Ich bin in der SPD, meine Oma lebt in der Südukraine – ich verzweifle an meiner Partei

Meine Oma hat ihr Küchenfenster mit Sandsäcken verbarrikadiert. Sie hat trotzdem noch mehr Durchblick als viele Genossen.

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Vor ein paar Tagen hat mir meine Oma auf WhatsApp ein Foto geschickt. Das wäre nichts Ungewöhnliches, wenn meine Oma nicht in einer umkämpften Stadt im Süden der Ukraine leben würde und wäre auf dem Foto nicht ihr Küchenfenster zu sehen, das sie mit Sandsäcken verbarrikadiert hat.

Meine Oma ist glücklich darüber, dass sie in der Küche nun besser geschützt ist gegen die Raketen der Russen, die täglich auf ihre Stadt einprasseln. Ihr ist das Gefühl der gesteigerten Sicherheit wichtiger als der nun fehlende Blick durch das Fenster. 

Ich sorge mich um sie. Das verbarrikadierte Fenster ist eindeutiger als die zumeist eher positiven Berichte meiner Oma. Sie ist ja auch meine Oma, daher ist alles "ne plocho" (nicht schlimm), auch wenn gerade die Sirenen lärmen. Bloß das Traurige und Belastende vom Enkelkind fernhalten. Nur über meine Eltern erfahre ich, dass sie seit einer Woche kein fließend Wasser mehr hat.

Verlasse ich den Chat mit meiner Oma und wechsle zurück in das deutsche Tagesgeschehen, dann wirkt es so, als hätte eine dieser Welten nichts mit meiner Realität zu tun. Ich bange jeden Tag um das Überleben meiner Verwandten. Meine Bundesregierung bremst aber, wenn es darum geht, Putin schnell zu stoppen. Sie bremst das Energie-Embargo aus, sie blockiert die Lieferung schwerer Waffen, die den Vormarsch der russischen Armee in meiner Heimat stoppen könnten.

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Das schmerzt mich als Sozialdemokrat besonders. Die SPD feiert sich in den sozialen Netzwerken für die kleinen Schritte, die sie seit der sogenannten Zeitenwende-Rede gegangen ist. Gleichzeitig reden viele Sozialdemokraten über den Krieg in der Ukraine und Putins Interesse, als ginge es bloß um zwei Seiten in einer Schachpartie. Auf der einen Seite die Sicherheitsinteressen Russlands und auf der anderen Seite die Möglichkeit, der Ukraine zu helfen. Viele Genossinnen und Genossen blenden aus, dass nur auf der einen Seite, also in der Ukraine, Zivilisten sterben.

Bei welchem Verkehrsunfall wäre es für die Rettungskräfte angemessen, die Bedürfnisse einer verletzen Person hintenanzustellen, aus Angst, den Unfallverursacher zu provozieren?

Wie ein schlimmer Unfall fühlt es sich für mich an, wenn mich aus meinem Geburtsland täglich schreckliche Bilder und Nachrichten erreichen und in Deutschland die Entscheidungsträger in Frieden und Sicherheit taktisch debattieren. Doch es geht hier nicht um einen Unfall, sondern um eine lange geplanten Vernichtungskrieg.

Diejenigen, die den Ernst der Lage verstanden haben, die verstehen, welche Verantwortung Deutschland trägt, werden auf offener Bühne angefeindet

Ich kann mir dieses Verhalten nur dadurch erklären, dass diejenigen, die in Deutschland Entscheidungen treffen, ihr Handeln nicht jenen Menschen erklären müssen, die Opfer dieses Krieges sind. Ich sitze in keinem Parlament und in keiner Regierung und ich muss meine SPD meinen Verwandten, meinen Freundinnen und Freunden erklären. Das wird jeden Tag schmerzhafter und schwieriger. 

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Wer sich angesichts der schrecklichen Bilder aus der Ukraine immer noch darauf ausruht, ein paar schlaue Sätze von Willy Brandt und Helmut Schmidt zu zitieren, sollte sich fragen, ob er nicht besser in einem Museum aufgehoben wäre als in einer regierenden Partei.

Einige Genossen versuchen die Frage, welche Verantwortung Deutschland im Angesicht dieses barbarischen Krieges trägt, mit einer Debatte über den Ton des ukrainischen Botschafters zu überdecken. Sie glauben, wütend darüber sein zu dürfen, dass der Botschafter ihre Partei und ihren Bundespräsident kritisiert. Die Debatte um Steinmeiers Ausladung und jene, die sie befeuern, verdienen einen besonderen Platz in den Geschichtsbüchern. So sieht der Einblick in meine Gefühlswelt aus.

Meine Oma hat sich den Krieg nicht ausgesucht, aber sie hat sich bewusst dazu entschieden, auf den Blick durch das Küchenfenster zu verzichten. Sie hat damit immer noch mehr Durchblick als viele in meiner Partei. Die russische Armee wartet nicht auf die SPD, meine Oma schon. 

Igor Matviyets wurde 1991 in der Ukraine geboren, mit sieben Jahren kam er nach Deutschland. Er lebt in Halle und engagiert sich seit vielen Jahren in der SPD. Igor ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Migration in der SPD Sachsen-Anhalt, vergangenes Jahr kandidierte er für den Landtag.

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