Essen abgesehen, gemeinsam? Trotz allem, was ich gelesen hatte—rund 1.000 Seiten seines höchst persönlichen Werks, gerade mal die Hälfte seines bislang auf Englisch erhältlichen Oeuvres—waren wir beide schließlich völlige Fremde. Und dennoch war ich, wie seine anderen Leser, Zeuge so vieler intimer Momente geworden (oder was wir halt für seine intimen Momente halten—die Bücher werden schließlich als Belletristik verkauft): Wie er sich einmal betrunken das Gesicht aufschlitzte, nachdem er von Linda, der schwedischen Lyrikerin, abgewiesen worden war, die später seine Frau werden sollte (Band/Buch 2); wie er nicht aufhören konnte zu weinen, nachdem sein Vater gestorben war (Buch 1).

Beim Rauchen fragte ich Knausgård nun, ob ich ein paar Fotos von ihm machen dürfte und er sagte, ja, natürlich. Als hätte er meine Wünsche erahnt, nahm er seine Sonnenbrille ab. Statt mit der Zigarette im Mund zu posieren, wie er es in so vielen seiner Porträts tut, senkte er sie in einer fast entschuldigenden Geste. „Tut mir leid, dass ich rauche." „Denkst du, dass du je damit aufhören wirst?", fragte ich, nachdem wir mit Rauchen fertig waren. „Ich habe mal ein Jahr lang aufgehört", sagte er und drückte die Kippe aus. „Dann habe ich wieder angefangen. Aber irgendwann muss ich aufhören. Es ist mir wichtig, so lange zu leben, wie es geht, für meine Kinder."

„Ich glaube, viele Leute [in Norwegen] mögen mich und meine Bücher nicht", sagte mir der 46-Jährige während unseres Essens, „einfach, weil ich so erfolgreich geworden bin." In einem Land von fünf Millionen besitzt eine von neun Personen eine Ausgabe seiner Bücher. „Ich glaube, die Leute haben es satt, meine Visage in den Zeitungen zu sehen."

Selbst in den USA, wo Verlage bekannt für ihr Desinteresse an übersetzten Büchern sind, ist es dem Autor, der auf der bewaldeten Insel Tromøy aufgewachsen ist, gelungen, zum Gipfel des erfolgreichen Literatentums aufzusteigen und die gleich dreifache Bewunderung von Lesern, Kritikern und Kollegen auf sich zu ziehen. Unter seinen Bewunderern sind Zadie Smith, Jeffrey Eugenides und der Kritiker des New Yorker, James Wood—ganz abgesehen von den Unmassen weniger bekannter Fans, die die Hörsäle und Theater New Yorks und San Franciscos füllen.

„Ich bin in den 80ern aufgewachsen", sagte er, als wir unsere Mahlzeit beendeten. „Und damals dachte man, wenn etwas schwierig ist, dann ist das Qualität. Wenn man also kommerziell erfolgreich ist, kann das nichts Gutes heißen. Es ist wie der Moment, wo R.E.M. zu Warner wechselten. Das galt als Ausverkauf. Man dachte: ‚Tschüß R.E.M.' Ich finde es aber schwierig, zu denken, dass es dazwischen, viele Menschen zu erreichen und Qualität zu liefern, einen Widerspruch gibt", fuhr er fort. „Es ist natürlich, was jeder Autor gern will—auf eine Weise gehört zu werden. Also habe ich mich noch nicht verkauft", sagte er lachend.

Seit ich vor einem Jahr angefangen habe, über die Knausgård-Mania zu berichten, bekomme ich immer wieder diese eine Frage gestellt: „Warum, meinst du, ist er so populär?" Die Frage kommt besonders oft von verwunderten Norwegern, die in New York leben und die die Aufmerksamkeit für ihren Landsmann überrascht. Neben seinem Werk—das ich fantastisch finde: bewegend, gut beobachtet und voll Energie—denke ich, dass es ein stückweit auch mit Knausgård Ambivalenz gegenüber dem Rampenlicht zu tun haben könnte, das er zu suchen und dennoch abzulehnen scheint. Er ist ein ausgezeichneter öffentlicher Redner und spickt seine Vorträge mit selbstironischen Kommentaren—gleichzeitig merkt man ihm aber auch stets an, wie unwohl er sich mit dem ganzen Gewese fühlt. Es wirkt, als wäre er gleichzeitig dankbar und verlegen, ein Gefühl, das er mit einem Lächeln vermittelt, dass er in seinen Büchern mal als „höflich aber gequält", mal als „entschuldigend" und mal als „gequetscht" beschrieben hat—ein müder, pflichtbewusster Blick, der eher etwas von einem Seufzer hat oder gar von einer Grimasse.

Nach einer Veranstaltung in Brooklyn unterhielt ich mich mit einer Frau Mitte 30 namens Danielle, die sich selbst als „Superfan" bezeichnet, mit der ich, wie ich mich erinnerte, schon ein Jahr zuvor bei dem aus allen Nähten platzenden Gespräch zwischen Knausgård und Zadie Smith gesprochen hatte. Wir standen in der Nähe des Autogrammtischs und der Schlange der Fans, viele von ihnen mit vier oder fünf Büchern unter dem Arm. Ich fragte sie, ob sie sich etwas signieren lassen würde. „Ich möchte das nicht", sagte Danielle, die behauptet, nicht nur alle vier auf Englisch erschienen Bücher, sondern das erste davon sogar drei Mal gelesen zu haben, und dann noch zweimal sein zweiteiliges, 70 Seiten starkes Essay über Amerika in der New York Times. „Es wäre, als würde ich etwas von ihm stehlen", erklärte sie.

„Er hat mir so viel gegeben. Würdest du wirklich Emma Bovary kennenlernen wollen? Würdest du deine Lieblingsromanfigur kennenlernen wollen?"

„Ich mein, schau ihn dir an", wies sie auf Knausgård, der geduldig an seinem Tisch saß, Bücher signierte und sein Publikum empfing. „Meinst du, das macht ihm wirklich Spaß?"

Zwei Wochen später, Ende Mai, war Knausgård noch einmal in New York und erneut auf einer Bühne, in einer weiteren großen ehemaligen Lagerhalle. Diesmal allerdings in einer komplett anderen Rolle—als Drummer seiner Uni-Band Lemen, die eingeladen worden war, bei einer Veranstaltung mit dem Namen Norwegian-American Literary Festival aufzutreten.

Der langgliedrige Autor war nicht gerade ein zweiter Keith Moon an den Drums—einmal flog ihm sogar eines der Becken herunter—aber insgesamt war der Auftritt weniger peinlich als befürchtet. Die Band spielte eine Art nicht sonderlich hippen Roots-Rock, der an Natalie Merchant oder Melissa Etheridge erinnerte. Während sie spielten, tanzten ein paar Leute vor der Bühne und zogen ihre Kameras heraus, um den besten Blickwinkel auf den Autor und Drummer zu erhaschen.

„Er ist so gut aussehend", begeisterte sich eine Herausgeberin, die ich kenne, und als ich mich umdrehte, sah ich, dass auch die Literaturgrößen Lydia Davis und Dag Solstad mitwippten. Sie sahen nicht unzufrieden aus.

Nach dem Auftritt von Lemen spielte James Wood die Drums bei einer norwegischen Rock-Supergroup, die sich Knut Schreiner von Turbonegro (es war ein seltsamer Abend) ausgeborgt hatte. Danach verließ eine große Gruppe von uns den Club, um in ein Pub am anderen Ende der Straße zu wechseln. Karl Ove und seine großer Bruder Yngve Knausgård, der Gitarrist von Lemen, saßen am Kopfende des gemeinsamen Tischs.

Ich landete auf einem der Plätze auf der Wandseite der Sitzecke neben Ane Farsethås, der Kulturredakteurin des Morgenbladet, einer der ältesten Zeitungen Norwegens. Farsethås hatte bei der Veranstaltung für Solstad übersetzt.

„Ich habe so etwas im Leben noch nicht gesehen", sagte sie über die Anfänge der Knausgård-Obsession ihres Heimatlandes. „Er war sofort überall. Die Leute sagten andauernd Sachen wie: ‚Das erinnert mich an eine Szene aus Min Kamp.' Aber niemand rechnete damit, dass sich das über die Landesgrenzen hinaus fortsetzen würde. Und jetzt zu sehen, dass es in den USA genau das Gleiche ist ..."

Ich fragte Farsethås, was nach dem sechsten Buch passiert sei, in Norwegen 2011 erschienen. „Der sechste Roman war 1.100 Seiten lang", erklärte sie. „Es war einfach zu viel. Danach hat es sich irgendwie beruhigt. Ich vermute, dass es hier auch so laufen wird."

Später an dem Abend stand ich mit Knausgård vor der Tür, während er rauchte. Ein dunkelhaariger Weißer Mitte 30 kam auf uns zu und sprach Knausgård auf Norwegisch an. Als er merkte, dass ich nicht folgen konnte, entschuldigte er sich sofort. Er übersetzte für mich, dass er Knausgård gefragt habe, wie er das Festival soweit fand. Und dass er ihn noch nie zuvor an den Drums gehört habe.

Ich wendete mich Knausgård zu und fragte: „Hat dich überhaupt schon jemand in den USA spielen gehört?" Er sagte, nein, und lächelte mit diesem geduldigen Gesichtsausdruck. „Lasst uns jetzt über etwas anderes sprechen", lachte er und ging zurück in die Bar.

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