Menschen

Coronavirus: Ich habe einen Tag lang wie ein Prepper gelebt

Auf meiner Liste: Klopapier, neun Liter H-Milch und ein Huhn.

von Anna-Sophie Dreussi
06 März 2020, 9:01am

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Dass Desinfektionsmittel überall ausverkauft sind, finde ich nicht weiter schlimm. Ich sitze zu Hause mit zwei vollen Handdesinfektionsgels, einmal mit Kamille, einmal mit Aloe Vera, und fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben in meiner Zwangsstörung bestätigt. Die ist auch der Grund, warum ich schon Hände waschen kann, ganz ohne Anleitung, schon vor dem Aufruf der Behörden. Wenn Männer jetzt ihre Hand an meine Hand drücken und sagen: "Oh, du hast aber kleine Hände." denke ich: "Ja, danke. Dafür hat's auf deiner mehr Platz für Corona."

Aber irgendwann werden meine zwei Handdesinfektionsgels aufgebraucht sein und ich werde mich auf andere Weise vor Corona und den daraus entstehenden Folgen schützen müssen. Also starte ich ein Experiment: Einen Tag lang leben wie ein Prepper.

Desinfektionsspray kann nicht schaden
Desinfektion, Einwirkzeit: 1 Minute

Ein britischer YouTuber führt mich in seinem Video durch das Pandemic Preparedness Pack, ein PDF-Dokument, das er entworfen hat, damit sich jeder auf die Konsequenzen des Coronavirus vorbereiten kann. Er hat die klassische Ausstrahlung von limitierter Kompetenz des Durchschnitts-IT-Typen. Man würde ihm vertrauen, wenn es darum geht, die Bitcoins, die bei deinem Drogenkauf aus dem Darkweb vor zehn Jahren übriggeblieben sind, auf einem alten Laptop wiederzufinden. Die richtige Größe Hose kaufen kann er aber nicht. Trotzdem denke ich mir, wenn schon Pandemie, dann mit ihm.

Forscher gehen davon aus, dass es bestimmt noch ein Jahr dauern soll, bis ein Impfstoff auf den Markt kommt. Deshalb ist auch nicht klar, für wie viel Zeit in Quarantäne ich mich vorbereiten soll. Gut wäre es natürlich für den Fall, dass die Zeitdauer länger als zwei Wochen ausfallen soll, sich selbst versorgen zu können. Ich lese den Erfahrungsbericht einer Amerikanerin, die sich freiwillig 19 Tage einer Quarantäne unterzogen hat, um herauszufinden, worauf man achten muss. Sie betont, wie nützlich es ist, eigene Hühner auf dem Grundstück zu haben. Einen Hof auf dem Land habe ich nicht, aber einen Innenhof mitten in Neukölln. Aber erstmal gehe ich in den Supermarkt, da muss ich schnell hin, denn auf die Idee sind schon viele gekommen.

So sieht ein perfekter Prepper-Einkauf aus
Der perfekte Prepper-Einkauf

Ich schnappe mir einen Einkaufswagen. Wenn ich alle drei Jahre mal beim Yoga bin, desinfiziere ich meine Matte schon vor der Stunde nicht nur danach. Das ist mir peinlich, denn es ist wie, Matthias Schweighöfer heiß zu finden oder Mark Forster zu hören, etwas, das man nur heimlich machen sollte. Das ist das Gute an Corona. Denn spätestens jetzt ist es gesellschaftlich akzeptiert, den Griff des Einkaufswagens vor der Nutzung mit Flächendesinfektion einzusprühen. Obwohl ich es eine Minute einwirken lasse, fühlt sich der Griff dreckig an. Das muss der.

Ich erinnere mich an Luca aus meiner Kindergartengruppe, der immer Sand gegessen hat. Ich fand das eklig. Die Mutter fand das nicht weiter schlimm: "Das stärkt doch die Abwehrkräfte!" Ich frage mich, ob Luca jetzt Corona hat oder, ob wir mal alle besser Sand gegessen hätten.

Vom Coronavirus merkt man im Supermarkt wenig. Außer Toilettenpapier und Pasta ist alles noch in akzeptablen Mengen vorhanden. In Neukölln hat man wohl weniger Angst.

Wurst im Glas zerbricht leider schnell
Lange haltbar, aber hat sich trotzdem nicht lange gehalten: Wurst im Glas

"Tins of Beans, Tins of Veg, Tins of Fruit Salad, Tins of Meat …" Die Hälfte der Nahrungsmittel auf meiner Liste kommt aus der Dose. Ich fange an, die Dosen, Haferflocken und H-Milch in meinem Einkaufswagen zu stapeln. Frische Früchte und Esswaren aus dem Kühlregal sind verboten, falls die Infrastruktur zusammenbricht und der Strom ausfällt.

Doch als ich mich mit meinem Einkauf ein paar wenige Meter vom Supermarkt entferne, fordert das Coronavirus schon das erste Opfer: Ein Würstchen-Glas rutscht vom übervollen Einkaufswagen und zerbricht auf dem Pflaster.

Als Nächstes kümmere ich mich um die Gesichtsmaske. Nachdem über die letzten Tage in allen Beiträgen zum Coronavirus eine Apothekerin zu Wort gekommen ist, um zu bestätigen, dass die Gesichtsmasken tatsächlich ausverkauft sind, versuche ich es im Baumarkt. Doch auch hier waren vorausschauende Prepper schneller. Das finde ich auch irgendwie OK. Meine Prepping-Experience ist ein bisschen wie Fahrradfahren ohne Helm. Wenigstens sehe ich cool aus, wenn ich sterbe.

Jetzt fehlt nur noch das Huhn.

Feinstaubmasken sind ausverkauft
Schlechte Zeiten für Leute, die wirklich eine Atemschutzmaske brauchen.

Mein Recherche führt mich zum Artikel Self-Sufficiency Superstars – Pickin’ a Chicken auf einer Prepping-Webseite. Weil ich mich über die vergangenen Stunden schon immer mehr zur Doomsday-Prepperin entwickelt habe, stellt selbst die Aufgabe, in einer Großstadt wie Berlin Hühner zu finden, kein Problem mehr für mich dar. Ein Freund mit einer Agentur in Mitte sagt mir, er würde welche in seinem Innenhof halten.

Während der ersten Minuten hätte mir ein Huhn fast ins Auge gepickt. Doch nach diesen Startschwierigkeiten sind Alberta und ich direkt ein Herz und eine Seele. Mit ihr an meiner Seite fühle ich mich direkt etwas vorbereiteter für den Extremfall. Ich entscheide mich dennoch dafür, sie nicht mit nach Hause zu nehmen – auch wenn sie meine Dosen verteidigt hätte, und ich sie zur Not hätte verspeisen können. Ich weiß ja nun, wo ich sie finde. In der Not.

Und doch: Ich will Epidemie nicht auf die leichte Schulter nehmen. Der Pandemie-Guide des Vertrauens prophezeit nicht nur Zwangsquarantäne, sondern den kompletten Zusammenbruch der Gesellschaft, was wiederum einen hohen Grad an Gewalt und Kriminalität zur Folge hat. In einem Waffenladen suche ich nach Experten.

Das Huhn greift unsere Autorin an
Alberta brauchte ein bisschen, bis sie sich an unsere Autorin gewöhnt hatte

Das einzige Geschäft dieser Art in Neukölln führt keine scharfen Waffen, sondern nur Airsoft-Gewehre, doch wie es sich herausstellt, sollte das kein Problem sein. Ich frage den Verkäufer, ob er mir sagen kann, wie ich am besten das Frühstücksfleisch und die Bohnen verteidige. Oder wie ich den Kaffee-Jogurt mild von irgendeiner Pilates-Tante mit zu kurzem Pony zurückerobere. Seine Antwort überrascht mich:

"Soweit wird es kommen. Man wird sich verteidigen müssen. In Berlin haben viele Leute Waffen, weißt du? Ich habe keine Waffe. Am Ende lachen aber die, die Waffen haben."

Während er mir Modelle von Waffen, die im Zweiten Weltkrieg benutzt wurden, zeigt, frage ich ihn, wie er sich denn verteidigen will.

"Ich habe ja wie gesagt keine Waffe. Ich werde mir wohl im Baumarkt eine Sense holen müssen."

Eine Zwille hilft
Eine Steinschleuder sei "unentbehrlich", sagt der Mann aus dem Waffenladen

Bevor ich den Laden verlasse, zeige ich seinem Kollegen und ihm die Liste an nötigen Waffen und Schutzgegenständen aus dem Pandemie-Ratgeber. Beide lachen. "Mehrere Waffen auf dieser Liste fressen sich gegenseitig auf. Klar, das sind schon viele nützliche Dinge dabei. Aber das kann man ja auch nicht alles tragen." Eine Empfehlung geben sie mir:

"Eine Katschi, also eine Steinschleuder, ist schon unentbehrlich. Die kannst du auch mitnehmen, falls du im Notfall das Haus verlassen musst."

Sense und Steinschleuder, alles klar. Mit diesem Ratschlag fühle ich mich in der Lage, meine Hühner und die 9 Liter haltbare Milch zu verteidigen.

Ein perfektes Preppermenü
Das McPrepper-Menü

Nun ist es Zeit für mein erstes Essen als Prepperin. Ich staple den Einkauf auf meinem Küchentisch und öffne ein paar Dosen. Wie sieht eine ausgewogene Prepper-Mahlzeit aus? Die Gerüche, die aus den verschiedenen Dosen strömen, vermischen sich zu einer Kombination aus Katzenfutter und Essig. Die merkwürdige Auswahl an sorgfältig drapierten Häufchen auf meinem Teller sagt mir, dass Tapas während der Apokalypse ein großes Ding sein werden. Wenn Jamie Oliver sagt "Eat the rainbow", dann meint er genau das. Ich frage mich, ob Pfirsiche aus der Dose Skorbut wohl aufhalten können.

Ob das alles was bringt, wird sich noch zeigen. Ich bin vorbereitet. Mit einem Prepping-Ratgeber kann sich jeder vorbereiten. Vielleicht wäscht man sich aber einfach öfter die Hände und macht im besten Fall eine Gewohnheit daraus. Die kann man nämlich nach dem Coronavirus immer noch brauchen.

Nicht happy aber satt: Unsere Autorin Anna Dreussi
Preppen macht auf Dauer einfach nicht glücklich

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