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Verschwörungstheorien

Marvin Game sagt, Schulbücher verbreiten Lügen über den II. Weltkrieg – und das ist ein Problem

Wir haben ihn gefragt, was das soll.

von Johann Voigt
18 Juni 2019, 12:40pm

Marvin Game (r.) und Leon Lovelock || Screenshot aus dem YouTube-Video "Marvin Game über 'verrückte' Verschwörungstheorien, HotBox, Kiffen & Kindheit" von Leon Lovelock

Blauer Himmel, Sonnenschein, Geschichtsrevisionismus. Die Wasserpfeife blubbert, der Rapper Marvin Game und der Fitness-YouTuber Leon Lovelock haben sich im Café zum Gespräch getroffen. Sie unterhalten sich, als wären sie alte Freunde, hauptsächlich über Harmlosigkeiten. Doch dann sagt Marvin Game plötzlich – es geht gerade um Pyramiden-Verschwörungstheorien –, dass Schulbücher Lügen über den 2. Weltkrieg verbreiten würden.

Die lügenden Schulbücher seien von den "Kriegsgewinnern", den "Kriegshelden" geschrieben worden, behauptet er. Und dann geht es, als wäre nichts gewesen, plötzlich wieder um andere Themen. Das Video zum Gespräch hat mittlerweile fast eine Viertelmillion Aufrufe.

Was war denn das?, fragen sich viele Fans und Zuschauer. Wie Marvin Game in diesem Interview argumentieren auch Ultrarechte und Holocaustleugner, um ihre menschenverachtende Ideologie zu legitimieren. Warum springt Marvin Game, in dessen Musik es ums gute Leben und das gute Gras geht, darauf auf? Denkt er wirklich so?

Um das zu verstehen, muss man sich seinen Interviewer genauer ansehen.

Seit einigen Monaten befragt Leon Lovelock in seinem Format "Komm ins Café" Rapper. Die Videos sind Gespräche in Blockbusterlänge. Es geht um alles, wortwörtlich um Gott und die Welt. Ein Grossteil der Gespräche ist harmlos, mal lustig, mal belanglos, mal spannend. Doch in einigen Videos spricht Lovelock mit Rappern auch über Verschwörungstheorien. Diese Videos sind seine erfolgreichsten. Es geht um die flache Erde, um die da oben, um Pseudowissenschaftler, die glauben mit Pflanzen Aids oder Krebs heilen zu können, um "freie Energie", die Antarktis-Verschwörung oder eben um Schulbücher. Es wird vor allem viel behauptet oder es werden Suggestivfragen gestellt, die implizieren, dass ganz sicher was faul sei auf dieser Welt. Konkret wird es nie, Belege gibt es keine.

Leon Lovelocks Reaktion: "Dankeschön, Dankeschön". Nicken, Zug an der Shisha, weiter geht’s.

Durch seine bejahende Art bringt Lovelock Rapper wie PA Sports, Kollegah oder Kianush dazu, immer weiter zu reden, sich in Themen reinzusteigern, immer absurdere Thesen aufzustellen. Er reproduziert in einigen seiner Videos, die hunderttausendfach von jungen Menschen angeklickt werden, Verschwörungstheorien. Er sagt, er wolle in seinen Gesprächen "philosophieren" und "kritisch hinterfragen", hinterfragt aber meistens keine einzige Antwort, auch die geschichtsrevisionistische Aussage von Marvin Game nicht. Lovelocks Reaktion: "Dankeschön, Dankeschön". Nicken, Zug an der Shisha, weiter geht’s.

Marvin Game hat seinen Fehler mittlerweile erkannt. Gegenüber VICE sagt er: "Was ich zu korrigieren habe, ist das Wort 'Lügen'; 'Lügen über den Zweiten Weltkrieg'. Das ist politisch unkorrekt und überzogen." Es sei ihm darum gegangen, darauf hinzuweisen, dass man Geschichtsbücher auch hinterfragen kann, dass man mehrere Quellen nutzen sollte, um sich von geschichtlichen Ereignissen ein Bild zu machen.

Ein paar Memes reichen nicht

Im Gespräch mit VICE wird klar, dass Marvin Game weder rechtsextrem ist, noch ein Geschichtsrevisionist. Es wird aber auch klar, dass Medien und Zuschauende bei Gesprächen von Leon Lovelock stark darauf achten müssen, was gesagt wird, damit solche gefährlichen Aussagen, auch wenn sie nicht so gemeint waren, richtig gestellt werden. Leon Lovelock macht es nicht, sieht sich offensichtlich auch nicht in der Verantwortung dafür.

"Ich habe mich lange nicht mehr mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt, das letzte Mal vor acht Jahren oder so." – Marvin Game

Ein paar Memes zu erstellen, sich eine Woche über Marvin Game und Leon Lovelock lustig zu machen, sie als dumme Spinner darzustellen – das reicht nicht. Es ist wichtiger, grenzwertige Aussagen zu widerlegen oder sich die Behauptungen erklären zu lassen. Auf die Frage, was über den Zweiten Weltkrieg in Geschichtsbüchern denn nun gelogen sei, wiederholt Marvin Game noch einmal: "Das Wort 'Lügen' ist überzogen, das war nicht korrekt und hat sehr viel Freiraum für Spekulationen gelassen." Er findet die Kritik an seiner Aussage legitim. Am Ende sagt er noch: "Ich habe mich lange nicht mehr mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt, das letzte Mal vor acht Jahren oder so."

Im Interview mit Lovelock geht es ausserdem um freie Energie, um undefinierbare “alles lenkende Kräfte”, denen man sich nur entgegenstellen kann, wenn man selbst Milliardär ist. Es könne aber passieren, dass man von ihnen aus dem Weg geräumt werde.

Truther-Doku als Inspiration

Er sagt im Gespräch mit VICE auch, dass ihn die Dokumentation Thrive sehr interessiert habe, weil dort mit Fakten und Quellen gearbeitet werden würde. Er vertraue dieser Dokumentation. Seine These zu den Machteliten, an die man nicht herankomme, wenn man nicht selbst Milliardär ist, begründet er so: "Ich weiss nicht, ob es eine Machtelite gibt, die an einem Tisch sitzt und darüber diskutiert, wie die Welt auszusehen hat. Ich glaube aber, dass es einige sehr mächtige Menschen gibt, die einen sehr grossen Einfluss haben: auf Wirtschaft, auf Medizin, auf Politik, auf Ernährung und auch auf Forschung. Die Menschen arbeiten sehr oft mit einem wirtschaftlichen Interesse."

Das ist auch die Argumentation von Thrive. Sie wurde produziert von Foster Gamble. Der inszeniert sich als Universalgelehrter und springt in zwei Stunden von Ausserirdischen über pflanzliche Mittel, die angeblich Krebs heilen können, zu ominösen Finanzeliten. Auch antisemitische Klischee-Erzählungen über die Rothschilds werden darin verbreitet, Erdbeben vor Japan und auf Haiti seien ausserdem menschengemacht.

"Ist es denn so falsch und so fragwürdig, zu behaupten, dass hinter vielem was auf der Welt passiert, ein wirtschaftliches Interesse steht?", fragt Marvin Game? Nein, ist es natürlich nicht.

Kritik an Korruption und an Unternehmen, die unethisch handeln ist berechtigt. Investigativjournalisten und Whistleblower decken immer wieder Korruptionen und illegale Verstrickungen auf. Thrive aber zimmert teils menschenfeindliche Theorien zusammen, die oft jeglicher Grundlage entbehren oder bereits mehrfach widerlegt wurden.

Es ist falsch Leon, Lovelock und Marvin Game per se als Idioten abzustempeln. Dafür sagen sie in ihrem Interview viel zu viele Sachen, die völlig in Ordnung sind. Vor allem, wenn es um Gebiete geht, in denen sie Experten sind: Musik, Fitness, YouTube.

Aber einfach zu "philosophieren", ohne wirklich Bescheid zu wissen, ungeprüft als Fakt hinzustellen was womöglich aus einer Truther-Doku stammt – das ist gefährlich. Vor allem dann, wenn man so viele Anhänger hat: Marvin Game folgen 114.000 Menschen auf Instagram, Leon Lovelock haben 370.000 YouTube abonniert. Manchmal ist ein einfaches "Darüber weiss ich nichts" der beste Weg.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.