Ich war am Leserbriefkurs bei Ulrich Schlüer

Du fragst dich wo die ganze Leserbriefhetze herkommt? Wir waren an der Quelle.

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01 Juli 2014, 10:37am

Foto von Vasile Cotovanu | Flickr | CC BY 2.0

Die NZZ war so freundlich, auf einen herzigen Anlass bei Ulrich Schlüer und seinem Gspändli hinzuweisen. Ulrich Schlüer und Hans Fehr luden in Aarau zum Anti-EU-Leserbriefkurs ein. Nicht jeden Tag kommt man in den Genuss von Schreibunterricht bei zwei ehemaligen Lehrern, die gleichzeitig SVP-Hardliner sind.

Mit ihrem Crash-Kurs wollen sie dazu ermuntern, in Schweizer Zeitungen gegen den „schleichenden EU-Beitritt“ anzuschreiben. Der Anlass war vielversprechend: Man hätte vielleicht erwarten können, dass der Anlass zu einem Polit-Rambazamba würde, an dem Wutbürger vom cholerischen Alt-Schulmeister scharf gemacht werden.

Aber nichts da: Eigentlich war der Event des überparteilichen Komitees „Nein zum schleichenden EU-Beitritt“ ziemlich fade. Etwas über zwanzig Nasen interessierten sich für den Polit-Nachhilfeunterricht im Hotel-Konferenzraum. Ihnen hat man Mineralwasser ausgeschenkt.

Foto von Schweizer Parlament | Wikimedia Commons | Frei verwendbar mit Quellenangabe

Ulrich Schlüer, alt-Nationalrat und Chefredakor der nationalkonservativen Schweizerzeit, machte den Anfang. Er nahm die süffisant formulierte Ankündigung seiner Lehrstunde in der NZZ mit Humor: „Auch diejenigen, die uns auf die Finger schauen wollen, sind willkommen—sie können ja schliesslich nur gescheiter werden“, sagte er schmunzelnd und erntete Zustimmungslacher. Anschliessend listete Schlüer in einem langen Vortrag mit Hellraumprojektor-Folien die Argumente des Komitees auf. Begriffe wie Kolonialvertrag, Untertanen und fremde Richter fielen dabei ziemlich oft.

Dann war der SVP-Nationalrat Hans Fehr an der Reihe: „Jedes Blatt des Vortrags von Ulrich Schlüer könnte ein Leserbrief sein“, lobte er. Dann gab Fehr praktische Tipps, um die Chancen auf Veröffentlichung des jeweiligen Ergusses zu steigern. Bezug zum Artikel, klare Aussagen und kurze Sätze nannte er unter anderen Empfehlungen.

Als Muster-Leserbrief präsentierte Fehr einen Text über die knallharte Einwanderungspolitik in Australien, an der sich die Schweiz gefälligst ein Vorbild nehmen sollte. Von Beschimpfungen riet er jedoch tunlichst ab, worauf sich gleich ein älterer Herr meldete, um von seinen Erfahrungen mit Briefen gegen die Bundesrätin Doris Leuthard zu sprechen: „Das Wort Öko-Diktatur funktioniert im Titel, Verräter-Doris hingegen nicht“, meinte der.

Foto von anna_imc | Flickr | CC BY-SA 2.0

Regelmässig brachten Schlüer und Fehr das Argument, dass der Bundesrat seine EU-Gelüste mit Gummibegriffen verschleiern wolle. Das soll man anprangern. „Vedrehung“ könnte zum Beispiel im Titel eines Leserbriefs vorkommen. Darauf grollte ein schnauzbärtiger Mann: „Nach einer Podiumsdiskussion wollte mir einmal ein Journalist eine hueredumme Frage stellen“, erzählte er.

Voller Stolz präsentierte er seine schlagfertige Antwort: „ Da hab ich ihm gesagt, dass du auch mal den Arsch für eine Spritze hinhalten musst, falls dieses Gesetz durchkommt!“ Zum Schluss empfahl Hans Fehr, ruhig aus den ausgefeilten Reden von Christoph Blocher zu kopieren: „Im Gegensatz zu den Bankdaten können Sie hier ruhig das Urheberrecht ignorieren“, meinte er lachend.

Foto von Schweizer Parlament | Wikimedia Commons | Frei verfügbar mit Quellenangabe

Das überparteiliche Komitee wollte auch ausserhalb des SVP-Kuchens auf Unterstützersuche gehen. Daher gab sich Ulrich Schlüer in seinen Beispielen als Tierfreund und bemühte den Transport von Lebewesen als Argument gegen den EU-Beitritt. „Es ist auch hochinteressant aus tierschützerischer oder energetischer Sicht gegen den schleichenden EU-Beitritt zu schreiben“, erklärte Fehr in derselben Manier.

Überhaupt war die Schreibstunde nicht einfach nur ein SVP-Anlass: Im Publikum sass etwa auch ein Vertreter der Vollgeld-Initiative, welcher sein Anliegen einzubringen versuchte. Ein Politiker aus Dietikon stellte sich als Gewerkschafter vor und eine weitere Teilnehmerin outete sich als Kommentarschreiberin bei Bazonline.

Foto von Metro Centric | Flickr | CC BY 2.0

Während viele politische Gruppierungen mit einem „Social-Media-Experten“ aufwarten, bleibt das Komitee der EU-Beitrittsgegner beim guten alten Leserbrief. Hans Fehr ist sich bewusst, dass „die Jungen facebooken und twittern.“ Ahja. Danke auch für den väterlichen Tonfall. Nichts gehe aber über den Leserbrief, den man gemütlich beim Kaffee lese, um dann die Aussage dieses „Siechs“ zu verstehen.