Alle Illustrationen von Luigi Olivadoti; alle Fotos zur Verfügung gestellt

Ein Illustrator hat eure legendärsten Sommererlebnisse gemalt

"Die Autofahrer starrten mich an und fragten sich sicher, was steht die da so alleine rum, in dieser Herrgottsfrühe, in diesem Vorstadtviertel?"

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Mai 12 2017, 4:10pm

Alle Illustrationen von Luigi Olivadoti; alle Fotos zur Verfügung gestellt

Diese Geschichte wird dir präsentiert von Sinalco – Dreh auf

Erklimmt das Thermometer Bereiche, an deren Existenz du kaum mehr geglaubt hast, setzt das ungeahnte Energie frei. Vorbei sind die Tage voller Netflix und Chill, Wintermelancholie und Teesorten von A bis Z durchprobieren – los gehen die Stunden am Wasser, die Grillabende im Park und die Nächte auf den Dachterrassen. Wer ausser seinem trauten Heim kaum etwas sieht, hat auch nicht mehr als Geschichten aus diesen vier Wänden zu erzählen. Erst wenn dich das durch unendlich viele Sonnenstunden im Überfluss vorhandene Vitamin D zu euphorischen Höhenflügen verleitet, sammelt sich der Stoff für die wirklich spannenden Geschichten an.

Wir haben mit sieben jungen Leuten in der Schweiz über ihre verrücktesten Sommergeschichte gesprochen. Um ihren Erinnerungen im Speziellen und dem Sommer im Generellen ein angemessenes Denkmal zu setzen, haben wir den Illustrator Luigi Olivadoti gebeten, die Geschichten auf Papier zu bringen.

Luisa, 23

Ich war im Sommer mit zwei Freunden in Lissabon feiern und lernte im Club einen Einheimischen kennen, den ich ziemlich cool fand. Bald haben wir rumgeknutscht und er fragte irgendwann, ob ich mit ihm nach Hause käme. Meine Freunde waren skeptisch und fragten mich: "Bist du sicher? Du kennst ihn doch gar nicht."

Wir liefen zu ihm nach Hause und er fiel die ganze Zeit um, weil er so betrunken war. Als wir in seiner Strasse angekommen waren, meinte er, er müsse seinem Mitbewohner schnell sagen, dass er jetzt mit mir nach Hause käme. Er verschwand in irgendeinem Eingang und ist nie mehr zurückgekehrt. Ich wusste nicht, wo genau er wohnte und kannte auch seinen Nachnamen nicht, sonst hätte ich ihn wieder rausgeklingelt. So aber habe ich sicher 40 Minuten gewartet, im Glauben, er komme sicher gleich wieder nach unten. Und etwas Besseres hatte ich eh nicht zu tun – ich wusste nicht einmal, wo genau wir waren.

Irgendwann ging die Sonne auf und ich stand mutterseelenallein auf der Strasse. Die Autofahrer starrten mich an und fragten sich sicher, was steht die da so alleine rum, in dieser Herrgottsfrühe, in diesem Vorstadtviertel? Es gab keine Taxis, keinen Bus, nichts. Irgendwann habe ich mein Roaming eingestellt und meinen Freunden den Standort geschickt. Sie haben mich heldenhaft mit dem Taxi abgeholt: "Steig ein, wir haben dir doch gesagt, du sollst nicht mit ihm mitgehen". Als wir dann gemeinsam Pastéis de Nata zum Frühstück assen, war alles wieder OK. Vom Typen hab ich allerdings nie mehr etwas gehört – und ich glaube, ich bin froh darüber.


Fabian, 23

Im Sommer 2015 war ich am Fusion Festival in Berlin. Überall liefen Leute mit selbstgebastelten Schildern in den Händen herum. Darauf standen Dinge wie "Suche Weed", "Suche LSD" oder "Suche Ecstasy". Dort waren auch viele Menschen mit Glitzer im Gesicht. Ich hatte weder Drogen für die Suchenden, noch wollte ich Drogen: Nein, was ich wollte, war Glitzer. Schnell fand ich einen alten Pommes-Karton und einen Stock – daraus bastelte ich mir mein eigenes Schild. Nachdem ich endlich einen Kugelschreiber gefunden hatte, schrieb ich drauf: "Brauche Glitzer".

Die Festival-Leute haben meine unschuldige Botschaft gefeiert und innert Kürze klebte an meinem ganzen Körper Glitzer. Einer rannte mir sogar hinterher und schrie: "Hey, Alter, ich hab Glitzer, willst du Glitzer!?" Er war so glücklich und ich konnte sein Angebot einfach nicht ablehnen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon aussah, als hätte ich in Glitzer gebadet. Das Problem aber war, dass ich mich mit einem Date in der "Tanzwüste" verabredet und ihr gesagt habe, sie erkenne mich an meinem "Brauche-Glitzer-Feierstab". So musste ich wohl oder übel den Stab bis zum Ziel halten.


Manolo, 25

Im Sommer vor zwei Jahren ging ich mit meiner Freundin auf eine zweitägige Wanderung. Am Anfang führte der Weg durch die idyllische Landschaft, vorbei an Rusticos und entlang des Ticinetto. Nach dem Aufstieg wurde der rot-weisse Wanderweg von einem blau-weissen Alpinwanderweg abgelöst. Auf einer Tafel stand: "Alpinwanderwege führen teilweise über Schneefelder, Gletscher und Geröllhalden. Die Benutzer dieser Wanderwege sollten trittsicher, schwindelfrei und in sehr guter körperlicher Verfassung sein. Umgang mit Seil und Pickel sowie das Überwinden von Kletterstellen unter Zuhilfenahme der Hände beherrschen."

Wir beschlossen, trotz allem weiterzuwandern – jetzt, wo wir den Aufstieg fast geschafft hatten. Bald gelangten wir an ein riesiges Geröllfeld. Die meisten Steine waren lose und bewegten sich, sobald man den Fuss darauf setzte. Mit Hilfe beider Hände kraxelten wir den Berg hoch. Es war schon 18:00 Uhr und wir hatten keine Ahnung, was uns hinter dem Kamm erwarten würde. Ein weiteres Geröllfeld? Oder eine Schlucht? Nach dem anstrengenden Aufstieg erblickten wir hinter dem Kamm einen bedrohlich wirkenden Bergsee mit einer Wiese rundherum. Der perfekte Ort also, um die Nacht zu verbringen.

Im Tal war es tagsüber 35 Grad warm und wir hatten also nur einen Stoffschlafsack und das Zelt eingepackt. Ein grosser Fehler, wie sich bald herausstellen sollte: Der Bergsee mit dem Namen Lago Barone liegt auf gut 2.000 Meter über Meer. Es war so kalt, dass wir die ganze Nacht kein Auge zumachen konnten. Und dann begann es auch noch zu donnern und blitzen. Es war unheimlich, wir auf diesem Berg im Gewitter und mit dem Gefühl, dass uns bald der Hintern abfriert. Völlig übermüdet und unterkühlt nahmen wir am nächsten Morgen in aller Früh den Abstieg in Angriff. Als ich meiner Mutter vom Ausflug erzählte, flippte sie aus und sagte: "Das weiss man doch, dass es in den Bergen auch im Sommer kalt ist". Ja, jetzt weiss ich es.


Valeria, 27

Ein Landhaus umgeben von Natur und totaler Ruhe – so stellt man sich die perfekte Location für Yogaferien vor. Unser Yogacamp in Cesenatico an der Ostküste Italiens aber war das pure Gegenteil. Wir hatten die Schule einfach gebucht, weil wir schon relativ spät dran waren. Im Internet machte sie einen ganz guten Eindruck auf uns – als wir dort ankamen, sah die Sache anders aus: Die Schule befand sich in einer alten Fabrik, der Speisesaal war riesig und erinnerte mich an die Lager in der Primarschule. Die Zimmerböden waren alle mit weissen Steinplatten ausgelegt und die Betten sahen aus wie alte Militärpritschen. Das Haus lag zwar direkt am Meer, aber es war Hochsaison und am Strand gab es keinen freien Platz fürs Badetuch, überall waren schreiende, Ball werfende Kinder und Liegestühle mit Reservierungspflicht.

Das wäre alles noch OK gewesen, was wir aber erst am Abend merkten: Gegenüber unseres Zimmers befand sich der "Luna Park". Ein Jahrmarkt mit Achterbahnen, Autoscootern und Schiessständen. Der Park war bis um Mitternacht geöffnet und beschallte uns mit seiner ohrenbetäubenden Musik mit viel Bass. Die Scheinwerfer der Bahnen leuchteten direkt in unser Zimmer. Jeden Morgen um 07:30 Uhr stand die erste Yogalektion auf dem Programm, die habe ich aber oft geschwänzt, weil ich einfach nicht schlafen konnte. Ich war froh, als die Woche um war und ich wieder nach Hause konnte – weniger entspannt als vorher. Ich glaube, nur ein extrem professioneller Yogini schafft es, unter diesen Umständen alles um sich herum zu vergessen und in tiefe Meditation zu verfallen.


Sebastian, 25

Vor ein paar Jahren mietete ich mit meiner damaligen Freundin ein Ferienhaus in Italien. Es war ein altmodisch eingerichtetes, zweistöckiges Haus mit zwei Balkonen. Im unteren Stock gab es nur eine Glastüre, aber keine Fenster. Deshalb war das Haus auch ein bisschen dunkel und muffig, wir waren aber sowieso fast nie zu Hause. Tagsüber gingen wir wandern, im Mittelmeer baden, Gelato essen und genossen das Dolce far niente. Es waren schöne Ferien – jedenfalls bis zum letzten Tag.

Am Tag der Abreise mussten wir in aller Frühe aufstehen, um den Schnellzug nach Mailand zu erwischen. Über Nacht hatten wir die Türe abgeschlossen und als wir am nächsten Morgen von innen den Schlüssel drehen wollten, reagierte das Schloss überhaupt nicht. Ich drehte fester und auf einmal hatte ich den hinteren Teil des Schlüssels in der Hand, der vordere steckte im Schloss fest und die Tür war immer noch zu. Mann, war das scheisse. Der Zug fuhr bald und im Haus drin hatten wir keinen Handyempfang. Und wie bereits erwähnt: Es gab kein Fenster, durch das wir nach draussen hätten klettern können. Die einzige Möglichkeit war der Balkon im ersten Stock.

Zuerst schmissen wir also unsere Gepäckstücke auf den Balkon und begannen dann die Bettlaken aneinanderzuknüpfen. Wir knoteten das eine Ende um das Balkongeländer und liessen uns mehr oder weniger elegant dem Leintuch entlang auf den unteren Balkon gleiten. Wir krallten uns das Gepäck und rannten zum Bahnhof. Beim Blick zurück sahen wir das Leintuch lieblich in der Mittelmeerbrise flattern ... Diesen Anblick vergesse ich nie mehr!


Thomas, 24

Auf einem Trip durch Island haben meine Familie und ich ein Flugzeugwrack angeschaut, das auf einem schwarzen Strand liegt. Meine Schwester hat dort beim Wrack einen Typen angesprochen. Es war ein Deutscher, der als Backpacker durch ganz Island gewandert ist. Wir haben uns mit ihm unterhalten, er hatte viel Interessantes zu erzählen. Ernährt hat er sich während seiner Wanderung vor allem von Astronautennahrung und Energieriegeln, weil das halt am wenigsten Platz braucht. Trotzdem hatte er einen riesigen Rucksack dabei – fast 30 Kilo schwer!

Für den letzten Teil seiner Reise haben wir ihm noch Schokolade mitgegeben. Wir haben ihm auch angeboten, ihn ein Stück mit dem Auto mitzunehmen, aber er wollte unbedingt Autostoppen. Seine Reise war beinahe zu Ende und er erzählte uns, dass er in Reykjavik noch an ein Musikfestival gehen will. Fünf Tage später sind meine Schwester und ich in Reykjavik spontan an irgendein Musikfestival, an dem vor allem Metal gespielt wurde. Und wen haben wir da getroffen? Den Backpacker natürlich. Die Welt ist also klein.


Tharaneh, 24

Im Studium haben wir mal eine Reise nach Colmar gemacht, um den Isenheimer Altar anzuschauen. Der ganze Morgen war schon stressig, alle waren mit Anmeldungen für Austauschsemester beschäftigt. Aber alles hat geklappt und wir sind dann mit dem Car nach Frankreich gefahren.

Wir waren den ganzen Tag vor Ort und haben diesen Altar studiert. Irgendwann wurde es Zeit, heimzufahren, aber wir wollten vorher noch rasch etwas Essen gehen. Nachdem wir in einem Restaurant etwas Kleines gegessen hatten, wollten wir zum Car aufbrechen. Ich musste nur noch kurz auf die Toilette. Während ich die Tür zum Klo zuziehe sehe ich wie in Zeitlupe, dass der Türgriff runterfällt. Das Bad hatte keine Fenster, gar nichts. Und es war winzig. Zum Glück habe ich keine Klaustrophobie. Ziemlich bald stand dann zum Glück jemand vor der Tür und ich habe mit Müh und Not auf Französisch erklärt, dass ich in diesem Loch eingesperrt bin. Sie haben alles mögliche versucht, um die Tür zu öffnen. Aber scheinbar wohnt die einzige Person in diesem Städtchen mit dem passenden Werkzeug am anderen Ende und war nur mit dem Mofa unterwegs – es hat absurd lange gedauert.

Ich musste schliesslich meinen Dozenten anrufen und ihm erklären, dass ich auf einem Klo eingeschlossen war und eventuell zu spät kommen würde. Er meinte, sie müssen pünktlich abfahren und ich hätte noch eine halbe Stunde Zeit. Kurz danach kam endlich dieser Handwerker und befreite mich. Ich habe meine Sachen gepackt und schaffte es gerade noch zum Bus, wo ich mit Applaus empfangen wurde.

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