Ich hasse den Sommer und mir hinterher pfeifende Männer

Wenn wieder irgendein Typ im Schritttempo neben mir her fahren muss, dann würde ich gerne durch das runtergekurbelte Fenster in sein Auto spucken.

Gurkensuppe, mediterraner Nudelsalat, Zucchini-Carpaccio. Das sind Sommergerichte, weil sie leicht sind. Im Sommer esse ich weniger. Wahrscheinlich weil es zu heiß ist, aber wahrscheinlich auch, damit die Wut mehr Platz hat in meinem Bauch. Ich bin sauer. Sauer auf Männer. Im Sommer fühlt es sich an, als würden sie noch mehr Platz einnehmen. Sie breiten sich aus wie die Hitze die zwischen den Häusern hängt. Aber irgendwie sind sie erdrückender als 35 Grad.

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Eigentlich ist der Sommer die beste Zeit für meine Lieblingsbeschäftigungen, nämlich jammern (darüber, wie schlimm der Winter war), mich beschweren (über das Wetter), rumliegen (am See, im Park, in meinem Zimmer mit geschlossenen Rollos, weil es sonst zu heiß wird) und erwartungsvoll sein, weil sich Sommer so anfühlt, als würde gleich etwas aufregendes passieren. Meistens passiert dann nichts. Und wenn etwas passiert, ist es ein Mann mit blankem Oberkörper, der mir in der Schlange vor dem Bäcker zuzwinkert und sagt, dass so ein Kleid "schon was Tolles" ist oder der Typ der mir im Vorbeigehen "Du bist hübsch" ins Gesicht ruft und dann "Sag mal danke!".


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Der Sommer und die Hitze macht uns allen noch mehr bewusst, dass weiblich gelesene Personen einen Körper haben. Wie Raucher auf einem Bahnsteig kriegen wir einen kleinen Bereich, in dem wir ungestört existieren dürfen. Im Sommer fühlt er sich noch kleiner an. Eigentlich passen da nur ganz knapp unsere eigenen vier Wände rein, wenn überhaupt. Wenn ich dann doch rausgehe, dann versuche ich schon vorherzusehen, was die Reaktionen auf meinen Körper sein könnten, um vorbereitet zu sein. Dann verlasse ich das Haus mit dem Wissen, dass ich gleich mit wütendem Gesichtsausdruck eine Hauptstraße runtergehen muss und jedes "Siehst scharf aus!" und jedes "Geil!" und jeden offensiven Augenkontakt mit einem angeekelten Blick kontern muss.

Manchmal versuche ich auch, die Reaktionen zu verhindern. Weil ich Angst habe, dass man meine Unterhose durch mein weißes Kleid sehen kann, trage ich weiße Fahrrad-Shorts darunter. Ein Freund von mir feiert Geburtstag und ich kenne nicht alle Leute, die eingeladen sind. Wir treffen uns in einem Restaurant und es ist schon spät und immer noch viel zu warm. Irgendwann fragen mich Freunde von Freunden, ob ich denn Unterwäsche trage unter meinem Kleid. Ich lache und weiß nicht ganz warum. Wahrscheinlich, weil ich gerade mein erstes Glas Sekt ausgetrunken habe oder weil es so dreist ist, dass ich erstmal nicht merke, dass mich die Frage ganz klein macht. Dann entschuldige ich mich kurz und heule ein bisschen aus Wut in diesem Restaurant-Klo und komme mir vor wie eine Protagonistin in einem Highschool-Film, die von ihren Mitschülerinnen für die Eins in Bio gemobbt wird und dann ihr Mittagessen auf der Kloschüssel sitzend und heulend zu sich nehmen muss. Ich fühle mich lächerlich. Mir ist peinlich, dass ich heule und mir ist peinlich, dass mir die Frage überhaupt passiert ist. Wenn ich so hinter der Tür kauere, ist die Kabine riesig. 

Auch wenn ich versuche die Reaktionen vorherzusehen, mein Körper und wie ich ihn kleide, ist jedem Mann auf dieser Welt Rechenschaft schuldig. Als ich die Männer später darauf anspreche, sind sie einsichtig. Trotzdem will ich mich die ganze Zeit für meine Wut entschuldigen. Es ist mir immer noch unangenehm, denselben Raum einzunehmen wie sie.

Wenn ich Fahrrad fahre und wieder ein Typ in einem Auto mit zugemüllter Rückbank im Schritttempo neben mir herfahren muss, dann würde ich gerne durch das runtergekurbelte Fenster in sein Auto spucken. Aber weil immer nur Männer überall hinspucken, habe ich das nie gelernt. Das Patriarchat siegt einmal mehr und ich drehe meine Musik lauter.

Manchmal ziehe ich mir im Sommer einen Hoodie drüber, um einfach mal nicht wahrgenommen zu werden. Ein "Ist dir nicht ein bisschen zu warm so?" kommt trotzdem.

Wir sind zu dick oder zu dünn, mit zu großen, hängenden Brüsten oder viel zu wenig Oberweite. Wir sind zu warm angezogen oder zeigen zu viel Haut. 

Am Ende haben wir aber nur Musik-lauter-drehen, wütend schauen, Mittelfinger zeigen. Und sie haben diese Überzeugung, dass ihnen die Welt gehört. Aber wir tragen weiter Shorts, Hoodies, Leggings, durchsichtige Kleider oder Netztops. Ich trage weiter die Wut, bis ich sie nicht mehr brauche. Also: Lasst uns diesen Sommer einfach mal in Ruhe schwitzen. 

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