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Pinkeln für ein Plus: Die Sucht nach Schwangerschaftstests

Wenn man versucht, schwanger zu werden, dann fühlt sich jeder Schwangerschaftstest an, als ginge es um Leben und Tod. Für manche Frauen wird die Jagd nach dem gewünschten positiven Ergebnis schnell zu einer voll ausgewachsenen Sucht.
27.4.16
Photo via Flickr user Miss_Pupik

Eine 33-jährige Texanerin steht in ihrem Badezimmer und filmt. Vor ihr auf der Ablage steht ein Plastikbecher mit frischer Muttermilch, die sie von einer Freundin bekommen hat, sowie ein Schwangerschaftstest. Sie hält den Test in die Milch und legt ihn vorsichtig zum Trocknen auf Küchenpapier. Ziel des Experiments ist es, zu sehen, ob Muttermilch fälschlicherweise ein positives Testresultat hervorruft (tut es nicht).

Ihr Name ist Ashley Morrison und sie sagt über sich selbst, dass sie süchtig nach Schwangerschaftstests ist. Auf ihre Website peeonastickfreak.com lädt sie regelmäßig aktuelle Informationen und Ratschläge zu Heimschwangerschaftstests hoch. Die Seite hat bis zu einer Million Klicks im Monat. In den letzten Jahren hat Morrison mehr als 50 „Experimente" mit Schwangerschaftsurintests durchgeführt und online gepostet. Ihr bekanntestes Video mit fast 78.000 Views zeigt, wie sie zwei Morgenurinproben testet, wovon eine Probe mit Zucker versetzt wurde, um herauszufinden, ob es stimmt, dass ein zuckerhaltiger Urin ein falsches positives Ergebnis hervorruft (tut es nicht).

Morrison ist eine ausgebildete Tierarzthelferin, die mittlerweile genauso viel (wenn nicht sogar mehr) über Schwangerschaftstests weiß wie die Unternehmen, die sie herstellen. Ihr enzyklopädisches Wissen hat sie sich in 15 Jahren vermeintlicher Unfruchtbarkeit angeeignet, bevor sie schließlich mit ihrem Sohn und ihrer Tochter, die heute fünf und sechs Jahre alt sind, schwanger wurde. Vor zwei Jahren hat sie beschlossen, ihre eigene Website samt zugehörigem YouTube-Kanal und Facebook-Gruppe aufzuziehen. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung, öffentlichkeitswirksam mit Schwangerschaftstests zu experimentieren, war eine Fehlgeburt. Obwohl sie selbst nicht mehr aktiv versucht, schwanger zu werden, hat sie nach eigener Aussage „das Bedürfnis, Frauen zu helfen, die ebenfalls unter Unfruchtbarkeit leiden … Ich versuche Frauen dabei zu helfen, schwanger zu werden. Ich sehe es als meine Aufgabe, zu recherchieren, verschiedene Schwangerschaftstests zu testen und am Ende ein Urteil zu fällen."

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Morrison ist nur eine von vielen Frauen weltweit, die süchtig nach Schwangerschaftstests sind und ein Vermögen für Heimschwangerschaftstests ausgeben. In der Regel machen sie zehn bis zwanzig Tests innerhalb weniger Tage und teilen Fotos von den Teststäbchen auf Seiten wie fertilityfriend.com und babycenter.com, um sich anschließend detailliert mit Gleichgesinnten auszutauschen. Viele von ihnen übertragen ihren Schwangerschaftstest live auf YouTube und besuchen Testseiten und Facebook-Gruppen wie peestickparadise.com oder All About Pregnancy Tests.

Die Freundschaften, die zwischen Fremden in solchen Netzwerken entstehen, helfen vielen dieser Frauen dabei, nicht den Verstand zu verlieren. Saran McGrath, ein Mitglied von Morrisons Facebook-Gruppe, hat nach zwei Schwangerschaften und einer Fehlgeburt Rückhalt in der Gruppe gefunden und nennt sie ihren „sicheren Hafen."

Oftmals „verbessern" Frauen ihre ganz offensichtlich negativen Testresultate, indem sie mithilfe von Photoshop wie durch Geisterhand die zweite Linie erscheinen lassen, die mit bloßem Auge nicht zu sehen gewesen wäre. Aufgrund der hohen Nachfrage gibt es hierfür mittlerweile sogar Apps wie Early HPT+. Und dann gibt es auch noch „Pipi-Partys", bei denen mehrere Frauen gleichzeitig einen Schwangerschaftstest machen und das Ergebnis im Netz bekannt geben. Mittlerweile werden nicht mehr nur Bilder des Schwangerschaftstests gepostet—zusätzlich werden auch noch die Eheringe daneben gelegt, damit die Kamera den Teststreifen besser fokussieren kann.

Ich kenne dieses Gefühl. Als ich damals versucht habe mit meinen Kindern (heute fünf und zwei) schwanger zu werden, steckte ich auch ziemlich tief drin in der Sucht nacht Schwangerschaftstests. Allein den Test zu kaufen wurde zu einer Art Fetisch. Ich starrte oft lange auf die Schwangerschaftstests im Supermarkt und war wie im Rausch, wenn ich nur daran dachte, wie ich die nächste neue Packung holen würde. Ich setzte mir selbst ein Limit von zehn pro Zyklus, schließlich sind die Tests ziemlich teuer, aber schließlich fand ich online den 50er-Pack einer Billigmarke und kaufte zusätzlich noch irgendwelche anderen Marken, die ich in der Apotheke fand—einfach nur für den Kick. Manchmal machte ich sogar Ovulationstests, wenn meine Periode fällig war, nur für den Fall, dass ich schwanger sein könnte. Und weil ich einfach das Verlangen danach hatte, auf ein Stäbchen zu pinkeln.

Ich machte eine echte Wissenschaft aus den Urintests: Ich zwang mich dazu, so lange wie möglich einzuhalten, damit mein Urin hoch konzentriert wurde und zählte die Sekunden, die ich den Test in den Urin hielt, mit der Stoppuhr auf meinem Handy. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich dabei zusah, wie die Feuchtigkeit das kleine Ergebnisfenster des Tests durchzog. Als dann nur eine einzelne grausame Linie erschien, suchte ich verzweifelt nach dem Hauch einer zweiten Linie. In meiner Verzweiflung habe ich die Tests manchmal sogar auseinandergenommen, obwohl man das eigentlich nicht tun soll. Wenn ich ein eindeutig negatives Ergebnis hatte, machte ich natürlich einfach noch einen und noch einen und noch einen—selbst wenn mir eigentlich schon längst klar war, dass eine Schwangerschaft ausgeschlossen war.

Foto: Esparta Palma | Flickr | CC BY 2.0

Damals wusste ich unglaublich viel über die Antikörper-Teststreifen und verbrachte täglich Stunden in Schwangerschaftsforen. Die Vorstellung, dass ein Kind zu bekommen auf eine einzelne kleine Linie reduziert werden kann (oder auf das digital eingeblendete Wort „schwanger"), wirkt merkwürdig—aber wenn all deine Hoffnungen darauf beruhen, endlich diese Linie oder dieses Wort zu sehen, dann ist es schwer, sich nicht darauf zu fixieren.

Wie jede Sucht ist auch die Sucht nach Schwangerschaftstests zunächst unglaublich aufregend, hat aber gleichzeitig auch ihre dunkle Seite. Für Frauen, die an Unfruchtbarkeit leiden oder wiederholt Fehlgeburten erlebt haben, können Schwangerschaftstest zu einem ernstzunehmenden Angsterlebnis werden. Sonia, eine 31-jährige Hausfrau und Mutter, ist im Moment mit ihrem siebten Kind schwanger. Zuvor hatte sie neun Fehlgeburten. Im vergangenen Jahr hat sie damit angefangen, YouTube-Videos aufzunehmen und jeden einzelnen Schritt ihres Versuchs, schwanger zu werden, zu dokumentieren. Sie ist mittlerweile im zweiten Trimester und sagt: „Ich kaufe mir keine Tests mehr, aber ich benutze die, die ich habe, immer noch gern. Einfach, weil ich es kann. Ein Teil von mir kann einfach nicht glauben, dass die Tests jetzt positiv sind. Ein anderer Teil von mir hat das Gefühl, immer weiter Tests machen zu müssen, um zu sehen, ob die Linien schwächer werden und ich wieder eine Fehlgeburt habe."

In einem vor Kurzem erschienenen Vlog zeigt Sonia, wie sie in der neunten Schwangerschaftswoche einen Test gemacht hat, um den „Hook-Effekt" zu demonstrieren—das heißt, dass die zweite Linie blasser wird, wenn das Schwangerschaftshormon die Obergrenze des Tests überschreitet. „Es gibt viele Leute, die die Tests aus demselben Grund machen wie ich", sagt Sonia. „Sie haben Angst vor einer erneuten Fehlgeburt und wenn ein Test blasser wird, kriegen sie Panik. Ich möchte sie aufklären und sie damit beruhigen."

Moderne Schwangerschaftstests sind so empfindlich, dass wir heute ganz leicht an Informationen gelangen, die vorherige Generationen nicht hatten. Ich habe eine Erfahrung gemacht, die viele Frauen heutzutage machen: Mir wurde schmerzlich klar, was es heißt, eine frühe Fehlgeburt bzw. eine „chemische Schwangerschaft" zum Zeitpunkt, wenn die Periode fällig ist, bewusst zu erleben. Ohne die Heimschwangerschaftstests, die es einem möglich machen, eine Schwangerschaft schon eine Woche vor dem Einsetzen (oder eben nicht Einsetzen) der Menstruation festzustellen, würde der Abbruch einer solchen Schwangerschaft einfach nur wie eine normale Periode wirken. Natürlich wäre die einfachste Lösung, den Test erst dann zu machen, wenn man bereits überfällig ist. Aber wenn es die Möglichkeit gibt und man sich nichts sehnlicher wünscht als ein Kind, fällt es schwer, sie nicht auch zu nutzen.

Morrison äußert noch weitere Bedenken über die hoch sensiblen Schwangerschaftstests: „Solche Tests machen Frauen, die schwanger werden wollen, oft verrückt, da sie gut sichtbare Antikörperstreifen haben, die auch als positives Ergebnis missgedeutet werden können. Insbesondere Tests mit blau gefärbten Streifen können schnell falsch interpretiert werden. Eine Linie ist dann nicht mehr nur eine Linie."

Letztendlich geht es bei Schwangerschaftstests darum, endlich eine dicke, fette, positive Linie zu bekommen. Dieser Moment lässt sich mit keinem anderen Augenblick vergleichen und Teil der Faszination dieser modernen Online-Schwangerschaftsgruppen ist es, die Möglichkeit zu haben, diese Aufregung indirekt mitzuerleben, indem man anderen Frauen dabei zusieht, wie sie einen Schwangerschaftstest machen und das Ergebnis mit ihren Partnern oder Freunden teilen.

Ich habe keine weiteren Kinder mehr geplant und trotzdem vermisse ich die Spannung eines Schwangerschaftstests. Ich stehe wieder oft im Supermarkt und starre auch die Schwangerschaftstests, dieses Mal jedoch etwas traurig, weil ich weiß, dass ich nie wieder einen brauchen werde.