Meinung

So sieht der lange Weg der Besserung nach einer Trennung aus

Egal ob Trennungssex oder endgütige Verarbeitung, wir erklären dir die Hürden, mit denen du dich nach einem Beziehungsende konfrontiert siehst.

von Julian Morgans
16 Februar 2017, 8:29am

Titelbild: Ashley Goodall​

Der Übergang ins Single-Dasein ist wie der Umzug in ein fremdes Land. Anfangs kommt dir alles total komisch vor und die Akklimatisierung dauert ihre Zeit. Im ersten Monat schießen dir viele Fragen durch den Kopf: Wo bin ich? Wer sind diese Menschen, mit denen ich trinke? Wäre ich jetzt nicht viel lieber zu Hause? Tränen und sonderbare Drinks prägen diese Übergangszeit. Tragik, Hemmungslosigkeit und Nervenzusammenbrüche gehören zum Alltag. Du hasst es – und liebst es gleichzeitig auf gewisse Art und Weise.

Doch das Leben geht weiter. Die Monate ziehen ins Land und irgendwann steht es dir nicht mehr zu, deine Freunde mit traurigem Gesülze zu langweilen. Dann erzählt du etwas vermeintlich Lustiges über deine verflossene Liebe und irgendjemand beugt sich zu dir rüber und flüstert dir zu: "Hey, ich weiß schon, dass die Trennung nicht leicht war. Sie liegt jetzt aber auch schon ein Jahr zurück." Diese Person hat Recht. Dein Herzschmerz sollte nicht länger als ein Jahr dauern. So viel Zeit braucht es ungefähr, um sich ans Single-Dasein zu gewöhnen. In diesen zwölf Monaten wirst du dich neu ordnen und dabei einige Hürden überwinden.

Und diese Hürden sehen folgendermaßen aus.

Erster Monat: die Trennung

Normalerweise kommt dieser Schritt nicht überraschend. Er ergibt auch viel Sinn, wenn man die vorangegangen Monate bedenkt: Ihr habt euch ständig wegen des Wocheneinkaufs gestritten und die verheulten Nächte voreinander verheimlicht. Keiner von euch hat seine wahren Ängste ausgesprochen. Euer Stolz und eure Faulheit haben euch letztendlich das Genick gebrochen.

Also ziehst du vorerst auf die Couch eines Bekannten und wachst jeden Morgen mit einem Gefühl auf, du hättest Socken und Rosen im Mund. Du bereust nicht viel, fragst dich aber, wer du jetzt bist. Männer versuchen meistens, diese Frage mit einem Bart zu beantworten. Bei Frauen ist es hingegen eine Ponyfrisur oder wasserstoffblond gefärbtes Haar. Auf jeden Fall betrinkst du dich ständig, bis du gut zwei Wochen später ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer eigentlich verhassten Person hast. Und dieser Geschlechtsverkehr ist alles, bloß nicht schön.

In anderen Worten: Der erste Monat fühlt sich surreal an. Und letztendlich lernst du gar nichts – außer vielleicht, dass Tinder scheiße ist.

Zweiter Monat: der Trennungssex

Das Erwachsenenleben bietet im Grunde nur vier wahre Freuden: Käsetoasts, Nickerchen an Weihnachten, nächtlicher Regen auf einem Metalldach und Trennungssex. Manche Leute sind der Meinung, dass Trennungssex nur Ärger bringt. Damit liegen sie auch richtig. Diese Leute haben aber nie wirklich gelebt.

Ungefähr zwei Monate nach der eigentlichen Trennung trefft ihr euch auf einen Kaffee, um mal wieder zu plaudern. Einer von euch (du) bekommt dann plötzlich feuchte Augen und gibt zu, dass es nicht leicht ist. "Ich vermisse dich sehr", sagst du. Die dir gegenübersitzende Person wägt die Optionen ab. Zuzugeben, dass das Ganze auf Gegenseitigkeit beruht, wäre ein Zeichen von Schwäche. Bei deinem Anblick gibt es jedoch nichts zu verlieren. "Kommst du noch mal mit zu mir?", heißt es dann. "Du musst deine DVDs holen."

Und so fallt ihr wieder übereinander her. Vielleicht küsst ihr euch, vielleicht auch nicht. Sex mit dem oder der Ex ist wie die Rückkehr in dein altes Kinderzimmer: All die geliebten Dinge, die einst dir gehörten, sind noch da. Dich überkommen Erinnerungen. Alles ist so vertraut. Beim Geschlechtsverkehr lässt du alles raus, weil dein Herz so schmerzt. Gleichzeitig ist zum ersten Mal seit einem Monat alles wieder gut. Eigentlich sogar besser als gut. Deine Zukunft sieht rosiger aus denn je.

Illustration: Ashley Goodall

Dritter Monat: die zweite Trennung

Das Problem beim Trennungssex sind die Folgen: Entweder kommt ihr wieder zusammen oder er zerstört euch komplett. Das zweite Szenario manifestiert sich im Grunde immer darin, dass einer von euch beiden mit der Sache endgültig abschließt.

Falls es sich dabei um dich handelt, dann herzlichen Glückwunsch! Falls nicht, dann zieh dich lieber schon mal warm an. Eines Tages wirst du nämlich erfahren, dass deine verflossene Liebe wieder vergeben ist. Dann wird dir klar, dass er oder sie in einem flotten Sportwagen in Richtung besseres Leben davonbraust und dabei keinen einzigen Blick in den Rückspiegel wirft.

Sechster Monat: Geht es dir wirklich gut?

Dein Aussehen ist wieder normal und du hast auch schon ein paar echt angenehme Dates hinter dir. Du erzählst deinen Freunden, dass es dir gut geht, aber sie beschleicht trotzdem das Gefühl, dass das vielleicht nicht stimmt. Eines Freitagabends gönnst du dir dann ein bisschen zu viel Alkohol und verbringst plötzlich vier Stunden damit, deine Ex und ihren Neuen in den sozialen Netzwerken zu stalken. Es ist wie eine juckende Stelle, die man kratzt. 

Erst fühlt es sich gut an, aber irgendwann geht die Haut ab und man kann trotzdem nicht aufhören. Du betrachtest Fotos, auf denen die beiden lachen, schwimmen und mit ihrem Hund spielen. Moment, SIE HABEN SICH EINEN VERDAMMTEN HUND GEHOLT? Das Kratzen wird immer hektischer. Freunden, denen du eigentlich vertraust, gefällt dieser Müll. Dazu schreiben sie noch Sachen wie "Total süß!" unter die Fotos. Inzwischen sind deine Hände durch das Kratzen schon ganz blutverschmiert, aber du bist nicht in der Lage, es sein zu lassen. Die Trennung liegt jetzt sechs Monate zurück und du solltest sie verarbeitet haben. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus.

Illustration: Ben Thomson

Neunter Monat: OK, vielleicht bist du echt drüber hinweg

Inzwischen hast du ein favorisiertes Date-Hemd und weißt, bei wem man auf Tinder lieber nach links wischt. Dein Leben folgt einem angenehmen Rhythmus und du führst keine hypothetischen Gespräche mit deiner Ex mehr, in der du alles rauslässt, was dir auf dem Herzen liegt. Das hast du längst hinter dir und du bist glücklich.

Die Ausnahme bilden hier nur Sonntage. Sonntags ist man nämlich nie glücklich. Das liegt daran, dass im Single-Leben alles verstärkt wahrgenommen wird: Die Höhen sind höher, die Tiefen jedoch auch tiefer. Und nach einer wilden Partynacht gibt es nichts Tristeres als einen einsamen Sonntagnachmittag.

Zwölfter Monat: Und was jetzt?

Du bist jetzt tatsächlich drüber hinweg und du weißt schon gar nicht mehr, wie sich eine Beziehung anfühlt. Du rufst deinen Kumpel an: "Hey, willst du am Freitag etwas trinken gehen?" Seine Antwort: "Cool, gerne! Ich frage mal eben meine Freundin." Und du denkst dir nur: "Was? Moment mal! Deine Freundin ist nicht eingeladen."

Beim Auflegen fragst du dich, was bei deinen Freunden falsch gelaufen ist. Auf Singles wirkt das Konzept einer Beziehung nämlich total verrückt. Verdammt, du bist inzwischen ein so eingefleischter Single, dass du es manchmal gar nicht mehr für möglich hältst, dich erneut zu verlieben. Haben Tinder und dein Zynismus dich so sehr verändert, dass du dein Leben nie wieder mit einem anderen Menschen teilen willst?

Tief in dir drin willst du das aber doch noch. Und eines Tages wird es auch wieder so weit sein. Du wirst dich wieder verlieben und dir beim gemeinsamen Abendessen denken, dass dir da der schönste Mensch der Welt gegenüber sitzt. Mit diesem Menschen lässt du dich anschließend auf der Couch nieder und fühlst dich dabei vollkommen – und unendlich glücklich.

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