offene Beziehung

Warum ich zur Maniküre gehe, wenn mein Freund mit einer anderen schläft

Eifersucht kostet Tränen und kaputte Teller. Aber es lohnt sich, sie auszuhalten – auch für monogame Paare.

von Katja Lewina
01 März 2017, 8:36am

Foto: Malomalverde | Flikr | CC BY-SA 2.0

Als mein Freund sich das erste Mal mit einer anderen Frau traf, ging ich in dieser Zeit zum ersten Mal in meinem Leben zur Maniküre. Damit meine Hände unter keinen Umständen seine Nummer wählten, um zu fragen, wie es denn lief.

Als er zum ersten Mal über Nacht wegblieb, gab's eine nervöse Renovier-Aktion. Unsere Küche war danach türkis, und ich fand die Farbe zum Kotzen. Mein Freund musste am nächsten Tag die Wände weiß übermalen. Während ich ihm all seine Verfehlungen der letzten Jahre aufzählte.

Ich habe nichts dagegen, dass mein Freund mit anderen schläft – schließlich darf ich dasselbe machen. Aber die Spitzen in Richtung seiner Affären kann ich mir nicht verkneifen: Haare zu blond, Hintern zu breit, Nachrichten zu dumm, Beruf zu langweilig, Augen zu traurig … Ich hätte sogar an Emily Ratajkowski irgendetwas Abstoßendes gefunden. Keine war gut genug.

Eifersucht holt echt das Mieseste aus mir raus. Und ich kenne Leute, die noch viel weiter gehen: Sie lesen heimlich die Nachrichten ihres Partners, orten sein Handy oder durchsuchen seine Sachen auf Indizien. Man muss nicht in einer offenen Beziehung leben, um eifersüchtig zu sein. Man muss dafür nicht mal ein Mensch sein. Sogar Hunde flippen aus, wenn ihr Besitzer einen anderen Hund streichelt.

Bei uns Menschen beginnt Eifersucht kurz nach der Geburt: Babys fangen an zu weinen, wenn ihre Mami einen fremden Spross auf den Schoß nimmt. Evolutionsbiologisch ist das logisch: Würde die Mutter das Baby wegen eines neuen Kindes vergessen, bedeutet es seinen sicheren Tod. Später wird das Kind mit seinen Geschwistern um die Aufmerksamkeit der Eltern buhlen.

Oder todunglücklich dabei zusehen, wie die beste Freundin mit einem anderen Mädchen abzieht. Oder eine Szene machen, wenn ihr Freund zu lange auf einen fremden Hintern geglotzt hat. Das hat die Natur mit Absicht so eingerichtet: Hätten diese beiden ein Kind, würde das Interesse für eine andere Frau die gemeinsame Aufzucht des Nachwuchses in Gefahr bringen. Andersherum riskiert ein Mann bei weiblicher Untreue, sich sein Leben lang um Kuckuckskinder kümmern zu müssen.

Eifersucht ist also eine Art innere Alarmanlage, eingebaut von der Natur zum Zweck der Erhaltung unserer Spezies. Ein Überlebenstrieb, sozusagen. Und wie das bei Instinkten nun mal so ist, funktionieren sie auch dann, wenn es gar keinen Grund mehr für sie gibt. Kein Baby wird verlassen, nur weil seine Mutter kurz mal das Kind einer Freundin auf den Arm nimmt. Kein Hintern dieser Welt wird für den Hungertod deiner Nachkommen verantwortlich sein. Außerdem hast du vermutlich noch nicht mal welche.

Die Autorin | Foto: Marcus Möller

Auch wenn wir alle auf Eifersucht programmiert sind, variiert sie in ihrer Intensität von Mensch zu Mensch sehr. Mein Freund erlaubte mir von Anfang an alles, während ich lange damit zu kämpfen hatte, ihm die gleichen Freiheiten zuzugestehen, die ich mir nahm. Er bot sogar an, sich selbst für eine Weile zurückzunehmen, bis ich mich bereit dafür fühlte, ihn gehen zu lassen. 

Der Unterschied zwischen uns beiden: In meiner Familie gab es Armut, Migration und Scheidung. Mein Freund hingegen atmete in seiner Oberschicht-Bilderbuchfamilie Geborgenheit. Man muss nicht Psychologie studiert haben, um zu ahnen, dass unsere Prägung da mehr als ein Wörtchen mitzureden hat.

Trotzdem wird auch mein Freund hin und wieder eifersüchtig. Und zwar immer dann, wenn ich mehr Zeit mit jemand anderem verbringe als mit ihm. Wenn ich mit meiner Energie und meinem Kopf woanders bin. In solchen Fällen kann Eifersucht auch ein Warnsignal dafür sein, dass es Zeit ist, eine Kurskorrektur vorzunehmen, bevor man sich allzu sehr voneinander entfremdet.

Meistens steht Eifersucht aber einfach nur im Weg, eine gute Beziehung zu führen. Sie macht uns misstrauisch und besitzergreifend, lässt uns unsere eigene Ohnmacht spüren. Die Angst, verlassen zu werden. Nicht gut genug zu sein. Und es bringt wenig, Eifersucht zu unterdrücken oder die Auslöser dafür zu minimieren. (Nicht auf den fremden Hintern gucken, nicht mit dem Ex-Freund treffen, keine Pornos schauen.) Der Schmerz wird bleiben – jedenfalls falls du einen Hang zu Eifersucht hast. Er wird sich seinen Weg bahnen, und sei es nur durch unterschwellige Angst um die Beziehung.

Sich mit meiner Eifersucht auseinanderzusetzen, war verdammt hart, hat viele Tränen gekostet und auch ein paar Stücke unseres Parade-Geschirrs. Aber es hat sich gelohnt, mich meinen Unsicherheiten zu stellen. Hier sind die Dinge, die mir geholfen haben klarzukommen. Ich denke, dass sie funktionieren, ganz gleich, in welcher Art von Beziehung du lebst – offen oder monogam.

Reality-Check

Viele Menschen sehen Eifersucht als Schwäche und haben Angst, sie zuzulassen. Aber niemandem ist mit Tapferkeit geholfen. Sei ehrlich zu dir selbst: Du bist eifersüchtig. Kein Grund, sich zu geißeln. Du hast ein Recht auf deine Gefühle, verdammt!

Du bist für deine Eifersucht selbst verantwortlich

Wir geben gern anderen die Schuld für unsere Gefühle, aber damit liegen wir falsch. Dein Partner kann dir zwar helfen, die Eifersucht zu lindern, aber nur du bist dafür verantwortlich, wie du dich fühlst. Eifersucht ist eine Emotion, die durch Gedanken verursacht wird. Und du bist derjenige, der Kontrolle über deine Gedanken hat. Sie neu zu programmieren, braucht Arbeit – die dir niemand abnehmen kann.

Karten auf den Tisch

Rede mit deinem Partner über deine Eifersucht – sonst sucht sie einen anderen Weg, an die Oberfläche zu kriechen. Erzähl alle deine miesen Gedanken, deinen Ängste und Doppelmord-Phantasien. Es wird dich befreien und euch näher zusammen bringen.

Ertrage die Eifersucht des anderen

Als Partner empfinden wir Eifersucht oft als lächerlich oder anstrengend. Ist sie möglicherweise auch. Trotzdem heißt es: aushalten. Und das ohne Vorwürfe und ohne genervt zu sein. Also erzähle ihm zum 20. Mal, dass er der Beste, Tollste, Großartigste ist – und dass du nicht mit dem anderen durchbrennst.

Selbstanalyse

Deine Eifersucht hat viel mehr mit dir zu tun als damit, was dein Partner gerade anstellt. Was genau macht dich eifersüchtig? Dass er mit seiner Affäre tollere Sachen macht als mit dir? Fordere das ebenfalls ein. Dass die andere größere Brüste hat als du? Lerne, mit dir selbst klar zu kommen (oder fang an, auf eine Vergrößerung zu sparen).

Hol Hilfe

Vielleicht gibt es etwas Konkretes, das dein Partner tun kann, um es dir leichter zu machen. Vielleicht können dich alle Details über sein Date trösten. Oder After-Date-Sex. Oder eine einfache WhatsApp-Nachricht: "Ich liebe dich, und ich komme zu dir zurück."

Nichts gilt für immer

Manchmal helfen alle diese Tipps nicht und es ist es einfach zu viel. Wenn einer von euch eine Pause von dieser Anstrengung brauchst, nehmt sie euch. Tankt monogame Sicherheit, bis ihr euch wieder stark genug fühlt.

Inzwischen bin ich sehr, sehr entspannt, wenn mein Freund ein Date hat. Ich würde zwar nicht behaupten, hundertprozentig frei von Eifersucht zu sein, aber ich habe mich ziemlich gut mit ihr angefreundet. Immerhin gibt sie mir Bescheid, wenn etwas nicht stimmt. Und das hat in den seltensten Fällen etwas mit meiner Beziehung zu tun, sondern viel eher mit mir selbst. Wenn mein Freund woanders übernachtet, genieße ich es inzwischen, das ganze Bett für mich allein zu haben. Und ich habe diese großartige Maniküre-Frau, von der ich mir inzwischen regelmäßig die Nägel machen lasse. Und zwar dann, wann ich es will.

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