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52 Männer, ein Spreadsheet – Carin Fishel hat zwei Jahre lang ihre Dates analysiert

Wenn also jemand das Geheimnis des Dating-Erfolgs kennt, dann doch wohl Carin Fishel. Ich habe sie angerufen, um ein paar heiße Tipps zu erfragen.

von Julian Morgans
13 September 2016, 6:00am

Carin in einem Selfie, das sie uns geschickt hat | Alle Bilder bereitgestellt von Carin Fishel

Mit dem Daten verbindet mich eine Hassliebe. Manchmal ist es magisch. Manchmal investiere ich zu viel Geld und Zeit, nur um mich zu langweilen und mir einen Kater einzuhandeln. In solchen Augenblicken frage ich mich, ob man die Partnersuche nicht irgendwie effizienter und weniger zufällig gestalten kann. Wenn ich aufhörte, nur auf die Chemie zwischen uns zu achten, und stattdessen wissenschaftlicher vorginge, könnte ich dann vielleicht ... "gewinnen"?

Natürlich ist mir mit dieser Idee schon jemand zuvorgekommen—typisch. Im Mai 2014 hat Carin Fishel aus Seattle angefangen, jede Einzelheit all ihrer Dates festzuhalten. Das Experiment lief bis Juni dieses Jahres; Carin war über zwei Jahre hinweg auf 90 Dates mit 52 Männern. Dann tat sie das einzig Vernünftige, was jemand mit einem solchen Datensatz tun kann: Sie stellte eine PowerPoint-Präsentation zusammen, um zu veranschaulichen, was sie erfahren hatte.

Ich war neugierig auf ihre Erkenntnisse, also habe ich sie angerufen und ihr einige Fragen gestellt.

VICE: Hey Carin, fangen wir doch mit deinem Hintergrund an. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Carin Fishel: Ich arbeite als UX-Designerin [User Experience Design] bei einer Firma für Datenvisualisierung. Mit diesem Projekt wollte ich Dating weniger ernst gestalten. Außerdem verbrachte ich so viel Zeit mit Dates, dass ich einfach etwas daraus machen wollte. So war die Zeit wenigstens nicht verschwendet, wenn es mit den Dates nicht klappte.

Hast du den Männern gesagt, dass du das machst?
Nein, ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass das nicht gut ankommt. Viele Typen haben sich deswegen richtig ins Hemd gemacht. Vor allem die, die mit Technik nichts am Hut hatten—die Musiker und Künstler wurden richtig paranoid.

Kann ich mir vorstellen. Wie hast du die Daten gesammelt?
In einem riesigen Excel-Sheet. Ich habe alles festgehalten: Alter, Herkunft, Größe, wie wir uns begegnet sind, Anzahl der Dates, hatten wir Sex, haben wir uns geküsst, wünscht er sich Kinder, wie viele Nachrichten haben wir vor dem Date ausgetauscht. Dann habe ich jeden auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet. 1 hieß "Diese Person ist mir egal", 5 bedeutete "Ich kriege ihn nicht aus dem Kopf". Nach zwei Jahren habe ich eine PowerPoint-Präsentation daraus gemacht.

Und was ist dir dabei als Erstes klargeworden?
Dass ich 334,5 Stunden auf Dates verbracht habe.

Das klingt nach sehr viel. Würdest du sagen, du hast dich dem Daten verschrieben?
Viele würden sagen, beim Dating geht es um Wahrscheinlichkeit. Je mehr Menschen man kennenlernt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden. Ich bin jetzt 35, also denke ich manchmal: "Ich muss daten, ich muss es einfach weiter versuchen." Dann denke ich wieder: "Ich kann nicht mehr." Es ist ein Auf und Ab.

Eine Folie aus Carins PowerPoint-Präsentation. Sie zeigt an, wie sie ihre Dates kennengelernt hat und wie sehr sie sie jeweils mochte. "Too much upfront information" bedeutet, dass sie auf Dating-Seiten mit viel Raum für persönliche Angaben seltener sympathische Männer kennengelernt hat

Was ist dir als Nächstes aufgegangen?
Dass die Art und Weise, wie ich jemanden kennenlerne, einen Einfluss darauf hat, wie sehr ich denjenigen mag. Diese Folie [siehe oben] zeigt, wie ich alle kennengelernt habe. Die Farben zeigen die Sympathie an. Ich hatte die meisten Dates also via OKCupid, aber die waren hauptsächlich grau, hatten also die niedrigsten Sympathiewerte. Die Leute, die ich persönlich kennengelernt habe, brachten auch die meiste Sympathie, da gibt es also viel Pink.

Ich denke, das Problem ist, dass es auf Match.com und OKCupid viele Felder auszufüllen gibt, also weißt du sehr viel über die Person, bevor du auf ein Date gehst. Aber sie haben dir ein gewisses Bild von sich präsentiert. Du hältst diese Leute für dermaßen cool—bis du sie dann vor dir hast. Ich finde, viele Dating-Seiten wecken nur Erwartungen, die eigentlich hinderlich sind.

Eine weitere Folie. Carin hat die Eigenschaften der Männer aufgelistet, die auf der Sympathie-Skala eine 4 oder 5 erreicht haben

Was hast du darüber gelernt, wen du attraktiv findest?
Tja, man sollte meinen, dass die Leute, die bei 5 anfangen, auch die begehrtesten Date-Partner sind. Aber ich habe festgestellt, dass ich mich mit den Männern, die anfangs eine 3 bekommen haben, viel besser verstanden habe. Sie konnten noch in meinem Ansehen steigen; die 5er waren hingegen eher kurzfristige Obsessionen. Das war eine sehr nützliche Erkenntnis, weil ich daraus gelernt habe, die 5er schneller loszulassen.

War es seltsam, ganz nüchtern jede Person aufzuzeichnen, mit der du Sex hattest?
Nein. Wer lange Single ist, sucht sich eben seine Sex-Partner. Hier war eher die große Überraschung, dass ich mich dem Mann nicht unbedingt näher verbunden gefühlt habe, nachdem ich mit ihm geschlafen hatte. Die Daten zeigen das ziemlich deutlich. Das fand ich enttäuschend.

Eine Übersicht darüber, wer die Beziehung beendet hat. In den meisten Fällen (51 Prozent) war es keinem von beiden ernst genug, um offiziell Schluss zu machen

Gab es noch andere Aspekte dieses Projekts, die du enttäuschend fandest?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich finde, ich habe dadurch eine bessere Perspektive bekommen. Ich dachte zum Beispiel immer, dass ich ständig abserviert werde. Aber wenn ich mir das Kreisdiagramm anschaue, dann stimmt das gar nicht. In 19 Prozent der Fälle einen Korb zu kriegen, ist gar nicht so schlimm. Ich denke also, dass ich dadurch ein besseres Verständnis der Situation entwickelt habe. Es hilft mir, mich zu entspannen.

Wie siehst du Dating, jetzt wo dein Projekt vorbei ist?
Ich weiß, dass ich keine von diesen dummen Internet-Dates mehr machen will. Das ist das Bescheuertste der Welt. Es ist alles inszeniert, und so funktioniert Liebe nicht.

Wie funktioniert Liebe denn deiner Meinung nach?
Manchmal denke ich, ich weiß nicht einmal wirklich, was "Liebe" bedeutet. Ich habe mir seit 10 Jahren keine Rom-Coms mehr angesehen, weil ich finde, dass die den Leuten ein unrealistisches Bild von Beziehungen vermitteln. Wenn ich mir Menschen ansehe, deren Beziehungen ich wirklich bewundere, dann sind das meist Leute, die vorher befreundet waren, oder die einander einfach über den Weg gelaufen sind und mochten. Ich habe also keine Ahnung.

Hast du dich jemals gefragt, ob es an dir liegt, dass du schon länger Single bist?
Natürlich. Ich habe mich gefragt, ob ich zu wählerisch bin, aber ich glaube nicht, dass ich das ändern kann. Dann dachte ich manchmal auch: "Ich finde einfach niemanden; irgendwas stimmt mit mir nicht." Aber das hat nichts mit diesem Projekt zu tun. So fühlen sich alle irgendwann mal.

Hast du nach all dieser Date-Erfahrung ein paar Tipps für mich? Hast du den Date-Code geknackt?
Nein, dieses Projekt hat mir das Gefühl gegeben, dass ich rein gar nichts übers Daten weiß. Ich glaube nicht, dass es einen Code gibt.

Du meinst also, da draußen herrscht eigentlich nur pures Chaos?
So ziemlich, aber das Projekt hatte ja auch andere Nutzen. Mein großes Ziel war nicht, einen Mann zu finden, sondern weniger darauf zu geben, ob ich einen Mann finde. Und das habe ich allemal hinbekommen.