Wäre ich schwul, würde ich Helmut Berger bumsen

Wer zur Hölle ist schon Jasmin Wagner? Ich bin ein Liebhaber Helmut Bergers.

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Nov. 2 2012, 12:45pm

„Herr Berger, was hatten Sie in der Hand, als Sie Knör zwischen die Beine griffen?“, wiehert die Boulevard-Journalistin hinter mir in den Raum und über die versammelte Pressemeute hinweg. Wen interessiert das denn bitte, dachte ich mir, und schämte mich insgeheim für die auf Negativ-Schlagzeilen abzielenden Fragen, die die Dame hinter mir gezwungen war zu stellen. „Wäre ich seine Frau, wäre ich nicht zufrieden“, nuschelt Berger als Antwort und gestikuliert wirr mit seinen Händen.

Die Boulevard-Presse und all die Postillen, die man ansonsten nur mit Verachtung beim Friseur liest, hatten sich nach Bergers Auftritt bei Markus Lanz bereits ein Bild gemacht. Die Pressekonferenz anlässlich der Veröffentlichung von Helmut Bergers neuem Bildband sollte also nur dazu dienen, dem angepassten Bürger zu Hause noch einmal klarzumachen, wer hier der richtige Asoziale ist und wo man endet, wenn man ein Leben voller Exzess führt—womöglich im Dschungelcamp.

Eine Stunde ließ Berger zuvor die Meute warten, ehe er zu seiner Pressekonferenz erschien. Einige der versammelten Journalisten fingen bereits an zu maulen, doch man sollte meinen, dass man sehr wohl eine Stunde auf einen Mann warten kann, der den Stil und die Würde besaß, in den 70ern auf dem monegassischen Rosenball, nachdem er sich zugekokst in die Hose seines weißen Anzugs geschissen hatte, bis fünf Uhr morgens bewegungslos auf seinem Stuhl zu verharren und sich „keinen Millimeter zu bewegen“, bis alle Gäste gegangen waren.


Sein Auftritt hat immer noch den Glanz und die Gloria eines Weltstars, der weiß, wie man mit den Medien spielt und wie man sich mit etwas Provokation in den Mittelpunkt rückt. Nach seinem Auftritt bei Lanz war das Echo quer durch die Bank blankes Entsetzen. Sowas kann man dem verklemmten und spießbürgerlichen deutschen Publikum nicht zumuten.
Berger, womöglich leicht angetrunken, bepöbelte die geladenen Gäste, darunter so illustre Gestalten wie Jasmin Wagner, die sich dankbar schätzen kann, dass ihr Name überhaupt mal wieder gedruckt wurde, und ein Komiker, den ich erstmal googeln musste, da er an sich so belanglos ist.
Ein großartiger Auftritt, der an seinen ikonischen Besuch bei Harald Schmidt vor einer Ewigkeit erinnerte. So ist Berger einfach, der Weltstar, der ehemals schönste Mann der Welt, der Mann, der sich von Bulgari ein goldenes Röhrchen für seinen Kokain-Konsum anfertigen ließ und dessen Namen man in einem Atemzug mit Klaus Kinski nennen kann.

So nuschelt er sich grandios durch die Vorstellung seines eigenen Buches. „Das interessiert doch niemanden!“ und „Es wird mir langweilig!“, fährt er seinem Verleger mehrmals über den Mund, während dieser versucht, die Aufmerksamkeit Bergers auf die an die Wand projizierten Fotos aus vergangen Tagen zu lenken.

Berger hat die Höhen und Tiefen des Lebens durchwandert wie nur wenige. Er ist ein Prototyp in Sachen Aufstieg und Fall. An der Seite Viscontis erlangte er Weltruhm, er zierte als erster Mann überhaupt das Cover der Vogue, vögelte Mick Jagger und wird von Madonna als „Idol“ bezeichnet. Gleichzeitig verlor er all sein Vermögen, verfiel nach Viscontis Tod in eine tiefe Krise, die in einem Suizidversuch gipfelte, und pflegte bis zu ihrem Tod 2009 seine erkrankte Mutter. Jemand, der offen über sein Leben sagen kann „Ich habe nur Kunstfilme gedreht, lebe von einer 450-Euro-Rente. Statt Kaviar esse ich jetzt halt Kartoffelsuppe. Vielleicht hätte ich Pornostar werden sollen, da wäre ich stinkreich geworden“, der hat jedes Recht der Welt, im Fernsehen einzuschlafen oder angetrunken mit seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu spielen.

In einer Gesellschaft, in der alles so weichgewaschen und durchgespült ist, dass man beinahe meinen könnte, die meisten Personen, die im Schlaglicht der Öffentlichkeit stehen, hätten sich freiwillig einer Lobotomie unterzogen, um weiterhin in den Postillen aufzutauchen, ist ein Charakter wie Helmut Berger nichts anderes als eine lebenswichtige Notwendigkeit.

Ich bin ein Liebhaber Helmut Bergers.

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Fotos von Grey Hutton

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