Anschlag auf das neue Asylbewerberheim in Hoyerswerda

Mit Sturmhaube und Hammer hat ein Mann versucht, in die neue Flüchtlingsunterkunft in Hoyerswerda einzudringen. Die Bewohner erleben drei Monate nach ihrem Einzug immer öfter Drohungen und Übergriffe. Das weckt böse Erinnerungen.

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Mai 2 2014, 9:18am

Mehr als 22 Jahre sind vergangen, seit in Hoyerswerda ein Mob aus Neonazis und Anwohnern beinahe alle Asylbewerber und Gastarbeiter aus der Stadt vertrieben hat. Genug Zeit, um wieder eine sichere Unterkunft für Flüchtlinge eröffnen zu können, hatte man wohl beim sächsischen Landkreis Bautzen gehofft. In einer ehemaligen Förderschule hat er seit Anfang Februar 85 Erwachsene und 32 Kinder einquartiert. Doch am Osterwochenende gab es wieder einen Anschlag.

Der Mann, der am frühen Karsamstag um kurz nach 3 Uhr nachts über den Zaun des Flüchtlingsheims stieg, trug eine rote Sturmhaube und einen Hammer in der Hand. Er schlug damit gegen das Fenster eines Zimmers, zehn-, elfmal. Tellergroße Splitter landeten auf den blau geblümten Kopfkissen der Bewohner. Sechs Männer leben in diesem Zimmer, die Kopfenden ihrer Betten stehen zur Fensterseite. Sie waren noch wach—deshalb blieben sie unverletzt.



In den frühen Morgenstunden des Ostersamstags kletterten zwei Maskierte auf das Gelände der Flüchtlingsunterkunft in Hoyerswerda. Anschließend schlug einer der Täter mit einem Hammer mindestens zehn Mal auf eine Sicherheitsscheibe ein.

Während der Angreifer auf die Scheibe einschlug, lösten die Bewohner den Feueralarm aus, um die Menschen im Heim zu warnen. Dann warteten sie. Auf den Sicherheitsmann, der zunächst in den Keller hinunterstieg, um den Alarm auszuschalten. Auf die Polizei, die 20 Minuten brauchte, bis sie zwei Männer schickte. Denn zur gleichen Zeit waren die Streifenwagen von Hoyerswerda zu einer „Massenschlägerei“ gerufen worden. Ein paar Straßen weiter kümmerten sich die Polizisten um vier Personen und mussten erst um Verstärkung aus dem Nachbarort bitten, erklärt ein Sprecher der zuständigen Polizeidirektion Görlitz..

Die Flüchtlinge halfen sich also selbst: Sie versammelten sich vor der Tür ihrer Unterkunft. „Kinder, Frauen, alle“, erzählt ein junger Syrer. Als alle draußen standen, seien die Angreifer verschwunden, sagt er.



Das Sicherheitsglas wurde durch den Angriff stark beschädigt. Durch die heftigen Schläge zersprang die Innenscheibe des mehrfach-verglasten Fensters. Die schweren Scherben fielen auf das unter dem Fenster stehende Bett. Zum Glück hatten sich die Flüchtlinge, die in dem Zimmer wohnen, noch nicht schlafen gelegt.

„Wir haben Angst hier“, sagt eine Frau, die mit ihrem Mann und zwei Kindern aus dem Libanon flüchtete und anschließend aus einer Asylbewerberunterkunft im sächsischen Schneeberg nach Hoyerswerda kam. In diesem Ort seien die Räume zwar hygienischer als zuvor—doch die Menschen seien „böse“, sagt sie.

In den vergangenen Wochen hatten zwei Frauen Anzeige erstattet, weil sie bedroht wurden. „Junge deutsche Männer“ hatten eine Libyerin mit dem Auto bedrängt und waren auf dem Bürgersteig auf sie zugefahren, als sie einen Kinderwagen zum Einkaufscenter schob. Sie trug ein Kopftuch. Vier Tage zuvor hatten Autofahrer eine Syrerin bespuckt und beschimpft.



Viele Flüchtlinge berichten uns von unangenehmen Erfahrungen, Beleidigungen und Bedrohungen, die sie in Hoyerswerda erlebt haben. Aus Angst vor Übergriffen wollen sie nicht fotografiert werden.

Bereits kurz nach dem Einzug der Asylbewerber Anfang Februar hatte ein Fahrradfahrer einen Marokkaner auf dem Marktplatz geschlagen. Seither umkreisen in den Nächten immer wieder junge Leute mit Autos die Unterkunft. Sie hupen, rufen, werfen Flaschen über den Zaun.

Mit dem Anschlag vom Karsamstag sei eine „neue Dimension der Bedrohung" erreicht worden, sagt Renate Walkenhorst von der Heim-Betreiberfirma European Homecare GmbH. Am Dienstag gab die Polizei bekannt, dass man gegen einen 25-jährigen Täter ermittle, wegen „Sachbeschädigung in Tateinheit mit versuchter gefährlicher Körperverletzung“. Ob der Mann aus dem rechtsextremen Spektrum stamme, wollte die Sprecherin des Abwehrzentrums nicht bestätigen. Es spricht jedoch einiges dafür.



Ein Flüchtling zeigt Handyfotos aus der Nacht. Nach der Attacke haben die sechs Bewohner das Zimmer verlassen. Aus Angst vor weiteren Angriffen schlafen sie zunächst in anderen Zimmern.

Die Betreiber der NPD-nahen Facebook-Seite „Nein zum Heim Hoyerswerda“ kommentierten unmittelbar nach der Tat den Polizeibericht mit dem Satz: „Vielleicht war es ja auch bloß der Osterhase, der ein paar nette Überraschungen bringen wollte?“ 20 der 2.365 Fans gefällt das. „Nur nicht aufgeben!!!“, schreibt einer.

„Hoyerswerda hat eine aktive Naziszene“, sagt Andrea Hübler von der Opferberatung der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Sachsen. Rund 25 Neonazis gehörten zum Kern der Gruppe, die sich „Autonome Nationale Hoyerswerda“ nennt. Acht von ihnen hatten sich im Herbst vor Gericht verantworten müssen, weil sie ein antifaschistisches Paar bedroht hatten. Dieses hatte daraufhin die Stadt verlassen, weil die Polizei keinen Schutz mehr garantieren konnte.



Auf Facebook macht eine anonyme NPD-nahe Bürgerinitiative Stimmung gegen die Flüchtlingsunterkunft. Im Stadtbild sieht man vor allem ihre Aufkleber.

Um die Asylbewerber zu schützen, hatte das zuständige Landratsamt vor allem in die Renovierung des Schulgebäudes investiert. Für knapp 900.000 Euro hatte es das Haus mit hohen Zäunen, Sicherheitsglas und Überwachungskameras ausgestattet. Mehr Polizisten, die im nahen Polizeirevier Nachtwache halten, gibt es aber seit dem Einzug der Flüchtlinge aber nicht.

Auch wenn das Sicherheitsglas am Samstag dem Angriff standhielt: Die Bewohner des Asylbewerberheims sind nervös. Sie berichten, dass auch in den Osternächten Menschen um das Gebäude geschlichen seien, um mit Flaschen und Feuerwerkskörpern auf die Unterkunft zu zielen. Die Polizei bestätigt diese Vorfälle nur zum Teil: Es sei „nicht abwegig“, dass Bewohner selbst die Böller gezündet hätten, sagt ein Polizeisprecher.



Falscher Alarm in der Nacht zum Ostermontag. Nachdem der Hausalarm ausgelöst wurde, durchsuchen Polizisten das Außengelände des Heims ab und erkundigen sich im Inneren, ob alles in Ordnung ist.

Am Sonntagabend hatten Asylbewerber zweimal den Feueralarm ausgelöst. Einen Anlass dafür habe es nicht gegeben, sagten Polizisten vor Ort. Diesmal standen sie mit vier Einsatzwagen vor der alten Förderschule. Für diese Nacht, den 20. April, den Geburtstag Adolf Hitlers, hatte sich das Revier Verstärkung nach Hoyerswerda geholt.

Bereits in der Woche zuvor hatten Asylbewerber einen offenen Brief an die Hoyerswerdaer Bevölkerung veröffentlicht: „Wir bitten um Ihre Hilfe, damit unsere Kinder keine Angst mehr auf dem Schulweg haben müssen und die Mütter sich nach den letzten Übergriffen wieder allein zum Einkaufen trauen“, schrieben drei von ihnen darin.

Jetzt wollen die Familien ihre Kinder gar nicht mehr zur Schule schicken. Sie wollen fort aus Hoyerswerda. Doch einfach wegziehen, das dürfen sie nicht.

Fotos: Björn Kietzmann

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