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Ein Mensch stirbt, und jemand nutzt den Unfallort wie eine Kommentarspalte auf Facebook

Hasskommentare auf die Strasse zu kleben, kann gefährlich werden, sagt Philosophie-Professor Jan Slaby.

von Maria Christoph
20 August 2018, 7:15am

"Das war's dann!" Ein Hasskommentar am Geisterfahrrad in Berlin-Grunewald | Foto: O. Schwezow 

Er starb noch an der Unfallstelle. Über den Körper des 64-Jährigen rollten die Reifen eines tonnenschweren Lasters. Der LKW erfasste den Radfahrer an einer Kreuzung und verletzte ihn tödlich. Die Ampel in Berlin-Grunewald zeigte für beide Grün. Der Radfahrer wollte den LKW links überholen, als dieser schon zum Abbiegen nach rechts ausscherte.

Wer Schuld hat, ob jemand Schuld hat, ist bislang unklar, sagt die Berliner Polizei gegenüber VICE. Klar ist aber: Der Mann ist der achte Tote auf den Strassen Berlins, allein in diesem Jahr. Was von den Opfern bleibt, ist meist ein weisses Fahrrad, ein sogenanntes Geisterrad, das an den Unfallorten vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub aufgestellt wird. Blumen stehen dort, und Kerzen, Trauerbekundungen der Angehörigen. Und dieses mal auch ein anderes Schild mit Worten in Grossbuchstaben, fett gedruckt und mit Ausrufezeichen versehen:

"DAS WARS DANN! AUS, VORBEI FÜR EINEN DER RÜCKSICHTSLOSEN RASENDEN RENN-ROWDIES"

Ist das Zynismus? Ernst gemeint? Normalerweise würden Menschen ihr Beileid an solchen Unfallstellen bekunden, sagt ein Sprecher der Polizei: "Dass jemand das Opfer verhöhnt, habe ich noch nie erlebt." Anders sieht das Lara Eckstein, die Sprecherin des Deutschen Fahrradclubs: "Ich erlebe Victim Blaming immer wieder. Meistens passiert der Spott aber beiläufiger, ein im Konjunktiv formulierter Satz wie 'Selbst Schuld, hätte der Typ eben einen Helm aufgehabt' rutscht vielen Leuten raus", sagt sie. Durch die Geisterräder wolle man an die Politik appellieren, sicherere Verkehrssituationen zu schaffen. Das gefalle aber nicht jedem. Unfälle werden instrumentalisiert: Bin ich auf der Seite des Radfahrers oder auf der des LKW-Fahrers?

Es passiert immer wieder, dass Hass-Botschaften an die Orte geschmiert oder geklebt werden, an denen ein Mensch verunglückt ist. So malten Neonazis an der Stelle, an der ein neunjähriger syrischer Junge gestorben ist, ein Hakenkreuz und die Zeichen "1:0" auf die Strasse. Die beiden Fälle sind vielleicht nicht direkt vergleichbar. Doch das Verhalten dahinter schon, sagt Jan Slaby, Professor an der Freien Universität Berlin, der zum Thema Philosophie der Emotionen forscht. Es geht hier um etwas, das in unserer Kommunikation scheinbar verloren geht – online wie offline: die Empathie.

VICE: Kann man dieses Schild an einem Unfallort mit den Hass-Kommentaren im Internet vergleichen?
Professor Slaby: Ja, es ist den Kommentaren im Internet sehr ähnlich: die Art und Weise, wie die Botschaft formuliert ist, die Fettung, die Grossbuchstaben, das Ausrufezeichen. Menschen brüllen den ersten Impuls ihrer Wut und den Hass einfach so raus. Diese Art der Kommunikation erzeugt eine affektive Enthemmung. Das ist das gleiche enthemmte Kommunikationsverhalten wie in der Online-Welt.


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Warum fällt es den Leuten scheinbar so leicht, Hass zu verbreiten?
Im Internet fällt es ihnen leicht, weil die Schwelle so niedrig ist. Jeder kann einen abfälligen Kommentar abgeben, er oder sie füllt einfach nur das Kommentarfeld aus. Alles bleibt anonym. Und so ist es hier im öffentlichen Raum jetzt auch. Jemand heftet seinen Kommentar an den ursprünglichen Ort des Geschehens. Das ist eine neue Praxis, auf die Idee wäre vor 30 Jahren niemand gekommen, als es die Kommentarfunktion im Internet noch nicht gab. Das ist ein grosses Problem. Das Kommunikationsverhalten hat sich rücksichtsloser, aggressiver gestaltet und ist in die Offline-Welt übergeschwappt. Die Schwelle ist auch hier gesunken. Diesem Hass wird man sich in Zukunft also kaum noch entziehen können. Wir müssen diesen Wandel der Umgangsformen ernst nehmen.

Warum ist das ein Problem?
Weil so Formen der Empathie verlorengehen. Dinge werden ausgeblendet. Die Einzelschicksale und die Angehörigen, die an diese Stelle kommen, finden keine Beachtung. Sie sind wie rausgelöscht aus dem Aufmerksamkeitsrahmen. Oder es wird sogar bewusst in Kauf genommen, dass man diese Leute verletzt oder diffamiert. Diese Person hat aktiv danach gesucht, eine Schwelle zu überschreiten. Das Schild ist ein Extremfall, da ist jemand gestorben und dann wird das genutzt, um eine politische Streitigkeit auszutragen. Ich kann zwar den Groll gegen einen gewissen Typus Radfahrer verstehen, und auch, dass Menschen diese politischen Debatten über die Sicherheit im Strassenverkehr führen wollen: Raser sind ein Problem, und im Strassenverkehr prallen die Anliegen von LKW-Fahrern, Radfahrern, Autofahrern, Fussgängern aufeinander. Aber in diesem Fall wurden Anstandsgrenzen überschritten, das ist geschmacklos. Und sollte uns zu denken geben.

Man merkt an solchen Stellen, dass Leute gar nicht auf die Idee kommen, sich die Opferperspektive zu eigen zu machen. Das kann man vergleichen mit der Art und Weise, wie über Flüchtlinge diskutiert wird: Die Menschen blenden strukturell das Leid einzelner aus, die Sprache verroht.

Ein Foto von dem Schild wurde dann auf Twitter geteilt, darunter steht der Kommentar: "Das nennt sich Meinungsfreiheit". Was hat es damit auf sich?
Die Meinungsfreiheit wird hier in einer antidemokratischen Weise hochgehalten. Jeder Verstoss gegen die Regeln des toleranten Zusammenlebens wird dadurch legitimiert. Auch der düstere emotionale Impuls, der ungefiltert zum Ausdruck gebracht wird. Wie politische Kräfte das systematisch nutzen, um ihre Botschaften zu verbreiten, ist gefährlich.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.