Kriegsvideos statt Sex: Pornhub wird zur Protestplattform gegen Putin

Die Seite ist eine der wenigen Websites, auf denen man sich in Russland noch frei äußern kann. Wir haben mit Menschen gesprochen, die das nutzen.

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In einem Video, das vor Kurzem bei der Porno-Plattform Pornhub hochgeladen wurde, sieht man keine Sexszenen, sondern die ukrainische Hauptstadt Kiew im Dunkel der Nacht. Nur wenige Lichter brennen in den Wohngebäuden. Die Erotikdarstellerin Kate fängt sie mit ihrer Kamera ein. Plötzlich heulen in der Ferne Luftschutzsirenen los. Lichter gehen an. Die Bevölkerung Kiews wird am fünften Tag der russischen Invasion in der Ukraine aus dem Schlaf gerissen. 

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Vor dem Angriff Russlands auf ihr Heimatland hat Kate bei Pornhub noch Videos von sich und ihrem Partner beim Sex auf dem Balkon, in Nachtclub-Toiletten oder in der Natur hochgeladen. Jetzt hofft sie, dass die Leute ihre aktuellen Clips mit den Sirenen sehen und sich dabei daran erinnern, dass es auch sie treffen könnte.

"Ich hatte noch nie in meinem Leben eine solche Sirene gehört und war auch noch nie in einem Luftschutzbunker gewesen", schreibt Kate in einer Nachricht an VICE. "Ich lebe in einer Stadt mit drei Millionen Einwohnern. Ich will in Restaurants, Bars und ins Theater gehen. Ich will Filme im Kino anschauen. So leben die meisten Menschen in Europa, Amerika und Asien." Mit dem Video wolle sie deutlich machen, dass heutzutage niemand mehr vor einem Krieg sicher sei.


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Andere Menschen nutzen Pornhub ebenfalls, um die Welt über die Situation in der Ukraine zu informieren. Auch russische Pornodarstellerinnen protestieren dort gegen die Invasion Putins.

Ein russisches Pärchen, das unter dem Namen "bisexcouplefamilyfree" Videos auf der Erotikplattform veröffentlicht, lud vor wenigen Tagen ein Videostatement hoch. Darin sitzen Frau und Mann voll bekleidet nebeneinander und äußern ihren Unmut: Es tue ihnen weh und sie schämten sich, wenn sie sehen, was die russische Regierung da mache.

"Die ganze Welt hält unser Land für einen Aggressorstaat. Und daran ist nur unsere Regierung schuld. Das einzige, was wir jetzt machen können: nicht still bleiben und unsere Meinung sagen", sagen die beiden auf Russisch.

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Sich gegen Putin zu äußern, ist allerdings sehr gefährlich – gerade in Russland. Die russische Polizei hat zum Beispiel schon Tausende Menschen festgenommen, die gegen den Krieg demonstrierten. Darunter waren auch mehrere Schulkinder, die Blumen vor der ukrainischen Botschaft in Moskau niederlegen wollten.

"Irgendwann hat man einen Punkt erreicht, an dem es nicht mehr möglich ist, länger zu schweigen."

Der Zugang zu nichtstaatlichen Medien wird in Russland immer schwieriger: Twitter ist verboten, Facebook eingeschränkt und die meisten unabhängigen russischen Nachrichtenagenturen blockiert. Russlands Zensurbehörde droht damit, auch Wikipedia unzugänglich zu machen. Viele Leute fingen deshalb an, Bilder von der Zerstörung und den Toten in der Ukraine in Google-Maps-Reviews hochzuladen, um auch in Russland über den Krieg zu berichten. Aber Google schob dem Ganzen einen Riegel vor – wohl vor allem wegen der Fotos von toten und gefangen genommenen Soldaten – und berief sich auf seine Nutzungsbedingungen. Pornhub ist in Russland nicht blockiert – und damit eine der wenigen verbliebenen Plattformen, auf denen man sich noch frei äußern kann.

"Irgendwann hat man einen Punkt erreicht, an dem es nicht mehr möglich ist, länger zu schweigen", schreiben bisexcouplefamilyfree in einer Nachricht an VICE. "Wir wollten einfach mitteilen, dass es nichts Schlimmeres gibt als den Tod von unschuldigen Menschen, der nur dadurch verursacht wird, dass sich zwei Regierungen nicht einigen können. Das ist ungeheuerlich!" Viele Menschen in Russland brächten nun ihre Empörung wegen der aktuellen Geschehnisse in der Ukraine zum Ausdruck, so bisexcouplefamilyfree weiter. Und das, obwohl die russische Regierung so viel Druck ausübe.

"Wir sind für Frieden und gegen das Blutvergießen!"

2015 setzte Russland 136 Porno-Websites auf die schwarze Liste und behauptete, dass diese Seiten "unkoventionelle sexuelle Beziehungen propagieren, Respektlosigkeit gegenüber Eltern und anderen Familienmitgliedern fördern und Familienwerte anfechten" würden. 2017 zwang Russland Pornhub dazu, die Pässe der Besucher der Website zu kontrollieren. Die Verantwortlichen setzten diese Vorgabe so um, dass die Userinnen und User sich von da an über das russisches Social-Media-Netzwerk Vkontakte bei Pornhub einloggen mussten.

Trotz solcher Restriktionen bleiben Porno-Websites unter den letzten in Putins Medienblase noch zugänglichen Plattformen für Inhalte, die von Nutzerinnen und Nutzern erstellt werden. Bei der Pornoseite OnlyFans posten Menschen aus der Ukraine Live-Updates von ihrem Alltag, der jetzt vom Krieg geprägt ist. Die russische OnlyFans-Community befürchtet derweilen, dass sie erneut nicht mehr auf das Geld zugreifen kann, das die Userinnen und User dort mit ihrem Content verdienen. 

Der Info-Blackout macht es zusammen mit der ständigen Propaganda durch die russischen Staatsmedien den Menschen in Russland immer schwerer, wirklich zu verstehen, was außerhalb des Landes los ist.

"Manchmal wissen wir gar nicht mehr, was wir noch glauben sollen, was jetzt wahr ist und was nicht", schreiben bisexcouplefamily. "Es bleibt weiter nur ein richtiger Weg – nämlich zu sagen und zu tun, was einem das Herz sagt, und zu versuchen, sich gegenseitig zu unterstützen. Wir wollen deutlich machen: Das russische Volk darf man NICHT mit der russischen Regierung gleichsetzen. Wir sind für Frieden und gegen das Blutvergießen!"

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Ukraine, Internet, Invasion, protest, pornhub, Russland, Zensur, Krieg in der Ukraine, vgwrp-88f2c2c5e3254f04b52133afe3ac1453

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